Hans Jessen über Rezo "Ihr habt die Zukunft der jungen Leute in der Hand"

Jugendsprache und schnelle Schnitte hat Rezo in seinem neuen Video reduziert. Er appelliert an die Ü-50-Wähler. Ein Gespräch über den großen jungen Influencer mit Hans Jessen.

Von: Barbara Knopf

Stand: 07.09.2021

Webvideoproduzent und Youtuber Rezo im Januar 2020 | Bild: picture alliance / Bernd Kammerer | Bernd Kammerer

Der Mann mit dem blauen Haarschopf ist wieder da. Vor zwei Jahren hat Rezo das Video ”Die Zerstörung der CDU” auf YouTube veröffentlicht - in rasanter Jugendsprache, aber mit stichhaltigen Argumenten. Es wurde bislang 19 Millionen Mal geklickt, hat polarisiert, aber auch beeindruckt. Jetzt, kurz vor der Bundestagswahl, kommt eine weitere Aufklärungsoffensive von Rezo. Am Samstagabend wurde das neue Video “Zerstörung Teil 2: Klima-Katastrophe” hochgeladen. "Wenn Du Kinder hast, wenn Du Enkel hast, dann willst Du sie schützen“, sagt Rezo darin, und: "Ihr habt die Zukunft der jungen Leute in der Hand. Ohne Euch können wir das nicht schaffen“. Das Video ist ein Appell an die Ü-50-Wähler, in dem Rezo Wissenschaftsfeindlichkeit von Politikern und Korruption von klimaschädigenden Unternehmen zum Thema macht. Über das Phänomen Rezo spricht Barbara Knopf mit Hans Jessen. Er kennt die verschiedenen journalistischen Plattformen und ist als freier Journalist tätig. In Podcast- und YouTube- Formaten wie der "Hans Jessen Show", "Deine Politiksprechstunde“ oder als Gastgeber des "Regierungstagebuchs“ auf dem YouTube-Kanal "Jung & Naiv“.

Barbara Knopf: Gleich mal zur Transparenz, Sie kennen Rezo. Sie haben auch schon mal zusammengearbeitet?

Hans Jessen: Ja, wir sind uns das eine oder andere Mal begegnet und man tauscht sich aus. Es ist ein Zusammenarbeiten in einer milden Form. Es gibt einen persönlichen Eindruck und ein paar persönliche Gespräche.

Rezo ist ja in verschiedenen Formaten tätig, aber bekannt wurde er mit den sogenannten "Zerstörung-Videos“ auf YouTube. Was würden Sie sagen, welche Rolle nimmt Rezo da ein? Ist er ein Aufklärer -nicht klassisch, sondern in neuem Gewand?

Das würde ich genau so sagen. Wobei man wissen muss, die enorme Reichweite, die Rezo erzielt, vor allem in der Generation U30, also seiner Generation –er ist 29-, liegt daran, dass die allermeisten seiner Videos Musikvideos sind. Er ist Musiker und Entertainer, gleichwohl eben ein politischer Mensch. Und wenn er dann für seine Zielgruppe, also für junge Leute, die sich eigentlich eher für Unterhaltung interessieren, auf einmal mit politischen Inhalten kommt, dann erzielt das eine wesentlich stärkere Wirkung, als wenn ein Politik-Freak für andere Politik-Freaks Programme macht.

Man muss sagen, er hat ein ganz klares Anliegen. Er warnt jetzt in dem neuen Video davor, dass mit den derzeitig verantwortlichen Politikern die Klimakatastrophe nicht mehr beherrschbar sein wird. Ist die Form, wie er das macht, eine journalistische Arbeit?

Hans Jessen

Er ist ein engagierter Bürger. Er ist aber auch gelernter Wissenschaftler. Der Mann hat einen Masterabschluss in Informatik - übrigens Note 1,0 über künstliche Intelligenz. Und er bedient sich - und das ist das Interessante - bei den politischen Videos journalistischer Methoden und Mittel, auch wissenschaftlicher. Zu jedem seiner Videos gibt's einen ellenlangen Quellenkatalog. Der ist ausführlicher und detaillierter als bei mancher Master- oder Doktorarbeit. Und alles, was er da in seiner Sprache, in seinem Duktus, in seiner Geschwindigkeit - die Ältere manchmal ein bisschen eigentümlich anmutet- präsentiert, ist solide und fundiert nachlesbar. Das war schon bei seinem ersten Zerstörungs-Video so und auch bei einem weiteren, in dem er sich mit den Medien kritisch auseinandersetzte. Die Kritisierten haben versucht, sachliche Fehler zu finden - ist ihnen kaum gelungen. Also: Was er da sagt, hat Hand und Fuß, wenn auch Älteren die Art und Weise, wie er es sagt, manchmal ein bisschen komisch vorkommt.

