#SangUndKlanglos Stiller Protest gegen den Kultur-Lockdown

"Unsere Kultur, auf die wir in Deutschland immer so stolz sind, steht kurz vor dem Kollaps", glaubt der Klarinettist Matthias Ambrosius und ruft mit seinen Münchner Philharmonikern zusammen zur Aktion #SangUndKlanglos auf: 20 Minuten stiller Protest als Livestream.

Von: Barbara Knopf

Stand: 02.11.2020 | Archiv

Die Münchner Philharmoniker im leeren Konzertsaal im Münchner Gasteig | Bild: Andreas Gebert/dpa

Es ist schon erstaunlich mit welcher Nonchalance der gesamte Kulturbetrieb außer Kraft gesetzt wird. Der sogenannte Teil-Lockdown erfasst die komplette Kulturszene. Theater, Museen, Konzerte – alles gestrichen. Dabei wird doch schon sehr deutlich bei dieser gefährlichen gesellschaftlichen Melange aus Depression und Aggression, Melancholie und Hass, dass es gerade die Kultur ist, die existenzielle Fragen in der Krise verhandelt. Streiken wie andere Branchen können die Künstler*innen schlecht, wenn eh alles zu hat.

20 Minuten Stille: #SangUndKlanglos

Bleibt der andere Weg: Heute Abend entern bundesweit und eben auch in München Musiker*innen die Bühne. Die Münchner Philharmoniker, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, und Musiker*innen der Bayerischen Staatsoper werden auftreten. Aber sie werden nicht spielen. Und nach 20 Minuten wieder abtreten. #SangUndKlanglos eben, wie die bundesweite Aktion heißt. Dem Ganzen kann man als Zuschauer*in beiwohnen, die Aktion wird gestreamt. Initiator Matthias Ambrosius ist Klarinettist bei den Münchner Philharmonikern und erklärt unter anderem, was die Kulturschaffenden aus dem ersten Lockdown im Frühjahr gelernt haben.

Barbara Knopf: Wie wird die Aktion denn konkret aussehen heute Abend?

Matthias Ambrosius: Die eigentliche Idee liegt darin, eine Ruhe, eine Stille zu erzeugen. Die ist im Radio zum Beispiel schlecht möglich, aber in den sozialen Medien haben wir dazu die Möglichkeit. Die Hoffnung ist, dass viele mitmachen, dass jeder, der sein Handy um 20:00 Uhr anmacht und auf Instagram oder Facebook die aktuellen Sachen anklickt, nichts hört. Sondern eine Stille – eine möglichst laute Stille – sieht. Die freien Künstler können das live streamen. Bei uns, den Münchner Philharmonikern, war unklar, ob wir dann überhaupt auf die Bühne dürfen. Deshalb haben wir nach einem vergangenen gestreamten Konzert in der Philharmonie bereits unsere Stille aufgenommen. Das war wirklich bedrückend, aber es hatte auch einen großen Reiz, es war beeindruckend.

Inwiefern war das bedrückend, warum ist so ein Gefühl entstanden?

Wir Musiker gehen normalerweise mit Enthusiasmus auf die Bühne und freuen uns darauf, zu spielen. Wir sind auch jetzt auf die Bühne gegangen, mit Instrumenten, im Frack, mit Maske. Ganz normal, wie wir es in der letzten Zeit immer gemacht haben. Wir haben uns hingesetzt – und eben nicht gespielt. Nach drei, vier Minuten hat sich bei jedem Bedrückung eingestellt. Wenn man auf der Bühne sitzt und einfach nur Stille da ist, wird einem bewusst, wie kläglich das aussieht oder in welcher kläglichen Situation wir alle gerade sind.

Können Sie diese klägliche Situation schildern? Wie geht es Ihnen als Musiker?

Wir als Philharmoniker sind eine kleine, privilegierte Minderheit mit Festanstellung und haben das kleinste Problem. Aber die meisten sind eben freischaffend und haben im Grunde genommen seit dem ersten Lockdown ein Berufsverbot. Sie können kein Geld verdienen und sitzen komplett auf dem Trockenen. Wir wollen uns solidarisch erklären mit dem kompletten Bereich der Kunst und der Kultur. Wir wollen still unsere Stimme erheben.

Sie haben es ja vorhin schon angedeutet: An diesem Streaming kann eigentlich jeder teilhaben, man ist auch als Künstler aufgerufen, da mitzumachen und seine Stille hineinzusetzen. Aber eine Interaktion mit dem Publikum ist nicht möglich?

