Samuel Paty und der Islamismus Haben Linke den Islamismus verharmlost?

In Frankreich wird dem Lehrer Samuel Paty gedacht und viele fragen sich, wie es zu diesen furchtbaren Terroranschlägen kommen konnte. Ein Vorwurf: Linke hätten den Islamismus verharmlost. Lenkt das von den eigenen Versäumnissen ab? Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 02.11.2020

Bei einer landesweiten Gedenkveranstaltung an den ermordeten Lehrer Samuel Paty weden Karikaturen der französischen Satirezeitung Charlie Hebdo auf die Fassade des Hotel de Region in Montpellier projiziert | Bild: Pascal Guyot/AFP/dpa

Die Meinungsfreiheit ist bedroht und sie braucht starke Verteidiger*innen. Darauf können sich noch alle einigen. Schwieriger wird es im Detail. Nach der brutalen Enthauptung des Lehrers Samuel Paty tauchte der Vorwurf auf, in der Linken würde eine falsch verstandene Appeasementpolitik verfolgt, denn gegen den Islamismus helfe keine Multikulti-Sozialarbeit, sondern nur klare Kante. Der französische Publizist Pascal Bruckner warnte in der FAZ davor, Religionen zu ethnifizieren, das heißt ihnen quasi ein Schutzgebiet zuzuweisen, das qua Herkunft etwa dem Islam den Status des Unkritisierbaren zuweist. Ihm springt etwa der Philosoph Markus Gabriel zur Seite, wenn er Menschen, die die Grenzen zwischen Kulturen als überwindbar ansehen, als Kulturrelativisten abkanzelt.

Was ist aber dran an der These, dass die Linken die Gefahr des Islamismus übersehen hätten? Es gibt nur einen prominenten Vertreter, auf den dieser Vorwurf zutrifft. Es handelt sich um Michel Foucault. 1978 besuchte er zweimal den Iran und schrieb im Corriere della Serra: "Es handelt sich vielleicht um die erste große Erhebung gegen die globalen Systeme, die modernste und die verrückteste Form der Revolte." Seine Reportagen klingen tatsächlich befremdlich in unseren heutigen Ohren – allerdings war 1978 auch noch nicht absehbar, dass der Iran sich in eine Mullah-Diktatur verwandeln würde. Und fast zeitgleich schrieb eben jener Foucault voller Anerkennung über die Konsensdemokratie der Bundesrepublik. Und abseits dieses Einzelfalls? Der Feminismus, die wichtigste intellektuelle Strömung der letzten 30 Jahre, wehrte sich vehement gegen das Herabwürdigen und Wegsperren von Frauen durch den Islamismus.

Gegen den Kommunismus waren alle Mitstreiter recht

Ganz anders sieht es in der Realpolitik aus. Wer hat durch massive Aufrüstung die Taliban erst groß gemacht? Die CIA, um die Sowjets zu schwächen – ganz gleich, welche Folgen das haben könnte. Beim Kreuzzug gegen den Kommunismus waren der USA alle Mitstreiter recht. Das mag über 40 Jahre her sein, aber sieht es heute wirklich anders aus? Saudi-Arabien ist unbestritten der Herold eines reaktionären Islams. Das Recht im Land ist archaisch, nah an der Scharia. In einem Konsulat bringen dessen Schergen einen kritischen Journalisten um. Muslime, die nicht ihrer Glaubensrichtung angehören, werden als Ungläubige gebrandmarkt. Dank des Ölgeldes exportieren die Saudis ihr Bild des Islams in die Welt – was etwa in Ägypten dazu führte, dass immer mehr Frauen nur in Vollverschleierung vor die Tür treten, obwohl das nie eine Tradition am Nil war, wie Youssef Rakha berichtet. Und wer freute sich wie ein kleines Kind, als er einen gigantischen Waffendeal über 110 Milliarden Dollar bekanntgeben konnte? Donald Trump.

Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Matthäus 7,3

Und ja, wenn wir über Blindheit in Religionsfragen sprechen, dann doch auch über jene der Konservativen. Trumps treuste Wählergruppe sind die Evangelikalen. Die haben auch eine – sagen wir es freundlich – eigentümliche Anschauung von Meinungsfreiheit. Jede*r achte Biologielehrer*in stellt in den USA (laut einer Umfrage von 2015) die Thesen des Kreationismus (Gott hat die Welt geschaffen) als "gleichberechtigt" neben dem Darwinismus dar – trotzdem es zahllose Urteile gab, die das verboten haben. Wieso wird hier nicht entschiedener dem Missbrauch der Meinungsfreiheit entgegengetreten? Diese christliche Wählerschaft Trumps geht übrigens nach eingehender Bibellektüre davon aus, dass der Messias nur kommt, wenn die Juden über das Heilige Land herrschen. Und was hat Trump getan? Die Botschaft nach Jerusalem verlegt.

Es mag unter den Linken einige verwirrte Köpfe geben, die den Islamismus verharmlosen. Eine wirkliche Gefahr aber geht von religiös-konservativen Ideologen aus, die Feuer in den israelisch-palästinensischen Konflikt gießen – und von Regierungen, die mit Waffenverkäufen ein Regime stützen, das massiv zur Ausbreitung eines reaktionären Islams beigetragen hat, in dem ein Gott über jeder Staatsmacht steht.