Making-Of des Dokumentarhörspiels "Saal 101" über den NSU-Prozess

Saal 101 – das Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess lässt Hörer:innen unmittelbar in den Jahrhundertprozess eintauchen.

Stand: 25.02.2021 | Archiv

Barbara Nüsse, Bibiana Beglau, Katja Bürkle, Thomas Thieme, Florian Fischer, Gabriel Raab, Kathrin von Steinburg, Michael Rotschopf, Thomas Schmauser | Bild: BR

Der NSU-Prozess wurde vom Gericht nicht protokolliert, Bild- und Tonaufnahmen waren verboten. Die Öffentlichkeit war auf die Nachrichtenmeldungen der Gerichtsreporter angewiesen, um sich ein Bild vom größten Rechtsterrorprozess der Geschichte zu machen. Da die Zeugen und Zeuginnen vom Vorsitzenden Richter Manfred Götzl nicht nach einzelnen Themen geordnet befragt wurden, war dieses Sich-ein-Bild-Machen eine schwer lösbare Aufgabe.  Knapp drei Jahre nach Prozessende im Juli 2018 sind vom Prozess vor allem die Bilder der eisern schweigenden Beate Zschäpe und die Wut und Enttäuschung der Opferfamilien nach der Verkündung der Urteile geblieben – und einige offene Fragen.

Notizen und Protokolle zum NSU-Prozess im BR-Archiv

Klaus Weisenbach, Leiter Recherche und Sonderprojekte im BR Archiv, erkannte schon 2014, welch wertvolles Stück Zeitgeschichte mit den Mitschriften der BR-Reporter in seinem Archiv landete. Er wandte sich an die Hörspielredaktion. "Ich war von den Befragungen der Zeuginnen und Zeugen sofort in den Bann gezogen, die haben per se schon eine hochdramatische Form“, sagt BR-Chefdramaturgin Katarina Agathos rückblickend. "Die Idee, daraus ein dokumentarisches Hörspiel zu machen, stand unmittelbar nach dem ersten Lesen fest." Und der Name nach ihrem ersten Besuch beim NSU-Prozess: Saal 101, wie der Ort im Münchner Oberlandesgericht, an dem sich viele Aspekte des deutschen Rechtsterrors in den Jahren 2013 bis 2018 verdichtete.  Die Arbeit am Hörspiel-Mammutprojekt "Saal 101“ begann im Jahr 2014.

"Natürlich lässt einen das nicht los"

"Bei der Arbeit an diesem Dokumentarhörspiel habe ich mir oft gewünscht, ich könnte die Gewaltschilderungen, das menschenverachtende Weltbild des NSU, das Leid der Opferangehörigen, das ja in der Beweisaufnahme immer wieder zum Ausdruck kam, einfach mal für eine Weile ausblenden", sagt Redakteurin Katja Huber, die ansonsten gerne mal ihre Arbeit mit nach Hause nimmt: "Denn natürlich lässt einen das nicht los."  Die Frage lautete also bald auch: Wie viel Gewalt und Menschenverachtung kann man seinen Hörerinnen und Hörern mit einem Dokumentarhörspiel zumuten? Und wie viel muss man ihnen vielleicht auch zumuten?

Schauspieler nicht als Darsteller

Entschieden wurde dann, die Dramatik nicht durch eine dramatische Inszenierung herauszuarbeiten. Also: keine Schauspieler, die einzelne Zeugen oder gar Angeklagte verkörpern. "Wenn beispielsweise der Mitangeklagte Ralf Wohlleben dem Vorsitzenden Richter Götzl in der Beweisaufnahme Auskunft über seine schwierige Kindheit und Jugend gibt, spricht da kein Ralf-Wohlleben-Darsteller, sondern diese Befragung, also der Dialog zwischen Götzl und Wohlleben, wird im Dokumentarhörspiel zum Beispiel von Katja Bürkle gesprochen", sagt Katja Huber.

Sich selbst ein Bild vom NSU-Prozess machen

Aus den 6000 Seiten Notizen und Protokollen der ARD-Gerichtsreporter filterte die BR-Hörspielredaktion 24 entscheidende Aspekte der Beweisaufnahme – und leistet somit einen wertvollen gesellschaftlichen Beitrag: den Prozess nachvollziehbar zu machen. Dabei war es dem Team um Regisseur Ulrich Lampen auch wichtig, die Leerstellen des Prozesses ebenso herauszuarbeiten. Eingeordnet werden die Zeugenaussagen im Gericht durch in den Protokollen festgehaltene Beobachtungen der Reporter und durch Kommentare des ARD-Terrorismusexperte Holger Schmid, sowie Ina Krauß und Tim Aßmann, Gerichtsreporter des BR. Und so können Hörer und Hörerinnen von "Saal 101" tatsächlich in den Gerichtssaal eintauchen, und sich selbst ein Bild machen.

Mehr Informationen finden Sie auf unserer zentralen Seite zum NSU-Dokumentarhörspiel Saal 101. Dort können Sie auch alle Folgen herunterladen. Begleitend zu "Saal 101" führt Sie der Podcast "Rechter Terror" durch vier Jahrzehnte rechtsextremer Gewalt in Deutschland.