Platz da! Wie Corona die Städte nachhaltig verändert hat

Schanigärten statt Parkplätze, upgepoppte Fahrradwege und temporäre Fußgängerzonen – erste Signalleuchten für die Verkehrswende im urbanen Raum? Corona könnte zu einer Art Wendepunkt im Umgang mit Autos in den deutschen Städten werden.

Von: Max Büch

Stand: 16.10.2020 | Archiv

Münchner Schanigarten / Georgenstraße 48, Sobicocoa / aus "Schanitown" von Alexander Fthenakis | Bild: Alexander Fthenakis/Sorry Press

Wem gehört die Stadt? Dem Auto! Straßen und Parkplätze dominieren das Stadtbild – und das Leben. Während Corona zeigte sich, die Menschen sehnen sich aber nach etwas ganz anderem: nach Lebensraum, nach Orten, die Gemeinschaft stiften. Der Münchner Schanigarten tauchte unvermittelt auf, vermehrte sich schneller als das RKI schauen konnte – und verströmte sofort ein Gefühl von viel lebenswerter als vorher. Um die 900 Gaststätten beantragten in der Landeshauptstadt die Erweiterung für die Schanigärten, 1.037 Parkplätze fielen dafür weg. Und zuletzt hatten SPD und Grüne (mit ihrer Mehrheit im Stadtrat) einen Antrag gestellt, um die neuen Sitzbereiche auch nach der Corona-Pandemie zu erlauben. Der Schanigarten soll bleiben.

Corona hat unsere Städte, möglicherweise ganz Deutschland für immer verändert. Der Ausnahmezustand könnte zu einem Tipping Point der Stadtentwicklung werden, ein Umschlagpunkt, nach dem die ewige Vorfahrt für alle automobilen Belange in deutschen Städten endgültig passé ist: Pop-Up-Radwege, temporäre Fußgängerzonen, Schanigärten statt Parkplätze. Und die vielen erfolgreichen Radentscheide der Jahre haben vielerorts gezeigt, dass die Deutschen beim Thema Verkehrswende ohnehin längst weiter als die Politik sind. Autoland Deutschland adé?

Gebäude wie Panzerkreuzer

Der ganze Irrsinn einer autogerechten Stadtplanung lässt sich kaum so eindrücklich erleben wie mit einem Ausflug zum ICC, dem Internationalen Congress Centrum in Berlin – zu Fuß. Das Kongresszentrum wird nicht umsonst liebevoll "Raumschiff" und "Panzerkreuzer Charlottenburg" genannt: ein Ungetüm aus Stahl und Beton, umringt von Asphaltwüste. Parkplatz statt Vorplatz, kaum Begrünung und für Fußgänger nur umständlich zu erreichen. Nur 35 Jahre nach Eröffnung wurde der Betrieb des teuersten Bauwerks West-Berlins wieder eingestellt, die Sanierung zu teuer, ein Weiterbetrieb nicht rentabel. Zeugnis einer futuristischen Utopie, der "Moderne", deren wenig nachhaltiger Ressourcenverbrauch aus heutiger Sicht wenig zukunftsweisend erscheint. Ein Unort, an dem einem eher dystopisch zumute wird. Seit 2019 unter Denkmalschutz, zu Recht: Ein perfektes Mahnmal für unreflektierte Zukunftsgläubigkeit und kapitalistischen Größenwahn.

Ungeplante Stadtoasen

Deutlich unscheinbarer und nachhaltiger fällt dagegen der Schanigarten aus. Diese Außenflächen fallen unter die Gattung der anonymen oder temporären Architektur, die ohne eine Planung im klassischen Sinn auskommt. "Das ist etwas, das man in einer deutschen Stadt nicht mehr so oft antrifft, weil das Bauen hier stark reglementiert ist und solche Phänomene sehr selten sind", sagt Alexander Fthenakis. Der Architekt hat die Schanigärten in München den Sommer über dokumentiert und die fliegenden Bauten im eben erschienenen Bildband "Schanitown" typologisiert.

Die Euroschanis, Großschanis, Edelschanis und viele weitere Typen sind frontal abgelichtet und nach der Art ihrer Einfriedung, der Abgrenzung zur Straße hin, sortiert. Bei aller Schani-Liebe muss man aber auch feststellen, dass in der Gesamtheit der Fotos der Alman und seine deutsche Zaunmentalität unschwer zu kennben ist. "Da steckt natürlich ganz viel drin", pflichtet Fthenakis bei. "Gerade im ersten Teil des Bildbands, wo diese Randgitter und -zäune aus dem Baumarkt verwendet werden, bringt das natürlich fast ein Klischeebild von Vorgarten in die Stadt rein." Das Label "introvertierer Rückzugsort" beziehe sich dagegen auf einen bestimmten Typus, den "Hochschani", in dem man nicht über die Einfriedung schauen könne.

Viele Schanigärten sind kreativ gestaltete, kleine Stadt- und Straßenoasen. In diesem außergewöhnlichen Kontext von 2020 lässt sich das Phänomen als Ganzes auch als eine Art kollektive Soziale Plastik der solidarischen Stadtgesellschaft begreifen – und natürlich auch als deutliches Signal, dass der ewigen Dominanz des Autos diesmal kein Platz eingeräumt wurde.

