Repräsentationsfalle? Die diffizile Quotenfrage

50/50 Männer und Frauen, das funktionierte beim Wahlklkampf und so will die SPD das neue Kabinett aufstellen. Aber was ist mit den anderen unterrepräsentierten Gruppen?

Von: Marie Schoeß

Stand: 02.12.2021

Beim SPD Wahlkampf machten viele Frauen mit, und auch im Kabinett sollte die Hälfte der Posten an Frauen gehen | Bild: dpa/picture alliance

Seit Jahrzehnten forscht der Soziologe Michael Hartmann über Machteliten: Eine seiner Beobachtungen – das gibt er offen zu – sei nicht mit Studien belegt, aber viele Einzelfälle sprächen dafür: Wenn der Frauenanteil in den Eliten wächst, wird der Anteil der Arbeiterkinder noch kleiner. "Wenn Sie sich die Regierungszusammensetzungen der letzten Jahrzehnte angucken, so ist eines immer zu beobachten: Die soziale Herkunft der Frauen ist exklusiver als die der Männer. Ich nehme jetzt mal die letzte Merkel-Regierung: Das waren insgesamt mit Ämterwechseln wie bei von der Leyen 18 Personen, neun Frauen und neun Männer. Bei jeweils einer Person – bei Frau Lambrecht und bei Herrn Scheuer – gibt es keine Angaben zur sozialen Herkunft. Aber ansonsten kann man sagen: Von acht Frauen haben sechs entweder einen Akademiker und oder einen wohlhabenden Unternehmer zum Vater und nur zwei kommen aus der Mittelschicht. Arbeiterkinder gibt es da gar nicht. Bei den Männern haben vier einen Akademiker, wohlhabenden Unternehmer oder leitenden Angestellten zum Vater, zwei kommen aus der Mittelschicht und wir haben immerhin zwei Arbeiterkinder."

Konkurrenz der Unterrepräsentierten?

Michael Hartmann

Hartmann ist politisch unverdächtig, gegen die Frauenquote argumentieren zu wollen. Seit Jahrzehnten spricht er sich für die Quote aus – in der Politik wie in der Wirtschaft. Seine Frage ist eher: Fokussieren wir uns in Repräsentationsfragen gerade auf ein Merkmal und verlieren darüber andere Gruppen – etwa die sozial Schwachen – aus dem Blick: "Es gibt bei diesen Gruppen, die nicht angemessen repräsentiert sind, sehr große und kleine – Transsexuelle zum Beispiel sind eine kleine", sagt Hartmann. Die drei sehr großen Gruppen seien Frauen, Personen mit Migrationshintergrund und Arbeiter oder Arbeiterkinder. Bei letzeren fügt er hinzu "Diejenigen, die jetzt in die Positionen rücken, stammen aus einer Generation, aus der Arbeiter noch zwischen 40-50 Prozent der Bevölkerung ausgemacht haben". Hartmanns Idee ist, "bei allen Forderungen, dass Minderheiten stärker repräsentiert werden, das immer gleichzeitig ins Visier zu nehmen".

Frauenquote eindimensional gedacht?

Für den Politikwissenschaftler Christian Breunig ist nicht die Konkurrenz zwischen den unterrepräsentierten Gruppen entscheidend oder die Frage, ob Frauen untere soziale Schichten verdrängen. Er rät vielmehr dazu, vom eindimensionalen Blick auf ein Merkmal wegzukommen – besonders, weil immer mehr Parlamentarier mehrere unterrepräsentierte Gruppen in sich vereinen. "Man kann einfach sagen: Deutschland hat sich zu einer diverseren Gesellschaft entwickelt und dann ist die berechtigte Frage: Soll unsere Regierung, genauso: unser Parlament diese Bevölkerung widerspiegeln? Und wenn das so ist, muss man dann über die Eindimensionalität der Geschlechtermerkmale nachdenken und die anderen Gruppen mit einbeziehen?

Was nicht bedeute, dass die Themen einer Gruppe nur von der Gruppe selbst vertreten werden können: Wenn es politisch aussichtsreich ist, sagt Christian Breunig, dann werden sich Parteien dieser Themen annehmen. Unabhängig von ihrer Zusammensetzung. Genau dieser Punkt ist für die unteren sozialen Schichten relevant. Es sei evident, "dass das eine Gruppe ist, wo es relativ wenig Wählerstimmen zu gewinnen gibt". Stichwort: Nichtwähler. "Wo es nicht mehr viele Abgeordnete gibt – deshalb werden die auf beiden Dimensionen benachteiligt: Weder gibt es Anreize für andere Abgeordnete, sich um die Gruppe zu kümmern noch sitzen viele aus der Gruppe im Parlament. Und dann sind das vielleicht auch Themen, mit denen man nicht unbedingt politisch Karriere machen kann."

Aus unterrepräsentierten Gruppen Mitglieder gewinnen

Ein wichtiges Instrument zum Wandel ist für Breunig ein altbekanntes: der Rekrutierungsprozess. Mehrere Studien belegen, dass die unterrepräsentierten Gruppen sehr wohl Interesse an politischer Gestaltung haben. Es liegt also an den Parteien – diese Menschen zu finden und zu fördern. "Meine Kollegin, Stefanie Bailer, sagt da immer: Das hat mit der Ochsentour zu tun", so Breunig. "Wenn man den ganzen Tag arbeitet, hat man abends keine Zeit, wenn man seine politische Karriere startet, von Stammtisch zu Stammtisch zu wandern und politische Arbeit zu machen auf der regionalen Ebene, am Wochenende unterwegs zu sein. Das passiert Frauen, die zeitlich eingeschränkt sind, und genauso Menschen aus niedrigen sozialen Schichten."

Wenn es Olaf Scholz gelänge, sein Kabinett zu gleichen Teilen männlich und weiblich zu besetzen, wäre damit also kein Ende der Diversitätsdebatte in Sicht. Stattdessen kommen dann noch kompliziertere Fragen: Wie kommen wir vom schematischen Blick auf Geschlechtermerkmale weg? Wie können wir soziale Themen so in den Vordergrund rücken, dass Politiker sich von ihrer Bearbeitung auch Wahlerfolge versprechen? Und: Wie können Abgeordnete selbst sicherstellen, dass sie nicht für diejenigen Politik machen, denen sie zufällig ähnlich sind? Gerade die letzte Frage ist spielentscheidend, um die Repräsentationsfrage nicht mehr stellen zu müssen.

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