#ZeigtHerEureSehnsuchtsorte Mein Sehnsuchtsort? Die Kantine!

Gerade schwelgen wir alle im Fernweh. Wie schön wäre es, mal wieder fremde Städte oder Landschaften zu sehen. Aber brauchen wir gerade nicht etwas ganz anderes? 

Von: Martin Zeyn

Stand: 14.04.2021 | Archiv

In der Kantine: "Ausser Betrieb" | Bild: Max Büch

Sehnsuchtsorte. Ach! Amsterdam, Krakau, Paris, Bologna, Sevilla, London – alle gerade sehr weit weg, mindestens so utopisch wie kommerzielle Reisen zum Mars. Auch Landschaften wie das Rheintal, der Bodensee oder Fischland-Darß würde ich gerne wieder sehen. Aber meine wirklichen Sehnsuchtsorte sind im Moment viel banaler. Wann habe ich zum letzten Mal mit zehn Kollegen und Kolleginnen an einem großen und auch lauten Tisch in der Kantine gesessen? Wann Freunde zu einem Martinsgansessen eingeladen? Wann zu einem Familienfest mit 16 Personen eingedeckt und mich daran gefreut, dass meine 90jährige Mutter glücklich auf all die Enkelkinder geschaut hat? 

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Manu Feuerberg #zeigtHerEureSehnsuchtsorte Im Kanu auf dem Wasser, Cervo ein kleiner Ort in Italien Und noch Orte von denen ich keine Bilder auf dem Handy habe. https://t.co/5Kp9H5Hk4p

#zeigtHerEureSehnsuchtsorte
Im Kanu auf dem Wasser, Cervo ein kleiner Ort in Italien
Und noch Orte von denen ich keine Bilder auf dem Handy habe. https://t.co/5Kp9H5Hk4p | Bild: FerryMontes (via Twitter)

Ja, natürlich würde ich mich über den Anblick der Berge auf Mallorca freuen, während ich endlich wieder mal im Meer baden könnte. Aber im Moment interessiert mich gerade kein Inseltrip. Weil Urlaub für mich bedeutet, unbeschwert zu sein. Und ich fürchte, gerade mich über zu viele Leute aufregen zu müssen, die so tun, als sei das Ignorieren von Regeln ein wirksames Mittel gegen Corona. Nein, was ich dringend brauche für meine seelische Gesundheit ist kein Bad in der Menge, kein Hineindrängeln im großen Pulk in den nächsten Klamottenladen wie gerade in London zu sehen.  

Es gab mal Umarmungen

Was ich brauche, ist Nähe zu Menschen, die ich viel zu lang gemieden habe. Erinnert Ihr Euch noch? Es gab mal Umarmungen und Wangenküsse zur Begrüßung! Es gab mal ein Heranrücken, wenn der Freund sehr leise und traurig vom Konflikt mit seiner schwer pubertierenden Tochter erzählt hat. Mein Sehnsuchtsort: soziale Nähe. Nähe zu Menschen, die mir wirklich was bedeuten. Wenn wir vom long tail sprechen, von den Spätfolgen von Corona, dann geht es gerade um die Erkrankten, die immer noch an Symptomen leiden, vielleicht auch noch um die Weltwirtschaft, den Tourismus oder die Musikbranche. Aber meine 17jährige Tochter hat ein Jahr nicht tanzen gehen dürfen oder keine Chance gehabt, einen Freund auf einer Fete kennenzulernen. Keine Ahnung, welche Spätfolgen unser social distancing haben wird. Wobei, vielleicht lernen wir sogar daraus. Vielleicht bin ich weniger faul, lasse mich seltener auf das ach so einfache cocooning ein, sondern mache mich auf: Wenn eine Freundin mal jemand zum Quatschen braucht, weil es gerade echt blöd läuft, oder wenn ein Freund anruft, ob wir heute einfach mal ein Bier trinken gehen wollen. Nähe ist was Kostbares, Freunde auch. Das haben uns die letzten 14 Monate gelehrt.