Düsseldorf und die Folgen Wie groß ist der Raum für Rassismus am Theater?

Der Schauspieler Ron Iyamu hatte im WDR heftige Vorwürfe gegen seinen Arbeitgeber erhoben, das Düsseldorfer Schauspielhaus. Die anschließende Debatte zieht nun immer weitere Kreise. Gehören Rassismus und Sexismus zum Alltag an deutschen Theatern?

Von: Stefan Keim

Stand: 27.04.2021 | Archiv

Ron Iyamu (links außen) bei der Inszenierung von "Liebe Kitty" am Düsseldorfer Schauspielhaus | Bild: Foto: David Baltzer

Alles begann bei einer Probe. Ron Iyamu, neu engagiert am Düsseldorfer Schauspielhaus, spielte eine Rolle in "Dantons Tod" von Georg Büchner. Weil es zu der Figur passte, fing Regisseur Armin Petras an, Iyamu "Sklave" zu nennen. Als Witz, den der Schauspieler zunächst hinnahm. Doch der Scherz hatte Folgen, berichtet Iyamu: "Das hat wiederum einen Raum geöffnet, dass auch andere sich berufen gefühlt haben, rassistische Witze zu machen. Was irgendwann darin gegipfelt hat, dass ein Kollege – wir haben Folterszenen gedreht, ich habe einen Henker gespielt, wir standen gerade am Requisitentisch, und dieser Kollege stand neben mir, hatte ein Cuttermesser in der Hand, hielt mir das an den Schritt und fragte: Wann schneiden wir eigentlich dem N-Wort die Eier ab? Und lachte dann süffisant drüber."

Nur ein Ausrutscher?

Armin Petras sei nicht das Problem, sagt Ron Iyamu. Nach dem Vorfall haben sich die beiden ausgesprochen, der Regisseur hat sich entschuldigt und seinen Fehler eingesehen. Was Iyamu bis heute verletzt: Er hat den Vorfall bei der Dramaturgie gemeldet. Nichts ist passiert. Bis er sich entschied, die Öffentlichkeit zu informieren. Denn es geht ihm um ein größeres Thema, um den strukturellen Rassimus, der nicht nur die Theater sondern überhaupt die Gesellschaft präge. Bernd Stegemann, Dramaturg am Berliner Ensemble, reagierte darauf mit einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen: "Das eine ist der Begriff des strukturellen Rassismus, der ein sehr sage ich mal containerhafter Begriff ist, in den sehr viel hineingepackt wird, von dem man, wenn man jetzt genauer nachschaut, gar nicht mehr weiß, was genau gerade gemeint ist. Und das zweite Anliegen, weil ich selber seit 30 Jahren Dramaturg am deutschsprachigen Theater bin, war mir zu sagen, dass eine Theaterprobe eine Ausnahmesituation zur Realität darstellt."

Über 1400 Theaterleute haben gegen Stegemanns Thesen in einem Leserbrief protestiert. Sie plädieren für einen respektvollen Umgang in den Proben, der nicht der künstlerischen Freiheit im Wege stünde. Unterzeichnet hat auch der Regisseur Marco Damghani. Strukturellen Rassismus kenne er aus eigener Erfahrung, auch am Theater. Und er sei nicht der Einzige, ist Damghani überzeugt: "Ich glaube, viele von uns oder so wie ich das mitbekomme jede Person mit einem migrantischen Hintergrund hat mindestens einen Vorfall erlebt, wo er oder sie sich unwohl gefühlt hat, einen Übergriff erfahren hat. Und ich glaube, dass genau diese Geschichte, die da dem Kollegen Iyamu passiert ist, die rührt an etwas, das viele von uns bewegt."

Die eigenen Verhaltensweisen überprüfen

Ron Iyamu und seine Unterstützer sagen, es gehe nicht darum, Menschen zu verurteilen, die mal einen rassistischen Witz machen. Sondern darum, dass man sich darüber offen unterhält und die Denkweisen reflektiert, die dazu führen. Iyamu selbst erzählt, dass er zum Beispiel sehr sexistisch war, als er auf die Schauspielschule kam. Erst seine Kolleginnen hätten ihn darauf aufmerksam gemacht: "Ich hab meine Sexismen auch noch nicht fertig abgearbeitet. Das ist ein Prozess. Aber ich finde, wenn wir eine Gesellschaft haben wollen, die zusammenarbeitet und in der alle Menschen gut behandelt werden, dann sollten wir ein Bewusstsein schaffen und sollten jeder daran arbeiten wollen."

Im Deutschen Bühnenverein wird schon lange über Verhaltensregeln in den Theatern diskutiert, wie Bühnenvereinspräsident Carsten Brosda bestätigt. "Die Aufgabe, vor der wir jetzt stehen ist, wie drücken wir das miteinander in die betriebliche Wirklichkeit hinein? Wie bringen wir auch die Träger in die Verantwortung, sich auch darum zu kümmern, dass man gemeinsam im Schulterschluss von Institution und Träger, der das ja auch ermöglichen muss, dazu kommt, dass sich entsprechende Verfahren verändern und wie erhöhe ich die Verbindlichkeit an der Stelle?"

Düsseldorfs Intendant Wilfried Schulz hat sich zwar dafür entschuldigt, dass sein Haus spät oder gar nicht reagiert habe. Zu einem öffentlichen Dialog, zu dem ihn Ron Iyamu auffordert, ist Schulz bisher nicht bereit. Die Angst sitzt tief, dass eine unbedachte Äußerung die Karriere kosten könnte. Doch wenn diese Furcht, miteinander offen zu reden, nicht überwunden wird, bleibt die Lage so verfahren wie sie ist.