Philosophin Elsa Dorlin Gewalt ist nicht nur etwas Negatives

Gewalt ist nicht Gewalt. Die französische Philosophin Elsa Dorlin analysiert die Gegengewalt unterdrückter Gruppen und zeigt: Physische Gewalt spielt eine wichtige Rolle in den Befreiungs- und Emanzipationsbewegungen der vergangenen Jahrhunderte.

Von: Günter Kaindlstorfer

Stand: 01.02.2021

Angela Davis: Schwarze Bürgerrechtskämpferin, für die Gewalt beim Kampf um Rechte, nicht tabu war. | Bild: picture alliance / dpa | Sandi Sissel/Tiff/Handout/Dpa

Wer darf Waffen tragen? Wer darf sich, wenn er angegriffen wird, mit Degen, Dolch oder Schusswaffen verteidigen? Es ist dies eine alles andere als triviale Frage, wie Elsa Dorlin in ihrem Buch herausarbeitet. Alle traditionellen Gesellschaftsformationen haben klare Demarkationslinien gezogen zwischen Subjekten, die würdig sind, sich zu verteidigen – klassisches Beispiel: Angehörige der Aristokratie – und Angehörigen "niederer" Schichten, denen das Waffentragen strengstens verboten war. Klassisches Beispiele dafür: Sklaven.

Waffengebrauch war ein Privileg der Mächtigen

Einen prominenten Teil ihrer diskurskritischen Analyse widmet Elsa Dorlin den strikten Reglementierungen, denen Sklavinnen und Sklaven in der frühen Neuzeit in französischen oder spanischen Überseegebieten ausgesetzt waren:"1685 verbietet Artikel 15 des französischen 'Code Noir' unter Strafe der Peitsche 'Sklaven das Tragen von Angriffswaffen und großen Stöcken'. Das spanische 'Schwarze Gesetzbuch' von Santo Domingo verbietet Schwarzen 1786 ebenfalls 'unter Strafe von fünfzig Peitschenhieben den Gebrauch jeder Art von Waffen'... Das Verbot, Waffen zu tragen, verrät eine ständige Angst der Kolonisten. Sie müssen auch alles verbieten, was den Sklaven die Möglichkeit geben könnte, sich auf einen Aufstand vorzubereiten und dafür zu trainieren."

Elsa Dorlin macht sich keine Illusionen über die angebliche Friedfertigkeit des Menschen. Historische Prozesse seien immer auch Gewaltprozesse, lautet eine ihrer Prämissen. Und in der Regel ist diese Gewalt von oben nach unten gerichtet.

Selbstverteidigung ist prinzipiell legitim

In ihrer Studie analysiert die Pariser Philosophin in der Tradition Michel Foucaults und anderer Poststrukturalisten, wie, wo und mit welchen Intentionen unterdrückte Gruppen in der Geschichte der letzten zwei- bis dreihundert Jahre Gegengewalt ausgeübt haben. Die prinzipielle Legitimität physischer Selbstverteidigung steht für Dorlin außer Frage: "Die Philosophie sieht in der Gewalt vor allem etwas eher Negatives. In den letzten Jahren gibt es, zumindest, was die politische Philosophie betrifft, sehr wenige Arbeiten über die Gewalt, außer, um die Gewalt als etwas Ungerechtfertigtes darzustellen oder um sie ausschließlich als Gegengewalt gelten zu lassen. In den letzten Jahren gab es also in der Politischen Philosophie kaum theoretische Überlegungen in Bezug auf die Gewalt."

Sieben Jahre hat Elsa Dorlin an ihrer Studie über "Selbstverteidigung" gearbeitet. Ihr Buch ist im wesentlichen eine historische Untersuchung über verschiedene Formen der Gegengewalt, mit denen unterdrückte Gruppen sich im Lauf der Geschichte ihr Recht auf Selbstbehauptung erkämpft haben. Dorlin analysiert den antirassistischen Befreiungskampf der "Black Panther" und anderer militanter Bürgerrechtsgruppen in den 1960er- und 70er-Jahren; sie beleuchtet den verzweifelten Aufstand der jüdischen Widerstandskämpfer im Warschauer Ghetto; und sie widmet sich den Selbstschutz-Vereinigungen, mit denen LGBTQ-Aktivisten im Gefolge der 68er-Bewegung in San Francisco und New York den Kampf gegen die Verfolgung sexueller Minderheiten durch die Polizei aufgenommen haben.

Der Kampf um Gleichberechtigung

Suffragette Emily Pankhurs

Eine der zentralen Protagonistinnen in Dorlins materialreicher Studie ist aber natürlich die feministische Bewegung, der sich die Philosophin auch biographisch verpflichtet fühlt: Da reicht der historische Bogen von den "Amazonenbataillonen" der Jakobinerin Théroigne de Méricourt in den 1790er-Jahren über die Jiu-Jitsu-Schulen der britischen Suffragetten bis hin zu feministischen Taktiken der Selbstverteidigung im 20. und 21. Jahrhundert: "Ich bin als politisch interessierter Mensch und in meiner philosophischen Arbeit von der Gesamtheit der Texte der feministischen Theorie und der feministischen Bewegung beeinflusst", sagt Dorlin. "Dabei geht es immer auch um Gewalt. Einerseits um Gewalt gegen Frauen, andererseits aber auch um die Frage, wie man dieser Gewalt entgegenwirken kann und was diese Gewalt mit uns macht."

Elsa Dorlin hat einiges an Material zusammengetragen für ihr Buch, einen Band, dessen historische Passagen – sie machen etwa 80 Prozent des Inhalts aus – auch die philosophische Laiin mit Gewinn lesen kann. Wer aber wirklich Profit aus Dorlins Studie ziehen möchte, sollte in post-foucaulistischer Philosophie ebenso sattelfest sein wie in Fragen der Diskursanalyse und der avancierteren Queer-Theory. Nur, wer im kleinen Finger hat, was er – oder sie – sich unter "segregationistischen Dispositiven"  und "rassialisierten Epistemen" vorzustellen hat, wird dieses Buch in seiner ganzen poststrukturalistischen Differenziertheit ausloten können.

Elsa Dorlin, "Selbstverteidigung – Eine Philosophie der Gewalt", aus dem Französischen von Andrea Hemminger, Suhrkamp-Verlag.