Rassismus auf der Bühne Wie sensibel müssen wir am Theater sein?

Die Theater verstehen sich oft als Ort für eine bessere Welt. In der Praxis stimmt das leider oft nicht. Jetzt gibt es Bestrebungen, gegen versteckten Rassismus auf den Bühnen vorzugehen.

Von: Simone Reber

Stand: 16.03.2021

alpha-demokratie - Rassismus in Deutschland | Bild: picture-alliance/dpa

Schwanensee, das legendäre Ballett zur Musik von Peter Tschaikowski. Am Berliner Staatsballett wurde Chloé Lopes Gomes, die französische Ballerina of Colour, weiß geschminkt - wie das ganze Ensemble. Die Tänzerin empfand die Maske als verletzend und machte den Vorgang öffentlich, nachdem ihr Zweijahres-Vertrag nicht verlängert worden war. Jetzt entscheidet das Bühnenschiedsgericht über die Zahlung einer Entschädigung.

Ist Ballett weiß?

Die Geschichte ging Ende des Jahres durch die Weltpresse. An vielen Häusern ist das sogenannte Whitefacing inzwischen verpönt. Auch am Berliner Staatsballett wurde diese Tradition offenbar unter der Leitung von Johannes Öhman und Sasha Waltz beendet, dann aber in den Wirren des Führungswechsels wieder aufgenommen. Der Wunsch, das Ensemble durch Schminke homogen erscheinen zu lassen, mache deutlich, wie weiß Ballett ist, sagt Andrea Geier, Professorin für Neuere Deutsche Literatur und Genderforschung an der Universität Trier: "Jedes Whitefacing verstärkt nochmal diese Idee, dass dieses ätherische Wesen, diese Balletttänzerin weiß zu sein hat, weil wir die Art und Weise, wie wir Ballett sehen, eben weiß sehen. Und das bedeutet natürlich eine Abwertung von Schwarzsein. Das heißt, sie wird ausgeschlossen qua Hautfarbe von einer Idee von Ballett. Und wenn wir uns das anschauen, dann ist das eben keine harmlose kleine einfache, einzelne Maskerade. Sondern es ist das Ballett, das sich darstellt, als eine bestimmte, in einer weißen Gesellschaft verwurzelte Struktur und als weiße Perfektion geschätzte Kunstform."

Was bedeutet es, sich schwarz zu schminken?

Der Begriff "Blackfacing" kommt aus dem Amerikanischen. Weiße Schauspieler schminkten sich schwarz und machten sich über die dummen Sklaven lustig. Das wird heute in den USA als rassistische Praxis begriffen. In Europa fehlt es an solcher Sensibilität. So wurde der Münchner Tenor Jonas Kaufmann wohl von der Heftigkeit der Reaktionen überrascht, als er letztes Jahr auf dem Plattencover von "Otello" mit dunkel geschminktem Gesicht zu sehen war. Verdis Oper beruht auf William Shakespeares Tragödie von 1604. Othello, der edle maurische Feldherr, ist eine kühne Theaterfigur. Ab wann Othello dunkel geschminkt wurde, ist nicht bekannt. Heute aber muss man das Blackfacing immer rassistisch verstehen, meint Andrea Geier: "Die Tradition des Blackfacing kommt aus den Minstrel-Shows in den Vereinigten Staaten. Das ist eine Darstellungstradition, in der für ein weißes Publikum weiße Schauspieler sich schwarz geschminkt haben und verschiedene Rollen verkörpert haben, die auf das Verlachen und für das Amüsement eines weißen Publikums gedacht waren. Das heißt, die Rollen, die sie verkörpert haben, waren alle stereotypisiert und auch negativ stereotypisiert. Oder selbst, wenn sie nett waren, also der freundliche Sklave, dann sind das natürlich alles Rollen in einer weißen Dominanzgesellschaft."

Nur mit Schwarzen! Gershwins Verfügung bei "Porgy and Bess"

Dorothy Dandridge und Sidney Poitier in "Porgy and Bess"

George Gershwin verbot zu seinen Lebzeiten jede Aufführung von "Porgy and Bess“, wenn Weiße schwarz geschminkt werden sollten. Er verfügte, dass die Oper auch nach seinem Tod nur von afro-amerikanischen Darstellerinnen und Darstellern gespielt und gesungen werden darf. Bis heute wachen die Rechteinhaber über die Einhaltung dieser Bedingung.