Matthias Ambrosius bei einem Auftritt mit Willy Astor 2015

Nein, tatsächlich nicht. Im ersten Lockdown haben wir mit aller Macht versucht, mit viel Kreativität und Idealismus in den sozialen Medien Beiträge zu veröffentlichen, damit wir unserem Publikum weiter nah sein können. Geld verdienen konnte damit natürlich keiner. Und leider ging der Schuss auch gefühlt nach hinten los. Was nämlich jederzeit und überall verfügbar ist, ist nichts Besonderes, und was nichts kostet, ist auch nichts wert. Deswegen war die Idee: der zweite Lockdown sollte aus meiner Sicht von lauter Stille geprägt sein. Wie so oft wird einem erst dann klar, was man hat, wenn es weg ist. Es ärgert mich total, dass es anscheinend nötig ist, so einen Verlust spürbar zu machen. Ich glaube, unsere Kultur, auf die wir in Deutschland dort sonst immer so stolz sind – wir als Philharmoniker reisen auf der ganzen Welt herum als Botschafter für die Kultur –, ist im Moment kurz vor dem Kollaps!

Es wundert mich auch, dass die Kulturschaffenden doch vergleichsweise still oder wenig rebellisch sind. Es gibt natürlich auch Demonstrationen, um auf die Lage hinzuweisen. Wenn man sich mal vorstellen würde, das Ganze wäre in der Automobilbranche so, dann hätte man hier Rebellion auf den Straßen. Warum sind die Kulturschaffenden eigentlich so bescheiden?

Ich weiß es auch nicht. Ich glaube, die meisten Künstler sind einfach sehr zurückhaltend. Ich denke in letzter Zeit oft an den Fassbinder Film "Angst essen Seele auf". So viel Angst ist im Spiel im Moment, die eher krank macht und unser Immunsystem schwächt, was auch im Hinblick auf Corona fatal ist. Im Gegensatz dazu sind Kunst und Kultur Balsam für die Seele. In einem Konzert zu sitzen, für ein paar Stunden alles zu vergessen und die Seele baumeln zu lassen – ich glaube, das ist wirklich gesund! Deswegen macht es mir auch Sorge, dass das jetzt einfach handstreichartig weggefegt wird.

Vermissen Sie auch den Schulterschluss mit einem Publikum?

Im Gegenteil. Ich bin eigentlich total stolz auf unser Publikum. Also egal, wie viele in letzter Zeit erlaubt waren – ob 50, 100, 200 oder 500 –, die sind immer gekommen, waren enthusiastischer denn je und sind uns treu geblieben. Und die haben alle Maßnahmen und Hygienekonzepte brav mitgemacht. Alle, auch die Veranstalter, haben unfassbar viel Arbeit geleistet. Und das hat super funktioniert.

Und meinen Sie, sie können mit dieser Stille vor der Politik auch wirkungsvoll auf die Pauke hauen, damit man eben nicht "sang- und klanglos" untergeht?

Wir hoffen es, denn mit Lautstärke und Aggression schafft man es, glaube ich, auf gar keinen Fall. Das ist auch nicht die Art des Künstlers. Wir lassen jedem die Freiheit, jeder soll auf seine Art und Weise die Stille oder die Bewegungslosigkeit darstellen und auf seinen Kanälen posten. Es gibt keine Anweisungen, was gemacht werden soll. Die Staatskapelle Berlin, ein Opernhaus, sind zum Beispiel im Graben und fahren dann den Graben ins Dunkel. Die Berliner Philharmoniker machen auch mit, die machen von John Cage dieses Stück, in dem gar nicht gespielt wird…

Es ist schön zu merken, dass so etwas innerhalb von zwei Tagen durch ganz Deutschland gehen kann, obwohl es "nichts Besonderes" ist. Mir ist es ja in der Probe erst eingefallen. Dass nun deutschlandweit so viele mitmachen, ist echt schön.

Unter #SangUndKlanglos wird heute Abend, am 2. November 2020, ab 20:00 Uhr Stille in die sozialen Netzwerke gestreamt. Initiiert vom Klarinettisten der Münchner Philharmoniker, Matthias Ambrosius, sind auch die Bayerische Staatsoper und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks dabei. Freie Künstler*innen sind ebenfalls eingeladen mitmachen.