Stream mit Juliane Köhler "Niemand wartet auf dich" am Residenztheater

Niemand erwartet eine Öffnung vor dem Frühjahr. Das Residenztheater verlegte deshalb die deutsche Erstaufführung von Lot Vekemans‘ "Niemand wartet auf dich" ins Netz. Aber dort wartet man irgendwie doch. Meint Stephanie Metzger

Von: Stephanie Metzger

Stand: 14.01.2021 | Archiv

Szenefoto mit Juliane Köhler | Bild: Adrienne Meister

Wer mit einem Finger auf andere zeigt, zeigt oft auf sich selbst. Die vielgespielte holländische Dramatikerin und Autorin Lot Vekemans gibt mit ihrem Stück drei Frauenfiguren eine Bühne, die sich auf unterschiedliche Weise mit der Frage nach der Eigenverantwortung auseinandersetzen. Gespielt werden sie alle von Juliane Köhler. Stephanie Metzger war bei der Bildschirm-Premiere auf Zoom dabei.

Juliane Köhler sitzt am Schminktisch und ringt mit den Tränen. Im Spiegel fängt die Kamera ihr Gesicht ein, sieht zu, wie sich die Schauspielerin nach und nach in die Figur der Politikerin Ida verwandelt: Perückenwechsel, Puder, Lippenstift. Dazu übt Ida jene Sätze, die sie gleich noch einmal wiederholen wird. Dann mit fester Stimme, vor Blue Screen, gerichtet an ein fiktives Publikum im Raum und direkt in die Kamera, die ihr in langsamer Fahrt folgt.

Der Abgrund zwischen "Ich" und "Wir"

Nach einer Wahlniederlage tritt Ida vom Amt zurück. Sie verbindet diesen Abgang mit einem Plädoyer für Wahrhaftigkeit in der Politik. Und für den Wert von Scham, Scheitern und Verletzlichkeit. All das, was ihr das Politgeschäft, in dem sie eigentlich etwas zum Guten verändern wollte, unmöglich macht. Dieser Wechsel vom intimen Proben hin zur offiziellen Ansprache berührt. Und es ist einer der eher seltenen Momente, in denen die mediale Anordnung dieses Abends zum Ausdruck wird für das Dilemma der gezeigten Figur. Denn der Spalt zwischen Spiel in eine Kamera und dem Theaterspiel ohne Publikum markiert den Abgrund zwischen Einzelnem und seiner sozialen Rolle.

Mit eben diesem Abgrund ringen alle drei Frauen in Lot Vekemans Stück, die Juliane Köhler in ihrem Grundimpuls nachvollziehen kann: "Alle sprechen über das Thema der Eigenverantwortung. Also inwieweit kann ich mich selber einbringen in Wirtschaft, Umweltschutz, Politik. Und die drei Figuren sind nur unterschiedlich in ihrer Altersgruppe und in ihrem Beruf. Aber ich glaube, dass sie alle drei etwas verbindet, weil sie sich alle die Frage stellen, wie kann ich mich selbst einbringen."

Unterscheidung von Angelegenheiten

Noch vor Ida, der Politikerin, spielt Juliane Köhler Gerda. Diese alte Dame, die den Müll der anderen von der Straße räumt. Weil sie im Ratgeber "Niemand wartet auf dich" gelernt hat, dass der Fingerzeig auf andere nicht weiterhilft, sondern nur das eigene Tun. Ohne dass Gerda dabei dem Glauben verfallen würde, damit alle Angelegenheiten beeinflussen zu können. Denn da gilt es – laut Ratgeber – zu trennen Nämlich in "Deine Angelegenheiten, Die Angelegenheiten des anderen. Die Angelegenheiten Gottes. Und nur an deinen Angelegenheiten kannst du etwas ändern."

Leicht gebeugt, mit weißem Haar, in hellem Strickrolli und braunem Rock deutet Juliane Köhler die alte Frau nur an, deren Mantra Unbehagen auslöst. Vor allem in Zeiten der Pandemie, in der individuelles Engagement ins Leere läuft, wenn es sich nicht steigert zum kollektiven Handeln. Aber auch Lot Vekemans, eine Spezialistin für moralische Grundsatzfragen, deren Stück schon 2018, also vor Corona geschrieben wurde, lässt dieses Mantra nicht unwidersprochen stehen.

Schlafende Gemeinschaft

Am deutlichsten fragt ihre dritte Figur nach den Möglichkeiten eines solidarischen "Wir": die Schauspielerin. Im Home-Office Look – Juliane Köhler trägt jetzt Jogginghose und Sweatshirt – lümmelt sie auf weißen Sitzsäcken, sinniert über den Wert von Grenzen, träumt aber doch von der Verbundenheit aller. Ihr Schlussappell an die Zusehenden vor ihren Bildschirmen: Die Augen schließen und gemeinsam schlafen. Die Theatergemeinde als Utopie echter Gemeinschaft.

Als solche wird man bei den kommenden Aufführungen auch in der Zoom-Konferenz nach der Vorstellung diskutieren können. Juliane Köhler hält das für zentral: "Es ist so, dass ich dann nach dem Stück mich vor diesen Zoom-Computer setze und mit den Menschen, die da drin sind tatsächlich diskutieren. Dieser Dialog mit den Zuschauern ist von der Autorin so gemeint, das finde ich auch ganz toll, das gehört wirklich zu dem Stück dazu."

Warten auf das Publikum

Das Publikumsgespräch also die konsequente Verlängerung eines eher didaktischen Abends, der sich nicht so recht zwischen Theater und Online-Präsentation entscheiden kann. So bleiben erzählerische und inszenatorische Mittel, die durch die Kamera – vielleicht auch mehrere Kameras – und Bildschnitt möglich gewesen wären, weitgehend ungenutzt. Wie die leeren Stuhlreihen zeigen, die im Münchner Marstall zu sehen sind, scheint man hier eben doch zu warten. Darauf, dass endlich wieder mit Publikum gespielt werden kann. Und trotzdem wird das Theater hier lebendig, übernimmt Initiative und spielt!

Die nächste Vorstellung findet am 25.2. als Stream statt. Hier gibt es Karten und Infos zu den Live-Streams.

Ein Beitrag aus der kulturWelt vom 24.01. Den Podcast zur Sendung gibt es hier.