"Für München, Stadt von BMW, MAN und Knorr-Bremse, ist das natürlich schon ein Bruch mit den Gewohnheiten, dass man Autos verbannt und stattdessen Personen mehr Raum auf der Straße einräumt." Den großen Durchbruch in der Stadtplanung sieht Alexander Fthenakis in den Schanigärten allerdings noch nicht. Da seien noch zu viele andere Probleme wie etwa die Stadtentwicklung an den Außengrenzen bisher ungelöst. Aber es sei natürlich auch hilfreich, solche Referenzen zu haben, bei denen man mit Gewohnheiten gebrochen habe und auf die man bei anderen Projekten dann verweisen könne. "Und man sieht, dass es möglich ist, Leuten ein Stück öffentlichen Raum mit ein paar Basisauflagen zu überlassen, aber ohne sonstige große Vorgaben. Und es funktioniert und sie machen etwas Sinnvolles daraus."

Parkplätze mit Perspektive

Dass man im öffentlichen Stadtraum schon viel verändern kann, indem man bereits vorhandene Parkplätze anders nutzt, hat das selbst ernannte "Referat für Stadtverbesserung" diesen Sommer mit seiner Aktion "100 Meter Zukunft" vorgeführt. Einen Tag lang wurde ein 100 Meter langer Abschnitt der Schwanthalerstraße in der Münchner Innenstadt für den Autoverkehr gesperrt und zum "Shared Space" umdeklariert: eine temporäre Fußgängerzone mit mobiler Begrünung, Sitzmöglichkeiten und einer Bühne mitten auf der Fahrbahn.

"Es gibt ungefähr 600 Parkplätze in dem Gebiet an der Straße, aber insgesamt 4.200 Stellplätze in öffentlichen Tiefgaragen. Wir wissen, dass die Tiefgaragen nicht voll ausgelastet sind und dass dort auf jeden Fall genug Kapazität bestehen würde, um alle Stellplätze oberirdisch in die Parkgaragen zu verlagern. In dem Moment würden auf einmal nicht mehr nur drei, sondern sechs Meter Gehweg an jeder Seite zur Verfügung stehen, weil wir die Verkehrssysteme intelligenter organisieren", erklärt Max Steverding vom Stadtverbesserungsreferat das planerische Konzept hinter der Aktion. Das Kollektiv von Urbanistik- und Architektur-Studierenden der TU München hatte den Tag intensiv vorbereitet und mit der Unterstützung von Green City e.V. umgesetzt.

Der Prozess, alle erforderlichen Genehmigungen zu bekommen, sei extrem langwierig gewesen, aber die Umwidmung hätten Passanten und Bewohner*innen überraschend schnell angenommen. "Wir haben nicht damit gerechnet, dass allein so kleine Setzung von Elementen wie Grün auf der Straße und dem Aufbringen einer alternativen Straßenmarkierung reichen, um die Leute vom Bürgersteig auf die Straße zu holen", resümiert Steverding.

Und während die langfristig geplanten "100 Meter Zukunft" erst einmal eine Zukunftsvision bleiben, haben sich die Schanigärten so schnell im Stadtbild verfestigt, wie sie gekommen sind. Das hat auch Max Steverding nachhaltig beeindruckt. "Das ist natürlich spannend zu sehen gewesen, wie schnell so eine totale Umnutzung von Stadtraum – in manchen Quartieren wurde diese Möglichkeit ja wirklich sehr intensiv genutzt und da hat sich auch das Straßenbild stark verändert – umgesetzt werden kann."

Dabei dürfe man aber nicht vergessen, dass bei der Schanigarten-Debatte nicht die Rückeroberung von öffentlichem Raum im Vordergrund stand, sondern die Notsituation der Gastronomen. Dass insbesondere solche wirtschaftlichen Fragestellungen auch relativ schnell zu so stadtplanerischen Veränderungen führen können, sei ja auch eine Erkenntnis.

Symbol für die Chancen von Corona

Noch sind die ganzen stadtplanerischen Neuerungen in Deutschland zarte Pflanzen einer möglichen Verkehrswende. Stadtplanungsprozesse sind langwierig und auch gesetzliche Bauvorgaben wie die festgelegte Anzahl von Auto-Stellplätzen pro Wohnung zementieren nach wie vor noch die dominante Rolle des Autos in den Städten.

Aber Interventionen wie "100 Meter Zukunft" zeigen, was möglich sein kann – vielleicht ja auch ein offizielles Referat für Stadtverbesserung. Und die Schanigärten führen uns sehr deutlich vor Augen, wie schnell und unkompliziert Veränderung möglich ist. Sie haben jedenfalls hohes Potenzial, zu einem weiteren Element im traditionsreichen Kulturgestein der Stadt verhaften zu bleiben. Wer weiß, ob sie nicht als kulturhistorisches Momentum während der Corona-Pandemie in der Stadtgeschichte eingehen, wie der Tanz der Schäffler einst nach der Pest. Nicht als Zeichen für das Ende der Pandemie, aber als Symbol für die Chancen, die so eine Ausnahmesituation auch eröffnet.

"Schanitown. Eine Momentaufnahme" von Alexander Fthenakis (Hg), Sorry Press, München 2020, 28 Euro