Sexualerziehung und die Maus Hier geht es um Ängste. Aber nicht die der Kinder!

Kindersendungen, die zur Umerziehung unserer Kleinen missbraucht werden? Eine Studie sieht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Gendermainstreaming und Frühsexualisierung von Kindern am Werk. Aber sagen die Reaktionen nicht eigentlich etwas über ein verqueres Verständnis von Sexualität aus? Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 06.07.2022 | Archiv

Die Maus. | Bild: BR/Trickstudio Lutterbeck/WDR

Unsere armen Kinder! Opfer des Missbrauchs durch ARD und ZDF! Immer wieder geistern Studien oder Artikel, meist aber schlichte Unterstellungen, durch die Presse. Diesmal aber wollen Wissenschaftler*innen festgestellt haben, dass Kindersendungen die unschuldigen Wesen vor den Bildschirmen missbraucht haben. Was steckt hinter dieser steilen These? Etwa Angst vor der eigenen Sexualität? 

Harte Angriffe von Fachfremden 

Die "Welt" räumt drei Wissenschaftlerinnen und zwei Wissenschaftlern Platz ein, um ihre Ergebnisse zu veröffentlichen. Misstrauisch hätte sie diese Passage machen müssen: "Wir, eine Gruppe verschiedener Wissenschaftler, hatten uns zum Ziel gesetzt, der Fehlinformation der 'Vielgeschlechtlichkeit' auf die Spur zu kommen." Eigentlich kann das Ziel von Wissenschaft doch sein, einen Sachverhalt offen und neutral zu untersuchen, um dann eine Schlussfolgerung zu ziehen. Wer aber Aussagen von vorneherein als "Fehlinformationen" denunziert, will nur eines: seine Ansicht durchboxen. Interessant ist auch die vage Bezeichnung "Wissenschaftler", weil bei Studien normalerweise auf das Fachwissen der Beteiligten verwiesen wird. Schauen wir uns also mal die Viten der fünf Autorinnen und Autoren an: Uwe Steinhoff ist Politikwissenschaftler, Rieke Hümpel bezeichnet sich als "Mutter, Texter, Biologe", Marie Vollbrecht forscht über Fische und Dr. Antje Galuschka über Immunologie und Transfusionsmedizin, Alexander Korte ist als Jugendpsychiater der einzige mit einer Fachqualifikation. Kein Medienwissenschaftler, keine Statistikerin gehörte dem Team an. 

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Claas Gefroi In der Welt erscheint ein Artikel über die "Sexualisierung und Umerziehung" von Kindern im ÖRR, verfasst von fünf vermeintlichen Fachleuten. Hier mal kurz erklärt, was die vermeintlichen Sexualpädagogik-Expert*innen so beruflich treiben: Uwe Steinhoff ist Professor und Head 1/5 https://t.co/pnBHoYX29o

In der Welt erscheint ein Artikel über die "Sexualisierung und Umerziehung" von Kindern im ÖRR, verfasst von fünf vermeintlichen Fachleuten. Hier mal kurz erklärt, was die vermeintlichen Sexualpädagogik-Expert*innen so beruflich treiben:
Uwe Steinhoff ist Professor und Head 1/5 https://t.co/pnBHoYX29o | Bild: ClaasGefroi (via Twitter)

Interessant sind denn auch die Belege, die angeführt werden. Etwa die Wissenschaftsendung "Quarks". Klar, um 21 Uhr sitzen alle Kinder vor der Glotze und pfeifen sich das Allerneuste aus der Forschung über Transsexualität und Penisentfernung rein. Hat die "Welt" noch Wissenschaftsredakteur*innen? Gibt es dort noch irgendjemand, der Texte auf grobe Unstimmigkeiten durchsieht?   

Angst vor der eigenen Sexualität 

Trotzdem bin ich sehr dankbar über dieses Pamphlet. Denn es macht deutlich, dass es bei der Debatte um Sexualität von Kindern um Ängste geht. Gar nicht um die der Kinder. Die sind oft – und in diesem Fall ganz offenkundig – nur der Vorwand, um einem verzerrten Bild der Wirklichkeit eine Stimme zu verleihen. Es geht um die angebliche Sexualisierung von allem und jeden sowie um eine vermeintliche Agenda gegen das Dogma der Heteronormativität, also dass nur Sex zwischen Mann und Frau (eigentlich sogar nur nach einem Ehekontrakt) gottgefällig bzw. biologisch korrekt sei. Wobei es jedem Menschen freisteht, das zu glauben und danach zu handeln. Was jedoch bedenklich stimmt, ist der Glaube, Medien könnten Kinder mit unnatürlichen Formen von Sexualität oder der eigenen Geschlechtlichkeit infizieren. So als wären bestimmte Formen ein Ausdruck von Krankheit.

Besonders bedenklich: Manches klingt, als solle am besten nicht über Sexualität gesprochen werden. So nennen die Autor*innen ausdrücklich ein "Funk"-Video mit dem Titel "Wie ist es, vergewaltigt zu werden?" Der Titel mag reißerisch sein, aber wer sich das Video ansieht, merkt, dass es um Mitgefühl und Verständnis geht. Und das Vergewaltigungsopfer Jenny gibt darin sogar folgenden Tipp ab: "Wenn euch irgendetwas passiert, was euch nicht geheuer ist", dann geht zu Euren Eltern! Hier wird empfohlen, sich trotz aller Scham den Eltern zu offenbaren. Was kann jemand gegen dieses Video haben? 

Angst vor der eigenen Sexualität

Es gibt kein Problem der Öffentlich-Rechtlichen mit der Sexualität, sondern ein Problem von Menschen mit Sexualität an sich. Die sie für irgendwie schmutzig und leicht beeinflussbar halten und sie möglichst mit dem Mantel des Schweigens bedecken wollen. Die fatalen Folgen davon beschreiben alle Psychologen und Sexualwissenschaftlerinnen seit Sigmund Freud. Eine freie, gar befreite Sexualität war, das gebe ich gerne zu, immer ein Wunschtraum, der manchmal sogar zu mehr Zwang oder Unterdrückung führte. So hat die sexuelle Revolution auch einen neuen Maschismo hervorgebracht. Es gibt nicht nur Fort-, sondern auch Rückschritte und Irrwege. Und Sex ist nicht nur Lust, sondern auch Angst. Sexualität mag in Teilen schwierig, angst- und schambesetzt sein, gerade bei Kindern und pubertierenden Jugendlichen. Darüber zu reden, hilft. Was nicht hilft, ist jene zu verleumden, die das versuchen.  

Nachtrag: Offenbar gab es heftige interne Kritik innerhalb der "Welt", wie jetzt aus einem Artikel von Deniz Yücel hervorgeht. Springer-Präsident Mathias Döpfner habe in einem Brief an alle Mitarbeiter den Beitrag als "unterirdisch" und "wissenschaftlich bestenfalls grob einseitig" bezeichnet.