Rassismus in Deutschland "Mich ärgert die Frage: Gibt es Rassismus?"

Seit Wochen blicken wir mit Entsetzen auf die rassistischen Übergriffe in den USA. Aber wie sieht der Rassismus in Deutschland aus? Drei Autorinnen erzählen uns, was wir hierzulande übersehen - und was wir jetzt tun müssen.

Von: Ronja Dittrich

Stand: 13.07.2020 | Archiv

Natasha A. Kelly | Bild: BR

Die Hölle, das ist der Alltag. Die Frage: Woher kommst du "wirklich"? Auf Englisch angesprochen zu werden. Nicht als Bürger dieses Landes anerkannt zu sein. Blicke, die zu lang haften. Ein ständiges Grundrauschen. Dem man sich nicht entziehen kann. Das Perfide ist, "dass der Rassismus in Deutschland eigentlich auf allen Ebenen sehr subtil läuft", sagt Natasha A. Kelly. "Und dass der Effekt der Mikro-Aggressionen sehr unterschätzt wird. Wenn eine Schwarze Person oder Person of Colour morgens raus geht und abends nach Hause kommt, hat sie über hundert Begegnungen mit Rassismus gemacht. Und diese Summe macht es aus."

In Deutschland wurde vergangenes Jahr zehn Prozent mehr rassistische Vorfälle als im Vorjahr registriert. Insgesamt 1.176 Mal haben sich Betroffene an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gewandt, weil sie sich im Arbeitsleben oder bei Alltagsgeschäften aufgrund ihrer ethnischen Herkunft diskriminiert gefühlt haben.

Video: Rassismus in Deutschland

Die Autorinnen Natasha A. Kelly, Tupoka Ogette und Alice Hasters kritisieren, dass Rassismus in Deutschland oft als Fehlverhalten von Einzelpersonen diskutiert wird, und nicht als strukturelles Problem gesehen wird. Wir haben mit ihnen darüber gesprochen, was sie an der derzeitigen Debatte ärgert - und warum es nicht reicht, den Begriff "Rasse" aus dem Grundgesetz zu streichen.

Natasha A. Kelly ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin, Filmemacherin und Soziologin mit den Forschungsschwerpunkten Kolonialismus und Feminismus. Sie schrieb u.a. das Buch "Afrokultur".

Tupoka Ogette arbeitet seit fast zehn Jahren deutschlandweit als Antirassimus-Trainerin. 2017 erschien ihr erstes Buch "exit Racism – Rassismuskritisch denken lernen".

Alice Hasters ist Journalistin. Ihr Bestseller "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen" erschien 2019.