Angst und Lust in der Pandemie Was Porno- und Zombie-Filme verbindet

Porno und Zombie-Apokalypsen sind die Genres der Stunde. Warum? Beide thematisieren den Körper. Klar, wir sind einsamer in der Pandemie. Und die Nachrichten zeigen uns jeden Tag, wie verletzlich unsere Körper sind.

Von: Martin Zeyn

Stand: 16.10.2020 | Archiv

Szene aus BOOGIE NIGHTS USA 1997 von Paul Thomas Anderson  | Bild: icture alliance/United Archives

Es gibt ein Foto der Künstlerin Rosemarie Trockel, auf dem eine große Spinne auf einer weiblichen Scham zu sehen ist. Deutlicher noch als die B-Pictures der 1950er, bei denen das Monster immer hinter schönen Frauen her war, zeigt dieses Foto: Sex und Horror gehören zusammen. Und wie zu vermuten war, hat der Lockdown die Nachfrage stark angheizt. Pornhub hat auf Anfrage von Forbes bestätigt, dass die Abrufzahlen immens nach oben gingen, in Italien allein am 12. März um 57 Prozent – allerdings hat die Plattform diesen Boom mit der kostenlosen Freischaltung von Premium-Zugängen befördert (Ach, welche noble Geste in schweren Zeiten!). Ob auch mehr Menschen sich Zombiefilme angeschaut haben, kann zuverlässig nicht ermittelt werden, da weder Netflix noch Amazon Details über Nutzergewohnheiten preisgeben. Allerdings war das Netz voll mit Hinweisen, welche Horrorfilme am besten zur Pandemie passen. Kein direkter Beweis, aber doch ein Hinweis, auch hier gab es eine erhöhte Nachfrage.

Manchmal überschneiden sich sogar beide Genres. Das allen Spielarten der Sexualität gegenüber aufgeschlossene Missy Magazine hat in der aktuellen Ausgabe auf zwei Filme des zum Glück kleinen Genres Zombie-Pornos hingewiesen. Die sind besonders unappetitlich – selbst nach den eher laxen Maßstäben beider Genres. Die Autorin Eve Massacre klassifiziert sie als "Füllhorn der Rape-Culture" – die zombiefizierte Frau kann zu nichts mehr nein sagen, sie steht für totale Verfügbarkeit. Nur ein totes Sexobjekt ist ein wirklich totales Sexobjekt, ließe sich in Anlehnung an Elisabeth Bronfens Buch "Die schöne Leiche" über tote Protogonistinnen in der Literatur sagen. Nekrophilie ist in der Kultur verbreiteter, als wir braven Bürger*innen es erwarten.

Das unersättliche Begehren

Der Zombie ist ein Marker für das Verhältnis einer Gesellschaft zum Körper. Deswegen hat er es sogar schon in die Hochkultur geschafft, etwa in den Roman "Zone One" von Pulitzerpreis-Gewinner Colson Whitehead. Als der jugendliche Ich-Erzähler die Tür des Schlafzimmers der Eltern aufreißt, sieht er eine schreckliche Szene: Seine Mutter beugt sich gerade über seinen Vater – um ihm die Gedärme aus dem Bauch zu reißen. Diese Szene sagt alles. Statt sie beim Sex mit Papa zu überraschen – für Sigmund Freud ein Quell ewiger Komplexe –, beobachtet der Held die frisch zombifizierte Mama bei ganz anderen fleischlichen Gelüsten. Wobei in den abstrusen Kategorien des amerikanischen Puritanismus unklar ist, was schrecklicher ist: die Mutter zu erwischen beim Oralsex oder doch beim animalischen Kannibalismus.

Whiteheads Szene hat eine tiefe Bedeutung. Sie zeigt, dass in beiden Genres, Horror wie Porno, das Begehren unersättlich ist. Kein Zombie, der je satt würde, keine Nackte, die nicht noch einmal durchgebumst werden will. "Denn alle Lust will Ewigkeit", hat Nietzsche geschrieben. Allerdings zeigen Porno wie Horror, dass ewige Lust ganz schöne Maloche ist. Mann/Frau/Zombie können, müssen aber auch immer.

Zombies als Anhänger von Luhmanns Komplexitätsreduktion

Warum gibt es immer neue Zombie-Filme? Weil Zombies Innenpolitik behandeln, Scifi aber Außenpolitik, wie Diedrich Diederichsen einmal anmerkte? Und wenn diese These stimmt, was sagen die Zomies genau über die Innenpolitik? Die Zombiefilme von George Romero (er hat mich mit 16 gründlich von der Lust am Horror kuriert) wurden als Kritik des Konsumterrors gelesen, auch als Angst, zu einer riesigen namenlosen Masse von Ausgestoßenen zu gehören, die der Kapitalismus aussortiert habe. Beides leuchtet ein.

Doch erklären beide Argumentationslinien nur die Angst vor den Zombies, nicht aber die Lust beim Betrachten von Horrorfilmen. Wieso werden wir in den letzten Jahren von mal mehr, mal weniger hochwertigen Zombie-Apokalypsen wie der Serie The Walking Dead überschwemmt? Vielleicht weil sie für die Generation Z eine Erleichterung darstellen. Die jungen Menschen in den Serien und Filmen haben nur ein einziges Ziel: zu überleben. Kein Tiktok oder Youtube hindert sie daran (noch unrealistischer geht es wirklich nicht). Sie müssen keine guten Noten schreiben oder den Eltern erklären, warum es nach dem Praktikum nicht weitergeht. Sie müssen nur Zombies töten – und sollten keine Skrupel dabei empfinden. Das ist hart, aber es ist auch einfach.

