Poetisch Gendern! Erfinden Sie bessere Geschlechtsbezeichnungen

Die Fronten sind verhärtet, sobald es um das Gendern geht. Aber gibt es nicht auch spielerische Formen, um mit dem leidigen Streit umzugehen? Zum Beispiel durch das Erfinden von ganz vielen neuen Wörtern?

Von: Joana Ortmann

Stand: 01.03.2021 | Archiv

Liebe Hörerinnen, liebe Hörer, Hörer*innen, Hörende! Je länger die Debatte um eine geschlechtergerechte Sprache anhält, desto hitziger wird sie. Am meisten polarisiert ein kleines *.  | Bild: picture alliance / blickwinkel/McPHOTO/C. Ohde

Geneigte Leserennni! Es hilft alles nichts, wir müssen da irgendwie raus. Die Fragen sind tausendfach gestellt, die Antworten liegen auf der Hand, und trotzdem stecken wir im Schlick der mittlerweile Jahrzehnte alten Debatte über das Gendern in der Sprache fest. Sagen wir nun besser: Leserinnen und Leser? Hörer*innen? Hörende? Oder am Ende nur Hörer? Ende der Diskussion. Ist die Sprache überhaupt der richtige Weg zu mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern? Und wenn ja, wie gelangt sie von der verbalen in die reale Sphäre? Sprich: Verändert die Sprache dann auch das Handeln? Schafft sie Gleichberechtigung, Gleichbehandlung, Gleichbezahlung? Ein faires Miteinander in Deutschland, dem – mit 21 Prozent Unterschied – Genderpaygap-Vize-Europameister, gleich nach Estland?

Sprachpolizei gegen Ungesehene

Gut möglich – nur an dem Punkt sind wir noch nicht mal ansatzweise. Denn davor beginnt reflexartig das alles übertönende Jaulen, Knurren, Bellen. Auf der einen Seite die selbsternannte Sprachpolizei: Das sind oft diejenigen, die – sagen wir‘s vorsichtig – schon etwas länger mit DEM, IHREM Deutschen (was auch immer das sein soll) leben – und Angst haben, ihnen werde durch das Gendern etwas Wesentliches genommen. Deutungshoheit, IHR Goethe wie sie ihn seit der Schule kennen oder auch nur die vertraute Exklusiv-Anrede "sehr geehrter Kunde" bei der Sparkasse. Auf der anderen Seite: all diejenigen, die sich zurückgesetzt und nicht gesehen fühlen. Die verleugneten Bank-Kundinnen, die Kämpfer*innen gegen Diskriminierung jeglicher Art und natürlich alle weiteren marginalisierten Geschlechter-Identitäten. Auch hier kocht beim Thema Sprache die Wut schnell hoch, wenn auch katalysiert – was daran liegt, dass die Fraktion, die etwas verändern will, meist zwangsläufig in die Defensive gedrängt wird und nach guten Argumenten suchen muss.

Also, liebre Leserennie, lassen wir doch mal kurz alles beiseite, was auf beiden Seiten der Arena zu Groll und Krampf führt. Freuen wir uns stattdessen darüber, dass die Dinge in Bewegung sind. Das schafft nämlich Raum für mehr Spaß an der Sache! Dazu: Tabula rasa… weg mit den Sternchen! (Auch wenn sie für viele Gerechtigkeit bedeuten). Weg mit der Lücke, die so viele erzürnt (Sie machen sich keine Vorstellung, was das Wort Hörer*innen bei manchen von Ihnen auslöst)! Weg mit dem generischen Maskulinum, das schon so lange seine toxische Wirkung entfalten darf! (Und bevor wieder jemand fragt, ob es Beweise dafür gibt – ja, z.B. Studien zur Berufswahl, die zeigen, dass Mädchen wie Jungs sich sehr wohl von Bezeichnungen wie Ingenieur oder Krankenschwester beeinflussen lassen). Stattdessen ein Spiel, inspiriert von der Schriftstellerin und Übersetzerin Ann Cotten, die Texte als "Versuchsobjekte" bezeichnet. Und wir, die sie benutzten? Sind Forschende, die die lange praktizierte, – wie Cotten sich ausdrückt – quasi totalitäre Fixierung aufs Verstehen und Deuten von Sprache durchbrechen können.

