So Lonesome I Could Cry Was wir von Pop über Einsamkeit lernen können

Wie kein anderes Medium kann Pop Gemeinschaftsgefühle für einsame Menschen stiften – und feiert doch zugleich die Vereinzelung als einzig wahres Dasein im Widerstand gegen die falschen Verhältnisse.

Von: Jens Balzer

Stand: 21.08.2020 | Archiv

Joy Division | Bild: Warner

Einsamkeit: Das ist ein Gefühl, das in der Krise der letzten Monate viele Menschen ergriffen hat. Isolation: Das ist der Zustand, der das gesellschaftliche Leben regiert. Müssen wir Angst davor haben? Muss dieser Zustand uns quälen? Oder können wir Einsamkeit und Isolation nicht auch genießen?

In der Popmusik der letzten Jahrzehnte wurde diese Frage immer wieder gestellt. Schon immer hat Pop solchen Menschen eine Stimme geliehen, die sich fremd und vereinzelt fühlen in der Welt, in die sie geboren wurden. Pop kann dabei helfen, weniger einsam zu sein – etwa: indem er neue Gemeinschaften stiftet mit anderen, die sich ebenso isoliert fühlen wie man selbst.

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Tocotronic - Hoffnung | Bild: Tocotronic (via YouTube)

Tocotronic - Hoffnung

In jedem Ton liegt eine Hoffnung
Auf einen neuen Zusammenhang
Hier ist ein Lied, das uns verbindet
Und es fliegt durchs Treppenhaus

Das Lied "Hoffnung" von der Gruppe Tocotronic, veröffentlicht Anfang April 2020, da dauerte der erste Lockdown wegen der Corona-Krise gerade einmal drei Wochen. "Ein kleines Stück Lyrics and Music gegen die Vereinzelung", singt Dirk von Lowtzow darin. So hat sich das angefühlt, als wir alle plötzlich eingeschlossen waren und nicht wussten, wie uns geschieht und wie lange das alles dauert. Und ob die Welt hinterher jemals wieder so aussehen wird, wie wir sie kannten. (Das wissen wir ja eigentlich immer noch nicht.)

Aber die Gefühle sind inzwischen doch anders, komplizierter. Wir sind schon wieder rausgegangen und haben unsere Freiheit genossen, oder wenigstens: das bisschen Freiheit; diese andere Art von Freiheit, die sich zwischendurch wieder einstellte. Und jetzt fürchten wir uns davor, dass uns diese Freiheit genommen wird, wenn die langen Herbst- und Wintermonate beginnen.

Das große Paradoxon des Pop: Einsamkeit gemeinsam erfahren

Ein Lied stiftet Hoffnung, weil es vereinzelte Töne in einen Zusammenhang setzt, aus dem sich etwas Neues ergibt: Ansprache, Trost, Austausch. Musik stiftet Hoffnung, weil sie Menschen zueinander bringt beim gemeinsamen Hören; auch wenn sie voneinander getrennt, jeder für sich, isoliert wahrgenommen wird. Das große Paradoxon des Pop: Einsamkeit gemeinsam erfahren.

Einsamkeit: Das ist ein Gefühl, das in der Krise der letzten Monate viele Menschen ergriffen, ausgesetzt und – ja – geschunden hat. Isolation: Das ist der Zustand, der das gesellschaftliche Leben regiert. Und natürlich haben Musikerinnen und Musiker das in ihre Songs einfließen lassen.

Dabei gab es ja aber doch sehr unterschiedliche Tonlagen. Also klar: die melancholisch-depressive von Tocotronic, die in einer hoffnungslos scheinenden Situation doch irgendwie Hoffnung zu stiften versuchten. Es gab aber auch die sarkastisch-schrullige Variante von Helge Schneider:

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Helge Schneider - Forever At Home Official Video | Bild: Helgeshow (via YouTube)

Helge Schneider - Forever At Home Official Video

Es ist nicht ernst, aber auch nicht unernst – eigentlich wie immer bei Helge Schneider. Hier singt jemand, der sich leichter als andere in dieser befremdlichen Lage einzurichten versteht, die Sozialkontakte auf Telefon und Messenger-Nachrichten beschränkt, weil er schon immer so gelebt hat. Und weil die Traurigkeit dieser Wochen, mal durchgehend, mal in wiederkehrenden Wellen, sein Leben schon immer bestimmte. Früher war er ein Sonderling. Heute sind wir alle Sonderlinge wie er.