Eine wunderbar entlastende Komplexitätsreduktion findet hier statt, wie sie der Philosoph und Verwaltungsbeamte Niklas Luhmann als unabdingbar für die moderne Welt beschrieben hat. Kein Zweifel über den Platz in der Welt – der ist direkt neben dem halbautomatischen Gewehr und der Machete. Zombiefilme sind auch ein Ausdruck dafür, von den Ansprüchen der Welt entlastet werden zu wollen. Um jeden Preis! Und weil diese Lust mit Schuldgefühlen verbunden ist (siehe Freuds Über-Ich), bestrafen sich alle Betrachter*innen mit Angst. Einen Horrorfilm zu schauen ist eine sehr moderne Form der Selbstkasteiung, halb Lust, halb Strafe, ebenso ambivalent wie dornengespickte Keuschheitsgürtel oder Selbstgeißelung. Eine Art visueller Masochismus: 50 Shades of Zombie. Ob diese Schock-Therapie gegen die Zumutungen der Welt wirklich hilft, ist nicht belegt, auch wenn eine Studie das nahelegt. Aber zumindest überdenkenswert erscheint mir, im Erfolg der zahllosen Zombie-Apokalypsen einen medialen und trotzdem unbewussten Hilfeschrei der Jugendlichen zu sehen, die auf Überforderung mit Magersucht und Selbstmord reagieren.

Der Star ist der Penis – nicht das Wesen, an dem er hängt

Der Psychoanalytiker Jacques Lacan hat unsere Gesellschaft als phallozentristisch beschrieben. Das haben einige so verstanden, dass die Männer das Sagen haben. Aber ein Blick auf zeitgenössische Massenpornos macht deutlich: So einfach ist diese Behauptung von Lacan nicht – überhaupt scheint dessen Ruhm unentwirrbar mit seiner Unlesbarkeit (netter ausgedrückt: Verstiegenheit) zu tun zu haben. Bei den ewig stöhnenden Frauen – quasi ein Basso continuo des immer ungeduldig quengelnden, weil eigentlich schon längst am Höhepunkt angekommenen Orgasmus –, muss ihr Gesicht beglaubigen, dass sie das Ganze wollen. Anders bei Männern, da kommt der männliche Protagonist ohne Gesicht aus, ja ohne Persönlichkeit. Er ist sein Phallus – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Was wie eine Machtgeste inszeniert wird – der Phallus handelt –, kann genauso verstanden werden, dass es diese Macht nur deshalb gibt, weil der Mann darauf verzichtet, eine Person zu sein. Den Pornostar John Holmes (dem der Film "Boogie Nights" ein Denkmal setzte) kennen wir, weil sein Penis sehr, sehr groß war. Sein Gesicht? Spielt keine Rolle. "Die Schmach der Kopflosigkeit ist gleichsam die Werkeinstellung des männlichen Darstellers", schreibt Dieter Roelstraete im Kunstmagazin Monopol. Damit schließt er an Überlegungen der Filmhistorikerin Linda Williams an, die als Erste feststellte, dass auch der männliche Körper im Porno vielfältigen Zurichtungen ausgesetzt ist. Siehe dazu das 1989 erschienene Hard Core: Power, Pleasure and the Frenzy of the Visible. Anders als Frauen, zweifellos, aber auch der männliche Körper bleibt beim hard core nicht unbeschadet. Macht gibt es auch im Porno nicht umsonst.

Sind Pornos und Horrorfilme eine Art von Musical?

Nimmt das aber das Genre vielleicht zu ernst? Ja, tatsächlich gleichen Pornos wie Horrorfilme überkandidelten Musicals – sie zeigen keine Wirklichkeit, sondern Wunschbilder. Geiler Sex ohne Erektions- und Orgasmusprobleme im einen Genre. Im anderen dreht sich alles nur noch um den Schutz des eigenen Körpers (ohne die ganzen Fragen, die die Eroberung der Sexualität aufwirft). Beides sind Formen der Komplexitätsreduktion. Der Horror allerdings vernebelt das weniger: Ihm macht das Außen immerhin Angst. Der Porno blendet das Außen einfach aus.

Das erklärt, weswegen der Porno auch in Pandemiezeiten so gut funktioniert: weil er die Angst der Männer ernst nimmt. Porno vergrößert den Penis so, dass er alles andere überdeckt. Kein "cogito ergo sum" mehr, kein Denken, nur noch Abspritzen: "Venio ergo sum". Der Porno erzählt viel über die Krise der Männlichkeit – nämlich, dass kein Mann mehr daran zu glauben scheint, ein anderes Wesen beglücken zu können. Sein Phallus ist im Porno nicht sein bestes Teil, sondern ein autolibidinös rammelnder Zombie, komplett austauschbar und mit dem Charme einer Dampfmaschine – er kann ewig, aber ein Spaß ist das für niemanden. Hoffen wir, dass der Porno mehr mit Musicals als mit der Realität zu tun hat. Und ja, hoffen wir, dass, wenn die Pandemie besiegt ist, die Freuden der Realität die Phantasmen des Pornos und des Horrors wieder in den Hintergrund drängen.