Die ungarische Staatsoper ließ deshalb vor zwei Jahren ihre Sängerinnen und Sänger schriftlich erklären, dass sie sich wie Afro-Amerikaner fühlten. Eine etwas lächerliche Taktik, die bewegende Geschichte aus einem schwarzen Stadtviertel Ende des 19. Jahrhunderts aufzuführen. Diese absichtsvolle Ignoranz ist jedoch nicht die Regel.

Gleichbehandlung auch auf der Bühne

In Berlin beobachtet Bahareh Sharifi, Programmleiterin für Diversity Arts Culture, dass in Kulturbetrieben Unklarheit herrscht, was als rassistisch empfunden werden kann: "Das sind Ungleichheiten, in die wir alle verwickelt sind. Von denen wir alle betroffen sind in unterschiedlichem Maß. Und es geht darum, das Selbstverständnis innerhalb der Institution anzustoßen." Manchmal beginnt die Unsicherheit schon mit der Wahl der richtigen Worte. Im Internet hat Diversity Arts Culture ein Glossar veröffentlicht. Da wird die Bedeutung von Ableismus, Intersektionalität und Othering erklärt. Gemeint ist mit Ableismus die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung. Mit Intersektionalität das Zusammenwirken verschiedener Formen von Diskriminierung. Und mit Othering der Versuch, andere als Fremde von der Gruppe fernzuhalten. Allerdings wirkt auch diese amerikanisch geprägte Soziologensprache eher ausgrenzend. Klar und deutlich ist dafür das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz formuliert: "Der Kulturbereich versteht sich als außerhalb des Arbeitsmarktsektors, aber faktisch ist es auch eine Arbeitsmarktbranche und fällt unter das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Und da gibt es Vorgaben, dass es ein Diskriminierungsverbot gibt. Die Leitung muss dafür sorgen, dass keine Diskriminierung am Arbeitsplatz passiert. Und das ist auch eine gute Orientierung, wenn man eine Debatte anstoßen will, innerhalb der Institution, wird das tatsächlich eingehalten?"

Was, wenn ein Schauspieler das N-Wort auf der Bühne sprechen soll

Julia Wissert

Julia Wissert – Intendantin am Schauspiel Dortmund - war es leid, anderen erklären zu müssen, wann sie eine Bemerkung als rassistisch empfand. Gemeinsam mit Sonja Laaser entwickelte sie eine Klausel, die sie bei einem Engagement als Regisseurin in ihren Vertrag schreiben ließ. Sonja Laaser ist Dramaturgin und Fachanwältin für Urheber- und Medienrecht. Die Klausel kann immer dann angewandt werden, wenn sich eine Person von rassistischen Äußerungen betroffen fühlt. Wenn die Vereinbarung beansprucht wird, sind beide Seiten verpflichtet, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das kann entweder in einem Workshop passieren, in einer Mediation oder einem Critical Whiteness Seminar, also einer Veranstaltung, die weiße Dominanz hinterfragt. Besonders heikel, aber vielleicht auch besonders spannend für das Theater könnte es werden, wenn die Anti-Rassismus Klausel auf Rollen angewandt wird. Wenn zum Beispiel ein Schauspieler oder eine Schauspielerin auf der Bühne das N-Wort sprechen soll. "Das Wichtige ist, dass diese Klausel keine Straffunktion hat. Diese Klausel sagt nicht, das darf nicht gesagt werden oder das muss gesagt werden. Sondern der Gedanke dahinter war, wenn vielleicht etwas unterschiedlich bewertet wird im Kontext Rassismus von den Beteiligten, muss es einen Ort geben können, um dieses Thema zu behandeln."

Nicht jeder kann auf dem schwierigen Arbeitsmarkt Theater eine eigene Klausel für den Vertrag aushandeln. Inzwischen haben aber einige Häuser die Klausel zur Antidiskriminierungs-Klausel erweitert und selbst in ihre Verträge aufgenommen. Im Theater an der Parkaue im Berliner Bezirk Lichtenberg etwa gehört sie inzwischen zur Dienstvereinbarung.  Das Kinder- und Jugendtheater war 2019 in die Schlagzeilen geraten, als sich eine Schauspielerin über rassistische Kommentare beschwerte. Regisseur und Intendant mussten gehen. Das Theater kämpfte mit dem Imageschaden. Trotzdem ist an vielen Bühnen noch immer der Widerstand groß.

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