Heidegger als Philosoph des Lockdowns?

"Ein Zeitalter der Einsamkeit muss über die Welt kommen, wenn sie noch einmal neuen Atem holen soll zu einem Schaffen, das den Dingen ihre Wesenskraft zurückgibt", schreibt der Philosoph Martin Heidegger 1938 in einem Brief an seine Geliebte, die jüdische Pädagogin Elisabeth Blochmann.

Heidegger war schon immer ganz gerne für sich. In seiner Hütte am Todtnauberg. Forever alone, forever at home. Für Heidegger war immer klar, dass man nur zum wahren Wesen der Dinge vorstoßen kann, wenn man sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Aus dem "Gerede" des "Man", wie er es abschätzig schon in seinem ersten Hauptwerk "Sein und Zeit" aus dem Jahr 1927 formuliert. Und zwei Jahre später heißt es in seiner Vorlesung über "Die Grundbegriffe der Metaphysik": Um ins Eigentliche zu kommen, muss man nach Vereinzelung suchen; und diese Vereinzelung ist gerade jene "Vereinsamung, in der jeder Mensch allererst zum Wesentlichen aller Dinge gelangt, zur Welt."

Nur das einsame Dasein ist das authentische Dasein, könnte man sagen, oder in Heideggers Terminologie: ein Dasein, in dem sich die Wahrheit entbirgt. Weil wir uns nur in der Abgetrenntheit von der Welt unserer eigenen Endlichkeit gewahr werden können als einer existenziellen Bedingung des Daseins. In der "Einsamkeit" werden wir uns der eigenen "Geworfenheit" inne, das heißt jener Bedingungen unseres Daseins, die wir selber nicht gestalten, sondern lediglich hinnehmen können, und zu dieser Geworfenheit gehört wesentlich auch das "Sein zum Tode".

"Welt – Endlichkeit – Einsamkeit": Das ist der Untertitel von Heideggers "Grundbegriffen der Metaphysik". Die zentrale These aus dieser Schrift wurde 1952 vertont.

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Hank Williams I'll never get out of this world alive | Bild: Jim Ber (via YouTube)

Hank Williams I'll never get out of this world alive

"I’ll Never Get Out of This World Alive" von Hank Williams. Ein Klassiker der musikalischen Existenzphilosophie. Hank Williams hat im Sinne von Martin Heidegger das menschliche Dasein in seiner Wesenheit zur Gänze erfasst. Williams bekanntester Song ist aber: "I’m So Lonesome I Could Cry", der von Elvis, Johnny Cash und Nick Cave gecovert wurde.

Er liegt nachts auf seinem Bett und kann vor Liebeskummer nicht schlafen, er ist so einsam, dass er weinen möchte. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass gerade dieser Song über Jahrzehnte hinweg weitergewirkt hat. Weil er offenbar in vielen Menschen eine Saite zum Klingen bringt. Weil Einsamkeit etwas ist, das jeder schon mal gespürt hat – nicht nur, wenn man sich gerade wegen einer Pandemie im Lockdown befindet oder gar in der häuslichen Isolation.

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I'M SO LONESOME I COULD CRY (1949) by Hank Williams | Bild: wilson mcphert (via YouTube)

I'M SO LONESOME I COULD CRY (1949) by Hank Williams

Darin zeigt sich aber auch etwas, das man vielleicht Dialektik der Einsamkeit nennen könnte: Wie nämlich in der Vereinzelung des Individuums sich auch dessen Wunsch nach Gemeinschaft zeigt. An der Karriere von Liedern wie diesem kann man sehen, dass gerade eine starke musikalische Bekundung von Einsamkeit dazu führt, dass viele Menschen, die sich ebenso einsam fühlen, zu dieser Musik eine starke Beziehung entwickeln. Und sich dadurch eben nicht mehr so einsam fühlen. Gerade Musik, die von Einsamkeit handelt, kann starke Gemeinschaftsgefühle stiften. Man erfährt, dass es anderen Menschen ebenso geht wie einem selber. Und gewinnt daraus Trost.

