Johann Hinrich Claussen Die skurrilsten Kultstätten der Welt

Die Patronin der LKW-Fahrer in Argentinien, das Himmlische Jerusalem im Kongo, ein heiliger Berg auf Hawaii: Johann Hinrich Claussen hat eine Reise zu außergewöhnlichen religiösen Orten unternommen. Und eine besondere Magie gefunden.

Von: Antonio Pellegrino

Stand: 22.12.2020

Ein Schrein der "Difunta Correa" mit Wasserfalschen am Straßenrand in Argentinien | Bild: Alexandra Sailer/Mary Evans Picture Library/picture alliance

Wer durch die Weite der argentinischen Landschaft fährt, kann eine seltsame Beobachtung machen: Flaschen mit Wasser darin, manchmal schon leicht bräunlich. Mit Umweltverschmutzung hat das nicht zu tun, sondern mit dem Kult der Difunta Correa, der in Argentinien vor allem von Lastwagenfahrern und armen Menschen gepflegt wird. In seinem Atlas ""Die seltsamsten Orte der Religionen" berichtet Johann Hinrich Claussen von skurrilen Kultstätten der Weltreligionen:

Antonio Pellegrino: Sie haben sich auf Spurensuche begeben, um den Glauben in all seinen möglichen Ausdruckformen zu dokumentieren. Wie ist die Idee entstanden?

Johann Hinrich Claussen: Beim Schreiben dieses Buches habe ich viele neue Aha-Erlebnisse gehabt und viel gelernt. Ich dachte, dass ich mich ganz gut auskenne in diesem Feld, habe aber festgestellt, dass das so nicht stimmt. Die Sache ist viel bunter und manchmal auch verrückter, lebendiger, anrührender als das, was wir in Deutschland unter "Religion" und "Kirchlichkeit" verstehen. Das hat mich einerseits inspiriert und mir Freude gemacht und mich auch noch einmal daran denken lassen, dass wir uns in Deutschland immer in kirchlichen Untergangsszenarien befinden und Religion doch noch mehr ist. Und wenn wir die europäische Perspektive mal beiseitelassen und versuchen, wirklich andere Länder zu verstehen, können wir feststellen, dass Religion sehr wohl eine Menschenangelegenheit und eine Menschheitsfrage ist, die nicht einfach so zu Ende geht, sondern sich ganz eine ganz neue Form und Gestaltung sucht.

Welche Orte haben Sie besucht, und welche dieser Kultstätten haben Sie am meisten beeindruckt?

In meinem Buch beschreibe ich etwa 40 seltsame, erstaunliche religiöse Orte. Zwei davon waren mir besonders wichtig: Es war die Begegnung mit dem Kult der Difunta Correa in Argentinien, der inoffiziellen Heiligen der Lastwagenfahrer, und ihrem Zentralheiligtum in Vallecito, dem kleinen Tal in San Juan. Man nennt es auch das "argentinische Mekka". Eine Million Menschen fahren und wandern im Jahr dorthin, um sich zu bedanken für eine Hilfe, die sie von der Difunta Correa bekommen haben. Diesen Kult habe ich wahrgenommen, als ich nach meinem Theologiestudium ein Jahr in Argentinien war und dort als Hilfspastor gearbeitet habe. Diese Art von intensiver Volksfrömmigkeit, die mir zunächst einmal völlig absurd erschien, hat mich sehr beeindruckt. 

Die Familie meiner Frau hat portugiesische Wurzeln, wir fahren oft nach Portugal und haben vor wenigen Jahren im Norden des Landes den Ort Belmonte besucht. Wir kamen eher zufällig dort an. In diesem schönen Städtchen Belmonte, auf einem Hügel gelegen, unweit der spanischen Grenze, leben die letzten sogenannten Marranen oder Kryptojuden, also Nachfahren der Juden, die vor einem halben Jahrtausend nach der Reconquista aus Spanien geflohen sind, um der dortigen Inquisition zu entkommen. Sie haben sich in dieser Grenzregion niedergelassen, waren nach außen hin und zum Schein katholisch, haben aber ihren jüdischen Glauben weitergelebt. Und dies bis heute, wo sie zum Glück nicht mehr verfolgt werden, sondern seit 1989 als Religionsgemeinschaft anerkannt sind und auch seit den 1990er-Jahren eine eigene Synagoge haben. Diese beiden Orte haben mich auf die Reise geschickt und nach weiteren suchen lassen.

Religiöse Orte und Kultstätten gibt es viele und überall verteilt auf der Welt. Nach welchen Kriterien sind Sie bei Ihrem Projekt vorgegangen?

