Das Patriarchat der Dinge Wieso Rennradsättel eher Männern passen

Die Gleichberechtigung schreitet voran. Wirklich? Und wieso werden so viele Gebrauchsgegenstände immer noch so designt, dass sie sich nach den Durchschnittsgrößen von Männern richten?

Von: Barbara Knopf

Stand: 16.04.2021

Silvia Jäger und Alexander Koller auf ihren Rennrädern | Bild: BR/Kilian Neuwert

Es geht ja wirklich voran mit den Frauen, oder? #metoo hat strukturellen Missbrauch aufgedeckt, in den Führungsetagen und Parlamenten steigt der Frauenanteil allmählich. Quote, Pay Gap, Gleichberechtigung: alles auf den Weg gebracht. Wirklich? Wie so oft steckt der Teufel im Detail. In diesem Fall in den kleinen Dingen des alltäglichen Designs, in den Erscheinungen des häuslichen und öffentlichen Raums. Der Mann ist das Maß aller Dinge. Wer´s nicht glauben kann, sollte das - angemessen wütende und herrlich humorvolle - Buch von Rebekka Endler lesen. Das Patriarchat der Dinge heißt es. Für die kulturWelt sprach Barbara Knopf mit Rebekka Endler.

Barbara Knopf: Ihnen sind viele Beispiele eines Designs ins Auge gesprungen, das augenscheinlich von Männern für Männer konzipiert wurde. Und dabei handelt es sich nicht nur um die klassische Bohrmaschine. Es ist praktisch überall zu finden, oder? 

Rebekka Endler: Ja, das ist richtig. Das Schlüsselerlebnis war für mich tatsächlich eine Sache, die viele cis-Frauen und Frauen kennen: Man steht wahnsinnig lang an, egal ob bei einem Festival, im Theater oder in der Oper, wenn man mal pinkeln muss. So wie es überhaupt im öffentlichen Raum schwierig ist, eine Toilette zu finden. Wir haben uns so sehr dran gewöhnt, dass uns gar nicht klar ist, dass da ein großes strukturelles patriarchales Ungleichgewicht dahintersteckt. Und das war für mich so der Initialfunke, mich mal mit diesen Dingen zu beschäftigen. 

Sie beschreiben in Ihrem Buch auch Beispiele, die etwas subtiler sind als beispielsweise dieses Toiletten-Problem.

Ja, das fängt mit den Gerätschaften an, die uns umgeben, beispielsweise in der Landwirtschaft. Sehr viele Landwirtinnen haben große Schwierigkeiten, die Gerätschaften alleine zu bedienen, auch ihren Traktor, weil diese Dinge eben anhand eines männlichen Gardemaßes gestaltet worden sind. Oder Baustellen: Häufig hört man, wenn die Frauen wirklich Gleichberechtigung wollen, dann sollen sie auch auf Baustellen arbeiten. Das ist richtig. Aber so ein Sack Beton, ein Ziegelstein beispielsweise auch, entspricht eben einer männlichen Hand. Diese Dinge, die wirklich in der Dingwelt verankert sind, sorgen für ungleiche Teilhabe. 

Am Bau stelle ich mir das schwer vor, die Norm eines Ziegelsteins oder eines Zementsacks zu ändern. Aber woanders gäbe es ja wirklich die Möglichkeit, auch das Design zu ändern?

Man könnte ja kleinere Zementsäcke machen! Beim Ziegelstein stimme ich Ihnen zu. Aber es gibt andere Beispiele, wo es tatsächlich einfacher wäre. Zum Beispiel die Gestaltung des Rennradsattels. Ein Design, das entworfen ist für einen Mann. Was dazu führt, dass viele weibliche Rennradprofis immense Schmerzen haben und teilweise Verformungen ihrer Vulva in Kauf nehmen müssen. Verhärtetes Gewebe muss dann operativ entfernt werden. Da steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen. 

Aber Sie schreiben eben auch, es ist ein Marketingproblem. Eigentlich wird nur dann geforscht, wenn genügend Absatzmöglichkeiten da sind. Bei Fußballschuhen, so ein Beispiel aus Ihrem Buch, ist dann einfach zu wenig Geld für die Forschung da. 

Das Problem ist, dass da überhaupt keine Forschung drinsteckt, was die Fußmorphologie angeht. Frauen spielen ein bisschen anders Fußball als Männer, und auch der Fuß an sich ist etwas anders aufgestellt. Deswegen braucht es für einen richtig guten Frauenfußballschuh Forschung. Und das haben die großen Unternehmen bisher völlig vernachlässigt. Was dazu geführt hat, dass auch Profi-Fußballerrinnen, Weltmeisterinnen, mit Schuhen für Männer spielen oder Schuhen für Kinder!

Sie haben mit Wissenschaftlerinnen und Designern gesprochen. Die sagen, es ist nicht einfach: Selbst wenn man ein Design für Frauen entwickelt, scheitert es auf den Markt zu kommen. Würden Sie sagen, das ist Unachtsamkeit? Oder ist es gewollt und damit strukturell? 

Also ich muss vielleicht noch einmal sagen: Ich möchte keinem Mann ein Design wegnehmen, das für ihn gut funktioniert. Es geht um einen inklusiven Wandel, um es für alle Menschen besser zu machen. Und ich glaube, dass das tatsächlich ohne Einbußen funktioniert. Natürlich muss man sich im öffentlichen Raum überlegen: Wenn ich jetzt Bürgersteige breiter mache, dann fällt natürlich etwas von der Straße weg, denn der Raum ist begrenzt. Aber diese Priorisierung des Autos ist eben auch wieder etwas sehr Männliches, denn es fahren mehr Männer Autos als Frauen. Ich habe schon den Eindruck, dass unpassendes Design auch ein Machtwerkzeug ist. Es wird nicht ausreichend darüber nachgedacht. Wir alle - Designer*innen, Politiker*innen, Entscheidungsträger*innen - haben Vorstellungen in uns. Wir alle gehen erst einmal von unserem Maßstab aus. Es ist wichtig, sich das klarzumachen, um dagegen anzudenken und zu überlegen, wie kann ich das für Menschen, die anders gebaut sind als ich, besser machen? Um jetzt den Kreis zu schließen mit den Toiletten, über die wir anfangs sprachen: Das hat ja lang zurückreichende historische Gründe. Es hat sehr viel mit der Frage zu tun, wer im öffentlichen Raum Teil hat und wer nicht. Wer ist wichtig für uns, und wer nicht? Das sind diese Fragen, die auch über das Design aufgeworfen und diskutiert werden müssen. 

"Das Patriarchat der Dinge. Warum die Welt Frauen nicht passt" von Rebekka Endler ist im DuMont Verlag erschienen und kostet 22 Euro.