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Zerstörung Teil 2: Klima-Katastrophe | Bild: Renzo (via YouTube)

Zerstörung Teil 2: Klima-Katastrophe

Ich hatte das Gefühl, dass das neue Video langsamer geschnitten ist. Er hat auch wesentlich weniger häufig Begriffe wie "Digger“ verwendet. Der Appell von ihm richtet sich nun ja auch an die Ü-50-Wähler. Gibt es einen Zielgruppen-Switch?

Das war genau mein Eindruck, als ich dieses neue Video das erste Mal hörte. Da habe ich gedacht: Oh, das ist jetzt aber für Rezo-Verhältnisse fast in Slow Motion, also in Zeitlupe. Ich glaub schon, dass er sich da absichtlich ein bisschen eingebremst hat. Es ist immer noch schnell. Es sind immer noch die Schnitte drin. Es sind immer noch irgendwelche Anglizismen drin. Nicht jeder weiß, was nun "sus“ bedeutet: Suspekt. Verdächtig. Er hat immer noch seine spezifischen Sprachelemente drin. Aber er hat schon versucht, sie alterskompatibel zu machen.

Meinen Sie, dass es auch wirkt?

Ich glaube, Rezo spielt da in Wahrheit auch über Bande. Er wendet eine Art politisch zulässigen Enkeltrick an. Er hofft, denke ich, dass seine Follower, also die originären, die jüngeren Menschen, dass die tatsächlich mit ihren Eltern, Großeltern darüber sprechen. Er liefert ihnen argumentative Munition. Und dann können sie sagen: Ihr müsst es mir ja nicht glauben, aber guckt euch mal dieses Video an, da findet ihr auch Quellen drin. Ich denke, ein Teil der Älteren wird dann schon darauf eingehen.

Das hat sich ja auch an der Reaktion auf das erste 19-Millionen-Video gezeigt. Da gab es eine ganze Menge Reaktionen von Menschen, die über 50 sind. Ich gehöre selbst zu dieser Generation und ich merke schon, wie Freunde und Bekannte, die diese Videos geguckt haben, darüber sprechen.

Ich glaube, bei manchen Älteren ist auch der Begriff "todeslost“ mittlerweile in den Wortschatz aufgenommen… Interessant ist ja immer der Zeitpunkt der Veröffentlichung. Vor ein paar Wochen hat Rezo schon mal ein Video zum Thema Klima veröffentlicht, jetzt eben den zweiten Teil, der dritte Teil ist auch schon angekündigt. Alles kurz vor der Bundestagswahl. Rezo hat ganz offensichtlich einen Willen zur Aufklärung. Aber es geht ja eigentlich auch um eine Wählerentscheidung, oder?

Ja, natürlich geht es ihm darum. Das war auch bei dem 19-Millionen-Video so. Das hat er damals kurz vor der Europawahl veröffentlicht, und die Wahlergebnisse bei der Europawahl waren für die Konservativen - und das ist nun mal seine Hauptzielgruppe, im Sinne von Attacke - nicht sehr erfreulich. Damals wurde schon spekuliert, dass dieses Video und die Reichweite eine Ursache mit gewesen sind. Das macht er ganz gezielt. Er ist da politischer Aufklärer und auch Aktivist. Er sieht sich eben als Vertreter seiner Generation. Sein Appell an die über 50-Jährigen, die fast 60 Prozent der Wählerschaft ausmachen, ist: Es liegt in eurer Hand, in eurer Wahlentscheidung, ob eure Kinder und Enkel noch eine lebenswerte Zukunft haben. Er will diese Beeinflussung, eindeutig.

Das Gespräch lief in der kulturWelt, die Sie hier abonnieren können.