Johann Hinrich Claussen

Bei diesem Buch bin ich jetzt nicht nach einem klaren, strikten Plan vorgegangen. Ich habe mich ein bisschen treiben lassen, zugleich aber darauf geachtet, unterschiedliche Aspekte nicht aus den Augen zu verlieren. Dabei habe ich eine große Faszination für Volksfrömmigkeit erlebt, also eine ganz populäre, einfache Form von Religion: arme, ungebildete Menschen ohne kirchliche oder sonstige theologische Anleitung machen sich ihre Religion "selber". Das hat für mich etwas Anrührendes, so wie in Argentinien, aber auch bei den afrikanischen Christen im Kongo, dem Kimbanguisten mit ihrem Zentralheiligtum Gamba. Ich wollte auch zarte, kleine, leise Orte beschreiben, in den Religion etwas Feines und Innerliches darstellt – aber auch zeigen, dass Religion etwas Erschreckendes ist, vor allem wenn sie sich mit politischer Macht und Gewalt verbindet. Ich habe Orte beschrieben, die Trauer oder Erschütterung auslösen: zerstörte Kirchen in Syrien, die vernichteten Schreine der Muslime bei den Uiguren, aber auch so etwas wie das zentrale Heiligtum der deutschen Rechtsextremisten, die Externsteine bei Detmold.

Welche Unterschiede gibt es bei der Verehrung von Heiligen, von religiösen historischen Figuren?

Es war für mich interessant, wie oft diese religiösen Orte sich mit bestimmten Gestalten, Menschen und Heiligen verbinden. Man geht an einen Ort, weil dieser Ort eine Kraft, eine Ausstrahlung hat, zugleich aber auch, weil jemand dort gewesen ist. Und das führt zu ganz unterschiedlichen Ritualen. Ganz wichtig ist das Pilgern, das Hingehen alleine oder gemeinsam mit vielen Menschen. Darin drückt sich Schmerz, Liebe und Verehrung aus. Zum Beispiel in Kerbala bei der großen Hussein-Wallfahrt mit Trauerszenen und Trauermärschen, wobei es um den Versuch geht, etwas von diesem Heiligen abzubekommen, mitzunehmen, sich von seiner Kraft anstecken zu lassen, sich reinigen und sühnen zu lassen, also neu danach ins Leben zu gehen. Dort habe ich staunend davorgestanden, weil wir das in der protestantischen Tradition nicht kennen. Aber für ganz viele Religionen ist das unendlich wichtig: Man geht an einen Ort, um sich an einen großen Heiligen, einen Helden des Glaubens zu erinnern, um sich dann auch von ihm inspirieren zu lassen.

Mit welchen Risiken muss man rechnen, wenn man solche Orte einem breiten Publikum zugänglich macht? Werden sie zu touristischen Attraktionen, zu Marktplätzen für den Absatz von Souvenirs und billigen Devotionalien? Ihr Buch will schließlich keine voyeuristischen Instinkte bedienen, keine "Freakshow" sein.

Eine große Gefahr des Reisens ist es, wenn es im Übermaß geschieht, dass es dann eine Form von Konsum wird, die verzehrt und vernichtet, was sie genießt. Und man kann jeden heiligen Ort am besten dadurch entheiligen, dass man besinnungslose Massen von Touristen durchrauschen lässt, die dann sich das einmal kurz angucken, ein "Ah" und "Oh" erleben und dann wieder fortziehen. Damit macht man die schönste Kathedrale, den heiligsten Hain kaputt. Freunde haben mir erzählt, wie sie einen wunderbaren Tempel in Japan besucht haben, den sogenannten Moos-Tempel mit einem Garten, der über 100 Moos-Sorten besitzt – einem der schönsten Gärten, die es überhaupt geben kann. Aber da kann man nicht einfach hingehen. Man muss einen Brief schreiben und eine Postkarte beilegen. Wenn man Glück hat, bekommt man ein halbes Jahr später eine handschriftliche Antwort mit der entsprechenden Zusage. Aber auch dann kann man den Tempel nicht einfach betreten: Man muss zunächst an einer buddhistischen Zeremonie teilnehmen, erst danach darf man hinein. Dies alles ist zwar etwas mühselig und schränkt die Freiheit des Reisens ein. Aber diese "Hürden" machen dem Reisenden klar, dass er wirklich offen und bereit sein muss, einen heiligen Ort zu besuchen und sich vorher auch auf eine rituelle Einstimmung einlassen sollte. Überhaupt muss man bedenken, dass wir Westeuropäer, nur weil wir das nötige Geld und die richtigen Pässe haben, damit nicht auch schon das Recht besitzen, jeden heiligen Ort aufzusuchen. Viele dieser Orte gehören indigenen Völkern und Gemeinschaften, die mit gutem Recht darauf achten, dass das auch für so sie bleibt – eben heilig und ausgespart von einer Benutzung und Vernutzung.

"Die seltsamsten Orte der Religionen. Von versteckten Kirchen, magischen Bäumen und verbotenen Schreinen" von Johann Hinrich Claussen ist bei C.H.Beck erschienen.

Das Interview mit Johann Hinrich Claussen wurde für die radioTexte auf Bayern 2 geführt. Den Podcast können Sie hier abonnieren.