Haus der Kunst Die Materialfreude der Phyllida Barlow

Stoff, Holz, Gips: Phyllida Barlow arbeitet mit Basismaterial – und macht daraus monumental fragile Installationen. Die Kunstwelt hat sie lange übersehen, das Münchner Haus der Kunst feiert sie nun mit einer beglückenden Schau.

Von: Barbara Knopf

Stand: 10.03.2021 16:46 Uhr | Archiv

Skulptur von Phyllida Barlow im Haus der Kunst | Bild: Maximilian Geuter /Haus der Kunst

Sofort, schon beim allerersten Blick, löst man sich als Betrachterin auf. Wird man hineingezogen in die Ansammlung von Objekten, deren Ausmaß, Darstellung oder gar Sinn noch gar nicht zu überblicken ist in diesem Chaos an Material: wildbekleckste Holzbretter, dicht wie Waldstämme, signalorangene Sandsäcke und ein Wiegen aus Stoffen und Bannern, zusammengenähte Farbstürme: "100 Fahnen" heißt die Eingangsinstallation von Phyllida Barlow, ein Meer aus friedlichen Fahnen, ein Arsenal aus Sandsäcken, eine Flut von Assoziationen, so wenig festlegbar wie die monumentale Skulptur, die körperlich spürbar ist.

Die Zerbrechlichkeit unserer Existenz

Barlows erster großer Einfluss sei die Stadt London gewesen, erzählt der Kurator Damian Lentini: "Barlow wurde 1944 in Newcastle-Upon-Tyne in Nordengland geboren, ist mit fünf Jahren nach London umgezogen. Als sie jung war, Ende der 40er-Jahre, ist sie mit dem Vater in die Stadt gefahren und hat alle zerstörten Gebäude gesehen und auch den Wiederaufbau der Stadt. Das hatte sehr starken Einfluss auf sie und ist eigentlich das Thema der gesamten Ausstellung: zu sehen, wie man eine Gesellschaft wieder aufbauen könnte."  

Zum allerersten Mal konnte Phyllida Barlow ihre Werke nicht selbst aufbauen. Ein englisches Team war vor Ort im Haus der Kunst, die 76-jährige Künstlerin via Zoom zugeschaltet, eine Meisterleistung in Pandemiezeiten. Monumental seien die Installationen nicht, sagte Phyllida Barlow – nicht in München, sondern 2017 auf der Biennale in Venedig –, eigentlich seien die Einzelteile ihrer Skulpturen nach Körpermaß gebildet. Aber aneinandergefügt erkundeten sie den Raum – eher um das Gegenteil von Monumentalität aufscheinen zu lassen: Zerbrechlichkeit, die Fragilität unserer körperlichen, politischen und emotionalen Existenz, auch wenn wir die nicht wahrhaben wollten.

Die Kunstwelt der Geltungsmachos

Säulen zum Beispiel stehen bei Phyllida Barlow nicht in siegesgewisser Bronze da, ihr stofflicher Korpus ist aufgerissen, ihre imposante Größe bekommt etwas Hilfloses. Auch die Werke selbst sind fragil, einmal abgebaut verschwinden die Teile der alten in immer neuen Werken – kein Lagerort war groß genug.

Aber natürlich steckt darin auch eine Philosophie, das Vorübergehende im Zukünftigen wiederzufinden. Für die Ausstellung im Haus der Kunst musste deshalb eine ihrer wegweisenden Skulpturen nachgebaut werden, anhand der einzigen zwei überlieferten Schwarzweiß-Fotografien: "Shedmesh", eine Wortmischung aus Hütte und Schlinge, von 1975: ein körperhoher Monolith aus beigefarbenen, zerrissenen und grob miteinander verknüpften Leinenstoffen. Eine Anverwandlung der sehr männlich dominierten Domänen der Arte Povera und des Minimalismus – mit einer entschieden weiblichen Geste.

Genutzt hat es natürlich nichts. Die Kunstwelt der Geltungsmachos hat Phyllida Barlow erst mal nicht gefeiert. Aber wie Louise Bourgeois konnte man sie irgendwann nicht mehr übersehen. Kurator Damian Lentini hat sie das erste Mal bei einer Ausstellung in Nürnberg gesehn, 2011 im Kunstverein: "Ich bin zu der Kasse gegangen: 'Wie heißt diese Künstlerin noch mal?' 'Phyllida Barlow'. 'Ah, ist sie jung, also Nachwuchskünstlerin?' 'Nein, sie ist schon über 60 Jahre alt.' Und für mich hieß das: Wie kann es sein, dass ich immer wieder Ausstellungen besuche und das ist das erste Mal, dass ich Phyllida Barlow gesehen habe?"

Die Abschweifung als Lebensform

Der Blick auf die Dinge. Material, das selten ist, was es vorgibt zu sein. Was wirkt wie ein Meteorit, ist mit Hasendraht und Styropor geformt und geschwärzt. Der Humor: zwei abgetakelte, aber farbfröhlich bespannte Schirme in einem Eck. Das experimentelle Spiel: Wie die Hände Alltagsmaterialien mit Zement verkleistern, so folgen die Formen keinem vorgefassten Plan. Sie ergeben sich.

Die Abschweifung ist eine Art Lebensform, sagt Phyllida Barlow. Dinge müssen keinen Nutzen haben. Wie zum Beispiel die Balkone. Die hoch über den Köpfen hängen, mehr Geisterbahncharme als "Romeo und Julia". Aber so ganz auf ihre Form reduziert, wirken sie wie surreale Spione: als schauten nicht wir zu ihnen hoch, sondern als starrten sie zu uns hinunter. Der Blick demaskiert die Welt. Schaue sie dahinter, auf die andere Seite, so Phyllida Barlow, erkenne sie die Anwesenheit von Zerbrechlichkeit – ein wichtiger menschlicher Zustand. Beglückend übersetzt in Kunst.

Die Ausstellung "Phyllida Barlow. frontier" ist bis zum 25. Juli 2021 im Haus der Kunst München zu sehen. Informationen zu Online-Tickets finden Sie hier. Den Beitrag aus der kulturWelt vom 11.3. können Sie hier nachhören.