Polizeiruf 110 – Bis Mitternacht Die Uhr tickt in Dominik Grafs neuem Münchenkrimi

Bis Mitternacht muss es Kriminaloberkommissarin Elisabeth "Bessie" Eyckhoff gelingen, den mutmaßlichen Sexualmörder zum Geständnis zu bringen. Ohne genügende Beweise müssen sie ihn sonst wieder freilassen. Der neue Polizeiruf von Dominik Graf ist ein Vernehmungsmarathon, "Bis Mitternacht"... und darüber hinaus.

Von: Iris Buchheim

Stand: 30.08.2021 | Archiv

Kriminaloberkommissarin Elisabeth "Bessie" Eyckhoff (Verena Altenberger) verhört den Tatverdächtigen Jonas Borutta (Thomas Schubert).  | Bild: BR/Provobis Gesellschaft für Film und Fernsehen/Hendrik Heiden

Kälte, verschneite Isarauen, aus den vielen Schnitten einer im Gebüsch liegenden jungen Frau tritt Blut aus. Betonwüste Studentenstadt im herbstlichen Olympiazentrum: In einem Apartment liegt eine Frau in einer Blutlache, etliche Stiche am Rücken. Wie immer, so hat Regisseur Dominik Graf auch im neuen München-Polizeiruf ein untrügliches Gefühl für die passenden Tatorte, die er mit schnellen, malerischen Schnittfolgen gleich auch als lebendige Schauplätze mit joggenden und lachenden jungen Menschen bevölkert. Hier pulsiert das wirkliche Leben – und hier lauert der Tod.

Reise in die Abgründe der Täterpsyche

Doch im neuen Polizeiruf leuchtet Dominik Graf nur nebenbei den Münchner Stadtraum aus. Im Zentrum steht das Innere des vermeintlichen Täters – und der Kriminalkommissarinnen, die ihn vernehmen. Zunächst in einem technisch hochgerüsteten sterilen Vernehmungsraum, dann im hundsgemeinen Büro eines Mitarbeiters, wo Essensreste rumstehen zwischen Stapeln liegengebliebener Arbeit – hier sollen sich Kommissare und Täter näher kommen. Im Grunde ist der ganze Film das Kammerspiel einer Vernehmung mit kurzen, bildmächtigen Ausschnitten unterwegs in die dunkle Seele des Täters.

Der Clou des Films: Der (vermeintliche) Täter ist von Anfang an gefasst. Die von Elisabeth "Bessie" Eyckhoff (Verena Altenberger) geleitete Münchner Mordkommission hat in dem gesuchten Gewalttäter aus der Studentenstadt den Mann erkannt, der vor drei Jahren verhaftet wurde wegen des Verdachts, eine junge Joggerin in den Isarauen erstochen zu haben, der musste aber wegen fehlender Beweise wieder auf freien Fuß gesetzt werde: Jonas Borutta (Thomas Schubert).

Der kranke, der bedürftige Täter

"Ich glaube gar nicht, dass Du auf die Susanne einstechen wolltest. Du wolltest Sex mit ihr haben. Sex mit Gewalt", sagt die frischgebackene und sehr engagierte Oberkommissarin. Und mit ihrer Methode, in dem mutmaßlichen Gewalttäter von Beginn an den Kranken und Bedürftigen, eben den Sexualtäter zu sehen, gewinnt Elisabeth Eyckhoff das Vertrauen Boruttas. Er redet – und genießt es sichtlich, eine Zuhörerin zu haben – und redet und redet: aber gesteht nicht. Die Uhr tickt und die Staatsanwältin steht schon auf der Matte: Wenn er bis Mitternacht nicht gesteht, müssen sie Borutta wieder freilassen, wie vor drei Jahren auch schon. So will es das Gesetz nach 24 Stunden, wenn nicht genügend Beweise gegen den Verdächtigen vorliegen.

Der Kriminalrat wird ungeduldig, die Nerven liegen blank, sie haben keine zwei Stunden mehr, um ein Geständnis zu erzielen. Er zieht Josef Murnauer (Michael Roll) hinzu, einen alten erfolgreichen, aber nicht mehr aktiven Mordermittler, der Borutta vor drei Jahren schon zum Reden brachte, aber nicht zum nötigen Geständnis. Wird es diesmal schaffen?

Vernehmungsmarathon mit Count Down

Das wird hier natürlich nicht verraten. Nur so viel, nach anfänglichem Ärger über die unerbetene Hilfe macht Oberkommissarin Eyckhoff weiter sehr engagiert ihren Job: Statt hier einen Nebenschauplatz – Stichwort Machogehabe und Generationenkonflikt – aufzumachen arbeiten beide auf Augenhöhe, mal bringt der eine, mal die andere Ideen vor, wie sie den vermeintlichen Täter, der ziemlich intelligent Katz und Maus mit ihnen spielt, zum Geständnis bringen können.

Die Vorlage zu diesem Polizeiruf 101- Drehbuch von Tobias Kniebe ist die Geschichte "Wollust" aus dem 2010 erschienenen Buch "Abgründe: Wenn aus Menschen Mörder werden" von Josef Wilfling. Wilfling hat ganz real jahrzentelang die Münchner Mordkommission geleitet und erzählt darin die Fälle, die wie er im Merkur-Interview bei Erscheinen sagte, "jenseits meiner Vorstellungskraft lagen".

"Jeder hat das Mörder-Gen in sich", ist Wilflings Credo und man habe nur eine Chance, an Mörder ranzukommen, wenn man sie nicht verachte, ihnen – bei allem Schrecken und Entsetzen über die Tat – ein Rest Würde lässt. Diese zutiefst humane Haltung prägt auch die "Bis Mitternacht" sich hinziehende Vernehmungsprozedur. Das Resultat: ein sehr gelungener Polizeiruf 110, so außerordentlich und bemerkenswert wie 1995 Dominik Grafs erster München Tatort "Frau Bu lacht".

"Polizeiruf 110: Bis Mitternacht" läuft Sonntag 5. 9. 2021 um 20:15 Uhr im Ersten und ist danach sechs Monate in der Mediathek.