Basteln von Suffixen

Berufstitel "fahren" in einer Nussschale durch das Meer. | Bild: colourbox.com; Montage: BR zum Audio mit Informationen Sprechen nach der Diskriminierung Das Gewicht der Wörter

Ist doch einfach - was ist am Z-Schnitzel so falsch? Warum ist das N-Wort verboten? Ist "Oberlehrer" wirklich diskriminierend, und wenn ja warum (wegen "Ober"?). Wörter zeigen, wie wir fühlen, was wir denken. Sie (ver)leiten uns an. [mehr]

Sie selbst geht das lässig-kreativ an, mithilfe von Bricolage, ein vom Ethnologen Leví-Strauss eingeführter Begriff, den man mit „herumbasteln“ übersetzen kann oder ganz up to date mit: Do it yourself. Beispiel? Ann Cottens Erzählband "Lyophilia" (2019), in dem sie eine mögliche Gender-Bastel-Methode erprobt. Die Versuchsanordnung lautet hier: "Alle für alle Geschlechter nötigen Buchstaben kommen in gefälliger Reihenfolge ans Wortende“. Und so treten also "Greisennni" auf, statt Greisinnen und Greise – die drei "N" für alle Geschlechter landen in der Mitte –, "Teilnehmernnie“ statt Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Außerdem "Betrachterennni", "Oberunterösterreichernnni“, "Flaneursen" und "Vagantennni" (letztere in Cottens Band "Was geht", Salzburger Poetikvorlesung 2018). Dabei entstehen spontan befremdliche, nach etwas Übung aber sehr erheiternde und total inklusive Wort-Varianten. Weil alles drinsteckt, das Weibliche, Männliche, Binäre, Diverse, Geschlechterübergreifende, Unentschiedene. Die Leserennni ihrerseits müssen sich irgendwie dazu verhalten. Auf Autokorrektur umschalten, sich über ein vermeintlich schlampiges Lektorat aufregen, das Ganze als puren Blödsinn abtun – oder aber: sich aufs Angenehmste von diesen anarchischen Chaos-Wörtern verwirren lassen, die natürlich gezielte Schnitzer sind: Fröhliche Störfaktoren einer zur Diskussion gestellten, gender-gerechten Sprache. Ann Cotten nennt das übrigens – leicht politisch unkorrekt – "Polnisches Gendering". Anknüpfend an den sprichwörtlich gewordenen "polnischen Abgang", von dem man spricht, wenn jemand sang- und klanglos von einer schlechten Party oder einem langweiligen Familientreffen verschwindet, sich also elegant und die korrekte Form umgehend aus der lästigen Situation laviert.

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E L H O T Z O ich habe eine neue einfache unkomplizierte Art zu Gendern entdeckt, ich nenne sie die "ling-Methode" und sie funktioniert folgendermaßen: Fahrer*innen wird zu Fahrlinge Besitzer*innen wird zu Besitzlinge Schüler*innen wird zu Schullinge es funktioniert und ist sau putzig

Chance auf etwas Neues

Verehrte Leserennni! Wenn das nicht verlockend ist: Wecken Sie die Pionierennni in sich! Werden Sie zu polnischen Abgängerennni aus der verbissenen Durchschnitts-Genderdebatte. Lassen Sie sowohl die deutschen Goethe-Nationalistennni als auch die LGBTQAI-Sternchen-Einwandererennnilinks liegen – solange bis sich die Gemüter beruhigt haben. Erproben Sie sich unterdessen als Schöpferennni unerhörter Formen. Suchen Sie nicht mehr die Lösung, sondern die Störung. Verscheuchen Sie dabei unbedingt die Moralistennni in sich, seien Sie lieber Utopistennni. Nur so gibt’s die Chance auf etwas Neues. Etwas Flimmerndes, wie Ann Cotton sagt. Und wenn‘s nicht klappt? Halb so wild. Dann können Sie wenigstens von sich sagen: Ich bin einre furchtlosre Sprachreisendre – und Sternchen sind nur ein winziger Teil der verbalen Galaxie.

Ein Beitrag aus der Bayern-2-Sendung Jazz & Politik. Den Podcast können Sie hier abonnieren.