Lieber allein als gemeinsam einsam

Sofern es sich um eine Gemeinschaft handelt, mit deren Angehörigen man Gemeinsamkeiten besitzt. Sonst kann man sich ja gerade unter Menschen auch sehr einsam fühlen.

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Isolation (2007 Remaster) | Bild: Joy Division - Topic (via YouTube)

Isolation (2007 Remaster)

"Isolation" von Joy Division aus dem Jahr 1980 beschreibt sehr genau, wie es ist, wenn man eben als so ein unglücklicher junger oder erwachsen werdender Mensch an einem Ort lebt, an dem man sich nicht verstanden fühlt. Man fühlt die Entfremdung. Aber man fühlt auch Scham darüber, dass man nicht so ist, wie man sein soll. In der Übersetzung des Lyrikers Jan Böttcher liest sich das so:

"Mutter, du kannst es mir glauben 
Ich geb alles, mehr ist nicht drin
Mich beschämt, was ich durchgemacht habe
Ich schäm mich für den, der ich bin.
Isolation, Isolation, Isolation".

Ist das nicht die äußerste Form der Einsamkeit und der Vereinzelung, die sich in einem Popsong bekunden lässt? Heidegger war überzeugt, dass man nur in der Einsamkeit, in der Vereinzelung ein unmittelbares Verhältnis zum Sein finden kann. Auch in den Texten von Ian Curtis geht es um die Endlichkeit und um das Sterben. Aber es klingt doch beides als etwas an, zu dem man nicht "vorläuft", wie es bei Heidegger heißt; das sich also nicht als etwas zeigt, das in der Zukunft auf den vereinzelten Einzelnen wartet, sondern als etwas, das schon da ist; das schon eingetreten ist: Wir hören bei Joy Division jemandem beim Singen zu, der nicht nur fremd in der Welt ist; sondern auch mit sich selber fremd ist. Seine Einsamkeit rührt nicht aus der Antizipation des eigenen Sterbens, sondern aus dem Gefühl, "schon tot" zu sein.

Ian Curtis ist eigentlich der ideale Kandidat für Heideggers Verbindung von Einsamkeit und existenzieller Erkenntnis. Er ist einsam und blickt immer von Neuem in sein Inneres – aber er kommt dennoch zu keiner Erkenntnis; weil er in sich selber nie etwas findet, das zu einer Übereinstimmung mit sich selbst führt, das zur Heimat wird.

Die Verzweiflung ernst nehmen

Auch diese Musik konnte so vielen Menschen Trost stiften, gerade weil sie so hart, ernsthaft und schwarz ist: Sie nimmt die Verzweiflung ernst, die aus der Vereinzelung rührt. Sie überspielt nicht den Schmerz, der aus der Vereinzelung rührt. Sie überspielt ihn weder mit Pathos noch mit Melancholie.

In der Erfahrung der Einsamkeit merken wir, was uns fehlt, wenn wir anderen Menschen nicht nahe sind; denn in Wahrheit finden wir nur in der Nähe zu anderen und in der Gemeinschaft mit ihnen zu unserem eigenen Selbst. Ein Paradoxon. An dem man zerbrechen kann, wie Ian Curtis. An dem wir aber auch wachsen können, wenn wir die fatalistische Opposition durchbrechen: entweder Einsamkeit oder Gemeinsamkeit. Pop gibt uns die Wahl zurück. Wir können entscheiden, wir sind nicht mehr den Zuständen, dem Vorlauf, der Geworfenheit ausgeliefert. Popsongs, die von Einsamkeit handeln, zeigen uns eigentlich nur das, was wir aus unserem Leben ohnehin wissen – aber viel zu oft und leicht vergessen: dass man der Einsamkeit nur entfliehen kann durch die Öffnung zu anderen Menschen – durch die Öffnung zu Menschen, mit denen wir unsere Angst teilen können und diese Angst dabei vielleicht überwinden.

Diese Öffnung ist nur ein anderes Wort für das, was uns immer und gerade auch in den schwärzesten Stunden der Isolation noch Hoffnung zu stiften vermag: Liebe. Davon kann Pop immer und immer wieder erzählen, mehr noch als von Isolation und Einsamkeit...

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