Saskia Hennig von Lange Ein anderes Zimmer

Drei Schriftstellerinnen wagen für uns Ausflüge ins Utopische: Saskia Hennig von Lange, Karosh Taha und Verena Güntner. Die Frankfurter Autorin Saskia Hennig von Lange entwirft ein Zimmer, in dem Leben und Schreiben, Erinnerungen und Visionen Raum finden.

Stand: 05.03.2021 | Archiv

Die Frankfurter Autorin Saskia Hennig von Lange | Bild: Arne Dedert/dpa

"Denn alle Mahlzeiten sind gekocht, die Teller und Tassen abgewaschen; die Kinder zur Schule geschickt und in die Welt hinausgegangen. Nichts bleibt von alledem. Alles ist verschwunden. Keine Biographie oder Geschichtsdarstellung sagt auch nur ein Wort darüber. Und die Romane, ohne es zu wollen, lügen notwendigerweise."  Virgina Woolf, Ein eigenes Zimmer, Frankfurt 2001, S. 88

"Denn alle Mahlzeiten sind gekocht, die Teller und Tassen abgewaschen; die Kinder zur Schule geschickt und in die Welt hinausgegangen."

Aber ich bin noch da, in meinem eigenen Zimmer. Dieses Zimmer hat ein Fenster, das nach hinten herausgeht, in die Weite einer Landschaft, zum Wald und den Feldern hin, und eines, das zur Straße blickt. Ich müsste bloß die Tür öffnen, ein Schritt nur und ich wäre draußen, mitten in der Stadt. Doch hier, in meinem Zimmer, ist alles still. Durch das hintere Fenster scheint die Sonne herein. Der Vorhang ist halb zugezogen, ein Sonnenstrahl zieht sich über das schmale Bett und das grüne Linoleum bis hierher an den Schreibtisch. Von draußen Vogelgezwitscher, das Rauschen und Rattern der Straßenbahn. Kinderlachen, um dass ich mich nicht kümmern muss. Meine Kinder sind groß und fort. Nur ich bin noch da. Und mein Körper, der nicht mehr so gut funktioniert, wie er das einmal tat, aber was soll es: Er muss nicht mehr viel leisten. Mich aufrecht halten und an meinem Platz. Meine Gedanken beisammen, denn auch das ist ja eine körperliche Leistung. Eine kleine Lampe habe ich hier, ein paar Zettel, ein Heft, einen Bleistift. Den Computer habe ich aus dem Fenster geschmissen. Ich brauche ihn nicht mehr, ich habe Zeit. Wenn mir etwas nicht gefällt, streiche ich es durch. Wenn ein Wort am falschen Platz steht, schreibe ich den Text neu.

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Abends lege ich mich in mein Bett oder setzte mich in den grünen Sessel, der unter dem Dachfenster steht, manchmal rücke ich ihn sogar auf den Balkon, schaue nach draußen zum dunkler werdenden Wald und den Leuten hinterher und denke, dass ich heute ein Wort an seinen Platz gesetzt habe. Und dann strecke ich mich und lege die Hände in den Schoß. Ein einziges Wort wird mir ausreichen an einem solchen Tag. Ich werde nicht über Geld nachdenken, denn Geld wird da sein, ich werde mich nicht fragen, wo ich heute Nacht schlafen soll. Denn ich habe ein Bett und es steht in meinem eigenen Zimmer. Ich schaue den Leuten noch eine Weile nach, den Frauen vor allem, mit den Einkaufstaschen oder den Aktentaschen, den Smartphones in der Hand, die ihre Kinder hinter sich herziehen. Nach Hause, Abendessen. Der Abwasch. Keine Geduld mehr, kein einziges Wort. Und ich denke, dass ich einmal eine solche Frau war, zerrissen zwischen alldem. Dass ich ein Leben geführt habe, das nicht dem Leben entsprach, das ich mir vorgestellt hatte, als eine andere Frau, meine Mutter, mich an ihrer Hand hinter sich herzog. Dann drehe ich mich um und schaue in mein kleines Zimmer, sehe die letzten Sonnenstrahlen auf dem Dielenboden und frage mich, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich schon damals so ein Zimmer gehabt hätte, und genug Geld. Denke an die Worte und Gesten, die ich dann für meine Kinder übrig gehabt hätte. Ich drehe mich noch einmal um. Und noch einmal. Denke an all die Worte, die ich ja doch gesagt und die Gesten, die ich vollzogen habe.

Jeden Tag eine andere Frau, ein anderes Leben, ein endloses Projekt

"Nichts bleibt von alledem. Alles ist verschwunden."

Nur ich bin noch da. Sitze in diesem Zimmer und werde für immer hier sitzen. Eine alte Frau, die dem Verschwundenen, dem Nie-Dagewesenen hinterherschreibt. Die es festhält oder wenigstens einen Moment lang aufhält. Die nicht nur sich selbst einen Platz einräumt in dieser Geschichte, sondern allen Frauen, die sonst niemand sieht. Jeden Tag eine andere Frau, ein anderes Leben, ein endloses Projekt. Ein Almanach aller Frauen und aller Rollen, die ihnen zugeschrieben werden und die sie einzunehmen im Stande sind. Ein Nachschlagewerk der Räume und Plätze, die diesen Frauen gehören, die sie sich erstreiten oder mit denen sie sich bescheiden müssen. Eine Seite für jede Frau, die auf einer Flucht gestorben ist. Eine für jede, die Opfer von Rassismus wurde. Eine für jede, die eine Revolution angeführt hat. Und eine für jede Träumerin. Eine für jede, die ihr Kind verloren hat und eine für jede Mörderin. Für jede Mutter eine, für jede Berufstätige. Eine für jede, die sich gewehrt hat und eine für jede, die gescheitert ist. Für jede Wissenschaftlerin eine und jede Schriftstellerin. Eine Seite für die, die Hand an sich gelegt hat und eine für jede, die über sich hinausgewachsen ist. Eine Seite für jede Freundin, eine für jede Liebende. Und eine für jede meiner Töchter. Ein endloses Buch, eine endlose Geschichte. Eine andauernde Aufgabe. Aber das macht nichts: Ich habe Zeit, genug Geld und ein Zimmer für mich allein.

"Keine Biographie oder Geschichtsdarstellung sagt auch nur ein Wort darüber. Und die Romane, ohne es zu wollen, lügen notwendigerweise."

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