Meinung Rezo und "Die Zerstörung der Presse"

In dem neuen Zerstörungsvideo plädiert Henri-Nannen-Preisträger Rezo für Differenzierung, spricht aber zugleich von der „etablierten Presse“. Da ist noch Luft nach oben. Ein Kommentar

Von: Knut Cordsen

Stand: 02.06.2020 | Archiv

Rezo "Die Zerstörung der Presse" | Bild: Rezo / Screenshot

Ist das jetzt ein "Kack-Move"? Ein frischgekürter Henri-Nannen-Preisträger widmet sich kurz nach seiner vieldiskutierten Auszeichnung für sein Video "Die Zerstörung der CDU" in bewährter Destroyer-Manier der "Zerstörung der Presse"? Zerstören, sagt Rezo gleich eingangs, wolle er ja eigentlich die Medien gar nicht: "Ich zerstöre in diesem Video gar nichts, sondern möchte Missstände rausarbeiten, um diese zu lösen. Missstände, die, wenn wir sie ignorieren würden und nicht darüber reden würden, genau dazu beitragen, dass das Vertrauen oder der Respekt und eben damit auch die Glaubwürdigkeit gegenüber der Presse abgebaut oder gar ganz zerstört wird."

Will sagen: Der schicke Titel des Videos ist irreführend – nicht die geschickteste Art, zu einer Kritik anzusetzen, die sich detailliert mit Fehlinformationen, mangelnder Transparenz und Faktentreue traditioneller Medienhäuser, Zeitungen und Magazinen – auseinandersetzt. Zumal dann nicht, wenn er in seinem neuen Video eine Headline wie "Ist das Grundgesetz tatsächlich in Gefahr?" bereits für eine "spekulative Behauptung" hält: "Die Überschrift lenkt schon unterbewusst das Verständnis vom Leser." Wie sehr aber trifft das dann erst auf seinen Aufmerksamkeit heischenden Video-Titel "Die Zerstörung der Presse" zu?

Aber Rezo, der "alte Zerstörer" (so der ebenfalls 27-jährige Philipp Amthor), weiß halt, wie’s geht: Man muss zunächst mal "derbe abliefern". Die "Geilheit auf Klicks", die er anderen unterstellt, ist ihm selbst ja nicht fremd. Wer es bis Minute 40 schafft, darf Rezo dann dabei zusehen, "wie hot" er "auf Zerstörung" ist: nämlich angeblich gar nicht – "literally". Nun, es fällt in diesem einstündigen Video, das eine bemerkenswerte Mischung aus Referat, Anklage und Appell ist, eine Wendung immer wieder: "die etablierte Presse". Unter diese fasst er unterschiedslos "FAZ, Bild und Welt" – nur wenige Minuten, nachdem er für "Differenzierung" plädiert hat.

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Die Zerstörung der Presse | Bild: Rezo ja lol ey (via YouTube)

Die Zerstörung der Presse

Einen Journalisten nimmt er namentlich aufs Korn, weil der Falschbehauptungen über ihn verbreitet habe: den "FAZ-Dude" Jasper von Altenbockum. Den Ressortleiter Innenpolitik der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zählt er zu jenen "Presseleuten", die "auf demselben Level" wie "die Verschwörungsleute" (von ihm auch gern "Verschwörungsdullis" genannt) agierten. Bei aller berechtigten Kritik an einzelnen "Fails", die zu benennen Rezos gutes Recht ist: Jasper von Altenbockum ist weder Ken Jebsen noch Attila Hildmann. Rezo jedoch stellt ihn auf eine Stufe mit diesen. Trägt er mit derlei überzogenen Vergleichen dazu bei, "das Journalismus-Game aufs nächste Level zu bringen", wie es angeblich "viele Youtuber" machen, weil sie gegenüber den althergebrachten Medien "einen deutlich höheren Anspruch" haben?

Den Anspruch an Seriosität kann er damit nicht meinen. Rezo weiß und sagt es auch explizit: Es ist genauso unsinnig, von "den Medien" wie von "den Youtubern" zu reden. "Schmeißt die nicht alle in denselben Topf", mahnt er zweimal in dieser Stunde – und doch vermengt er in seinem Video vieles miteinander, was nicht zusammengehört. Das ist alles andere als "sacksmart", das ist "sackgefährlich", ja "wack", vielleicht sogar ein "31er snitch", womit man dann gleich vier Begriffe aus der Rezo eigenen Sprache in einem Satz untergebracht hätte. Wir leben in einer Zeit, in der Donald Trump gegen Main- und "Lamestream-Media" antwittert – da ist es unter Umständen nicht der coolste Move, selbst immer und immer wieder pauschal von der "etablierten Presse" zu sprechen.

Die Realität ist komplexer

Auch nicht allzu klug: Rezo prangert zu Recht an, dass "Asi-Zeitungen" wie "Bild" nicht nur Fake-News produzieren, sondern die Privatsphäre von prominenten Rappern wie etwa Sido oder Capital Bra missachten. Doch dann weist er auf "reiche Redakteure" wie den Chefredakteur der "Bild" hin, die darauf bestehen, ihr Gehalt geheim zu halten. Das insinuiert, es stünden mächtige, finanziell potente Journalisten gegen arme Musiker - und kehrt die wahren Machtverhältnisse eher um. Deutlicher formuliert: Wer bitte ist Julian Reichelt für Rezos Zielpublikum? Richtig: ein Nobody. Und wieso eigentlich stellt Rezo hier Sido ausschließlich als Presse-Opfer dar und unterlässt es, dessen krude verschwörungstheoretische Exkurse zu thematisieren?

Die Realität ist eben komplexer. Es ist ehrenwert und nur zu begrüßen, dass der Influencer Rezo seine Reichweite nutzt, um den Telegram-"Verschwörungsshit" von Xavier Naidoo und anderen als solchen zu brandmarken. Aber es ist auch wohlfeil. Genauso billig, wie die Klatschblätter des Bauer-Verlags längst bekannter Fails und Fakes zu überführen. Und es ist eben nicht stimmig, den "Bullshit", den der Tänzer Detlef D! Soost eher "random" in den sozialen Medien ablässt, mit "abgefuckten" Fehlinformationen gleichzusetzen, die Journalisten verbreiten. Das eine wie das andere muss benannt und geahndet werden, aber es muss auch auseinandergehalten werden.

Sonst bleibt am Ende nämlich doch nur hängen, dass "die Medien" – egal ob SZ, FAZ, Das Neue oder Focus – eine einzige böse Masse sind. "Es gibt sehr nachvollziehbare Gründe, weshalb etablierte Zeitungen teilweise verachtet werden", sagt der Henri-Nannen-Preisträger 2020 in seinem Video und man ist geneigt zu fragen: Really? Und im gleichen Atemzug dann die Relotius-Affäre nur per Insert ("ja, da gab es auch mal einen dicken fail wurde aber bereits aufgearbeitet") erwähnen und stattdessen das fact-checking beim "Spiegel" loben?

Um den Rundfunk geht es Rezo in diesem Video nicht, er sagt seinen Followern sogar: "Wenn ich irgendwen von euch sehe, wie er Öffentlich-Rechtliche basht, hagelt es Kopfnüsse." Vielleicht muss man gerade deshalb als ein Vertreter dieser Öffentlich-Rechtlichen Rezo auf sein Video hin entgegnen: Come on, guy, da ist noch Luft nach oben. Besser machen.