Contra: Keine Sonderregeln für Clubs Feiern bis das Virus kommt?

Das Virus hält sich weder an Sperrstunden, noch an soziale Spielregeln. Um deren Einhaltung müssen wir uns schon selbst bemühen. Deswegen fordert Andrea Mühlberger: Schluss mit dem Feiern.

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 15.10.2020

Blick vom Balkon auf den Georgenhof in München, ein Ort, an dem die Wirtshauswiesn stattfanden | Bild: BR/Andrea Mühlberger

Worauf habe ich mich da nur wieder eingelassen? Den Finger heben und freiwillig die Spaßbremse der ganzen Redaktion geben. Denn das mit den illegalen Raves und ausgelassenen Privat-Partys, die gerade immer häufiger im Blaulichtgewitter von Polizei-Sirenen enden, geht natürlich gar nicht! Feiern bis das Virus kommt! Geht’s noch?! Die Pandemie sei eine Jahrhundert-Herausforderung, hat Kanzlerin Merkel gesagt. Wenn jetzt alle nach der Sperrstunde ihre Bierchen mitnehmen und die Party fröhlich zu Hause weitergeht, ist das in Corona-Zeiten kein kollektives Besäufnis mehr. Sondern ein kollektiver Anschlag auf unsere Gesellschaft – und auf die Club-Kultur!

Jeden Tag Allerheiligen?

Ich finde ja selbst, dass es längst an der Zeit wäre, es mal wieder richtig krachen zu lassen. Schließlich waren die letzten Monate verdammt hart: Heim-Office, Haushalt, Home-Schooling, das volle Programm. Nur ohne Hilfe – von Großeltern oder Babysitter. Also eigentlich höchste Zeit für die "voll fette Party", wie es früher mal hieß. In jenen weitgehend sorgenfreien Jahren, in denen die Jugend noch auf ihr Recht auf Freiheit und Partymachen kam – und zwar ohne es rücksichtslos einzufordern –, da kam maximal an Allerheiligen einer auf die Idee zu fragen: "Ja gehört sich denn das?"

Während einer Pandemie liegen die Dinge nun freilich anders. Seit März ist für die Diskotheken- und Clubszene im Grunde jeden Tag Allerheiligen. Und auch die Party-Crowd muss sich jetzt wieder an ein verschärftes Vergnügungsverbot halten. Das natürlich nicht alle ernst nehmen, so wie früher das Tanzverbot am 1. November von den richtig Coolen immer unterwandert wurde. Nur hat die Frage, ob illegale Partys auf engstem Raum wirklich sein müssen, wenn die Ansteckungskurven wieder derart steil nach oben zeigen, eine andere moralische Tragweite. In Zeiten von Corona geht es nicht primär darum, was die Kirchen vorbeten oder der Anstand gebietet. Es geht ums wirtschaftliche Überleben, ums Weiterleben in einem für uns alle anstrengenden Notstand, und für einige geht es um Leben und Tod. Wem das jetzt zu sehr nach Staatskanzlei klingt, der sollte sich mal in Italien, Spanien oder Frankreich umhören, welche Spuren Corona dort bereits in der Gesellschaft hinterlassen hat.

Tanzen auf Teufel komm raus?

Mit jeder weiteren Woche im locker bis streng geregelten Ausnahmezustand wächst bei vielen das Bedürfnis nach Freiheit, Unbeschwertheit, Ausgelassenheit, sozialen Kontakten. Verständlich, da hat sich eine Menge aufgestaut: Frust und Stress. Zukunftsängste und Überforderung. Vereinsamung und Depression. Aber bei täglich neuen Rekordzahlen auf Teufel komm raus Tanzen und das Virus von der Leine lassen?

Schon in der Anfangsphase kam die Warnung der Virologen vor einer zweiten Corona-Welle. Jetzt stecken wir schon wieder ziemlich tief drin im Schlamassel. Die Infektionszahlen steigen dramatisch, wilde Feten sind der ideale Nährboden für das Virus. Gleichzeitig verläuft die Solidaritäts- und Vernunftkurve immer steiler nach unten. Und während Kindergärten und Schulen, Hoteliers und Wirte, Theater, Kinobetreiber und Clubs ständig bei ihren Hygienekonzepten nachbessern, um den Betrieb irgendwie am Laufen zu halten, konterkariert das Partyvolk diese Bemühungen durch illegale Raves oder Flaschenbier-Gelage an den notorischen Hotspots.

Alternative: Paartanz daheim?

Schon klar, dass der Vorschlag von Bayerns Ministerpräsident Söder zum "Paartanz daheim" keine Alternative sein kann. Aber dass Alkohol, Tanz und Corona-Viren beste Freunde sind, ist ja nun wirklich nichts Neues – Stichwort Ischgl. Ein anderes Beispiel: die "Wirtshaus-Wiesen", die sich direkt vor meinem Balkon abspielte. Ausgelassene Festzelt-Stimmung, bierselige junge Menschen in Tracht, die im Schanigarten zu Live-Musik tanzten und schunkelten: "Cordula Grün" und andere Wiesen-Hits, während ich völlig spaßfrei und nüchtern mit meinem Sohn Latein-Vokabeln lernte. Mögen die Gastwirte ein bisschen profitiert haben von dieser offiziell als "Traditionspflege" ausgewiesenen Wirtschaftshilfe, aber der Preis dafür ist hoch.

Unterricht nein, Feiern ja?

Und wie, liebe Freunde von Tradition, Clubbing und Flaschenbier-Orgien, erklär' ich's meinen Kindern? Welchen Sinn machen Masken im Unterricht, eine langwierige Hygiene-Prozedur vor Betreten der Klassenzimmer, wenn unter unserem Balkon ohne Mundschutz und Abstand getanzt und gesoffen werden darf? Was denken sich andere Eltern, die ihren Jahresurlaub längst im Home-Schooling mit ihren nöligen Kindern aufgebraucht haben und vor dem nächsten Lockdown zittern? Und wie müssen sich Club-Betreiber fühlen, die seit Monaten an alternativen Konzepten arbeiten, damit ein bisschen Geld reinkommt, die – wie das legendäre Berghain in Berlin und die Rote Sonne in München – Ausstellungen organisieren oder – wie das Blitz in München – Performance-Künstler auftreten lassen, um die Einsamkeit des leeren Dancefloors auch noch erfahrbar zu machen? Finanzielle Tropfen auf den einst heißen Tanzboden.

Dem fröhlichen Party-Volk sollte klar sein, dass es mit seinen illegalen Aktionen nicht nur die ganze Gesellschaft gefährdet und in Richtung Lockdown drängt. Sondern sich sein eigenes Grab schaufelt. Die Clubszene retten, heißt so schnell wie möglich raus aus Krise, weg mit Corona. Aber das Virus hält sich weder an Sperrstunden, noch an soziale Spielregeln. Um deren Einhaltung müssen wir uns schon selbst bemühen – und seit März sind diese Regeln allen bekannt. Wollen wir das Virus gemeinsam bezwingen – oder lassen wir es tanzen? Ich jedenfalls habe wenig Lust, nächstes Jahr an Allerheiligen auf den Friedhof zu gehen und eine Kerze anzuzünden für jeden Club, der die Krise nicht überlebt hat. Lieber würde ich da mal wieder eine Nacht lang durchtanzen – aus purer Freude über das Ende von Corona. Bei einer Safer-Rave-Night?