Geld stinkt doch Kunst soll Ruf von Mäzenen reinwaschen

Wieder haben US-Pharmakonzerne einem Entschädigungsvergleich zugestimmt, weil ihre Schmerzmittel abhängig machten. Mit den Gewinnen beschenkte etwa die Familie Sackler viele Museen, auch in Europa. Ist das ein Problem?

Von: Martin Zeyn

Stand: 22.07.2021 | Archiv

US-Pharmakonzerne akzeptieren milliardenschweren Opioid-Vergleich | Bild: dpa-Bildfunk/Mark Lennihan

Vier Pharmakonzerne haben einem Vergleich über 26 Milliarden Dollar zugestimmt, weil ihre Medikamente süchtig machten. Im vergangenen Herbst hatte sich schon die Firma Purdue mit der US-amerikanischen Regierung auf die Zahlung von über acht Milliarden Dollar geeinigt. Sie gehört der Familie Sackler, weltweit agierende Kunstförderer. In der Opioid-Krise in den USA sollen mindestens 450.000 Menschen gestorben sein. Klebt Blut an den Händen der Sacklers? Und können Museen weiterhin Spenden von ihnen annehmen?  

Gewinne durch Medikamentenmissbrauch  

"A drug to start with and to stay with" – so bewarb Purdue ihr Schmerzmittel OxyContin. Dieser Slogan erwies sich leider als keine Übertreibung. In den USA verfielen Zehntausende dem verschreibungspflichtigen opioidhaltigen Medikament und wurden abhängig. Die exorbitanten Gewinne nutzte die Eignerfamilie Sackler unter anderem, um als Mäzene aufzutreten. In den USA unterstützte sie u.a. das Guggenheim Museum mit neun Millionen Dollar, in Europa die Tate Modern mit neun sowie den Louvre mit zehn Millionen Franc. 

Firmenzentrale von Purdue Parma

Die Fotografien Nan Goldin, die selbst nach der Verschreibung abhängig wurde, gründete das Bündnis Sackler Pain und organisierte Protestveranstaltungen in Museen, auf denen sie die Besucher mit den Praktiken der Geldgeber konfrontierte. Sie warf den Sacklers vor, ihre schmutzigen Geschäfte mit ihrem Mäzenatentum reinwaschen zu wollen.  

Kunst, die falsche Freunde kritisiert  

Der erste, der nach der Herkunft des Geldes fragte, mit dem Museen unterstützt werden, war Hans Haacke. 1971 wollte er im Guggenheim seine Arbeit "Shapolsky et al. Manhattan Real Estate Holdings, A Real Time Social System, as of May 1, 1971“ zeigen. Darin geht es um Immobilienspekulationen. Das Werk durfte nicht ausgestellt werden, vermutlich hatten mehrere Trustees des Museums Druck ausgeübt. Im Interview mit mir sagte Haacke, zwar habe das Verbot der Arbeit ihn berühmt gemacht, aber jahrelang habe sich niemand in New York getraut ihn auszustellen.   

1981 schuf Haacke ein zweites großes Werk der Institutionskritik: "Der Pralinenmeister". Eigentlich sollte es auf der Gruppen-Ausstellung "Westkunst" ausgestellt werden – aber dort "konnte es nicht gezeigt werden". Fertig war es, denn eine Kölner Galerie präsentierte das Werk zeitgleich zu "Westkunst“. Auf 14 Tafeln zeigte Haacke, selbst gebürtiger Kölner, wie Peter und Irene Ludwig ihre Sammlung nutzten, um die Zahlung von Vermögenssteuer zu umgehen.

Wertsteigerung durch eine Museumspräsentation  

Heute hängt das Werk im Museum Ludwig in Köln – das dank der Stiftung des Sammlerpaares gegründet wurde. Eine Ausnahme: Hier können wir uns nicht nur an der Kunst ergötzen, hier können wir auch erfahren, wie Kunst genutzt wird, um Steuern zu sparen bzw. sich gesellschaftliche Anerkennung zu sichern. Tatsächlich scheint vieles dafür zu sprechen, dass die Gesellschaft mehr davon hat, wenn Milliardäre, statt überschüssiges Geld in 100 Meter große Jachten anzulegen, davon Kunst kaufen, um die dann Museen zu überlassen. Aber auch da sind sie oft nicht selbstlos. Manche Präsentation wird nur genutzt, um die Lager- und Erhaltungskosten abzuwälzen. Und mit dem Reputationsgewinn, in einem wichtigen Museum gezeigt worden zu sein, lassen sich höhere Auktionserlöse erzielen.

Tatsächlich: pecunia non olet – Geld stinkt nicht. Aber das ist ein Problem, nicht die Lösung. Es stimmt: Den Zuwendungen ist nicht anzusehen, wie sie zustande gekommen sind. Trotzdem kann es uns nicht egal sein, wie und warum Kunst in unsere Museen kommt oder aus welchen Motiven heraus Superreiche Häuser unterstützen. Follow the money ist nicht nur eine wichtige Maxime bei der Polizeiarbeit und im Journalismus, sondern auch in der Kunst. Leider fragen immer noch zu wenige Häuser danach, woher die Gaben stammen. Aber das ändert sich: Die National Portrait Gallery weigerte sich, Geld von den Sacklers anzunehmen. Es scheint, dass nach und nach Museen sich daran erinnern, nicht käuflich zu sein. Ein guter Anfang.