Nachbarschaften #4 Christoph Peters und sein Haus im Wins-Kiez

Mit dem Umzug vom Dorf in die Stadt befürchtete er schon den Verlust von Nachbarschaft. Aber im Berliner Mietshaus gewann Christoph Peters ein Prenzlauer Nachbarschaftsparadies.

Von: Christoph Peters

Stand: 15.01.2021 12:01 Uhr | Archiv

Als ich vor 35 Jahren aus dem Dorf in die Stadt zog, dachte ich, jetzt ist es mit der Nachbarschaft vorbei: Fortan wird sich niemand mehr – nur weil er zufällig neben mir wohnt – für mein Leben interessieren und mit kritischem Blick beurteilen, ob es den überlieferten Regeln von Sitte und Anstand entspricht. Genau so war es dann auch für lange Zeit, bis wir vor inzwischen achtzehn Jahren die Wohnung im Prenzlauer Berg bezogen und eine Tochter bekamen. Ein Schulfreund, der bereits in diesem Haus wohnte, hatte uns den Kontakt zu den Vermietern vermittelt – ältere Privatleute, die am anderen Ende Berlins lebten und froh waren, wenn man sie in Ruhe ließ. Damals war das Haus eins von vielen unsanierten Gebäuden im Viertel, mittlerweile gehört es zu den letzten. Der Innenhof ist schäbig, aber es gibt ihn. Aus Rissen im Asphalt sprießen Gras und Schösslinge. Die Wand unseres Hauses und die Mauer zum Nachbargrundstück sind mit Graffiti besprüht, neben einem aufgeschütteten Beet voll halbwilder Pflanzen, steht ein klappriger Tisch mit einer Bank und einigen Stühlen, auf denen man im Sommer in der Sonne sitzen kann. Solange sie klein sind, spielen die Kinder hier Fußball und üben das Fahrradfahren, manchmal wird auch gegrillt oder jemand lackiert einen Schrank.

Gemeinschaft der Freigeister

Fast alle Mieter wohnen seit mehr als zehn, manche seit über zwanzig Jahren hier. Ohne, dass es jemand geplant hätte, hat sich ein Ensemble zusammengefunden, das in der Mehrheit aus Freiberuflern und Selbstgestrickten besteht. Neben unserem Schreiberhaushalt wohnt ein Musikjournalist, gegenüber eine Reise-Redakteurin, über uns lebt ein Verleger mit seiner Familie, außerdem eine Lektorin und ihr Mann, der als Medienwissenschaftler arbeitet. Dazu kommen zwei freie Übersetzer, eine Fotografin, ein Rentner, ein Langzeitarbeitsloser, ein Elektriker, sowie der Besitzer eines Gitarrengeschäfts. Im Ladenlokal zur Straße hin befindet sich ein Second-Hand-Shop.

Leben und leben lassen – und trotzdem zusammenhalten

Es ist eine gute Mischung von Ostlern und Westlern, Berlinern und Zugezogenen, mit vielen haben wir uns mehr zu sagen, als nur „Guten Tag“ und „Frohe Weihnachten“, gleichzeitig kommt aber auch nichts auf, das dem Sozialdruck einer Kommune ähnelt. Keine Partei liegt mit einer anderen in Dauerfehde, obwohl, seit wir hier wohnen, Kinder unterschiedlichen Alters Lärm machen, diverse Musikinstrumente gespielt, regelmäßig größere Abendessen und gelegentlich Partys veranstaltet werden, Hunde, Katzen und Meerschweinchen hier leben. Mit dem Verlegerehepaar waren wir schon befreundet, ehe sie ins Haus zogen, früher haben sie auf unsere Tochter aufgepasst, wenn wir abends Termine hatten, heute bringen wir ihre Kinder ins Bett. Ganz egal, wer einem gerade im Treppenhaus begegnet, man kann sich zwanglos unterhalten oder auch, falls man in Gedanken oder in Eile ist, zügig seiner Wege gehen.

Wenn mir beim Kochen auffällt, dass ich Eier, Zwiebeln oder Olivenöl vergessen habe, kann ich an jeder Tür im Haus klingeln, ohne dass es peinlich wäre. Neulich, als es aus einer unserer Steckdosen verschmort roch, kam selbstverständlich unser Elektriker, um sich das Ganze anzuschauen. Da es sich bei unseren Nachbarn zu mindestens zwei Dritteln um Individualisten handelt, treffen einen, anders als im Dorf meiner Kindheit, keine bösen Blicke, wenn man von der Norm abweicht, einfach deshalb, weil es keine Norm gibt. Alle werden irgendwie nach ihrer Façon selig, aber daraus ist weder ein „Unterm-Strich-zähl-ich“-Egoismus geworden, noch ein kaltes Desinteresse an den Anderen. Mit vielen unserer Nachbarn haben wir schon Krisen- oder Trauergespräche geführt, über Politik, Religion oder Kunst diskutiert, neben Lebensmitteln auch Rezepte und Buchtipps getauscht.

Perfekte Prenzlauer Nachbarschaft

Während ich all das so formuliere, denke ich, dass die Art und Weise, wie wir hier zusammenleben, eigentlich ziemlich nahe an das Ideal einer perfekten Nachbarschaft heranreicht. Zu allem Überfluss haben wir, gut hundert Meter entfernt, einen geradezu klassischen Tante-Emma-Laden in der Straße, betrieben vom nettesten vietnamesischen Ehepaar der Stadt, in dem es einfach alles gibt, von Putzmitteln über Kartoffeln, marokkanischen Salzzitronen bis hin zu mindestens sieben frischen Kräutern für Frankfurter Grüne Soße. Wenn ich für irgendein noch exotischeres Rezept eine Zutat benötige, die gerade nicht vorhanden ist, besorgt Herr Vinh sie bis zum nächsten Morgen und sollte ich dann – aus welchen Gründen auch immer – beim Abholen mein Portemonnaie vergessen haben, kann ich selbstverständlich anschreiben lassen und beim nächsten Mal zahlen. Würde ich nicht hier wohnen, würde ich sofort hier einziehen wollen.

Texte über Nachbarschaft

Weil das Thema Nachbarschaft in Zeiten von Corona allgemein interessant ist, haben wir Autorinnen und Autoren eingeladen, über ihre jeweiligen Nachbarschaften nachzudenken. Gerade in Zeiten eingeschränkter Bewegungsradien gerät das direkte Umfeld wieder mehr in den Blick. Neben Christoph Peters haben auch Ronya Othmann, Helga Schubert und Joshua Groß exklusive Texte beigetragen.