100.000 Coronatote in Deutschland Wieso die Rede von der Panikmache pietätlos ist

Die Pandemie zwingt uns dazu, Kontakte zu vermeiden. Das verhindert viele Trauerrituale. Schlimmer noch allerdings ist, dass die Pandemie-Verharmloser die Trauernden abkanzeln. Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 25.11.2021

Klagelieder | Bild: picture-alliance/dpa

100.000 Menschen sind bisher an Corona gestorben. Oft nach wochenlangem Leiden auf Intensivstationen. Oft, ohne dass ihre Angehörigen sie besuchen konnten. Oft waren die Beerdigungen eine winzige Veranstaltung, weil durch die Kontaktbeschränkungen aus Selbstschutz nicht alle Freunde und Verwandten teilnehmen konnten.

So wie bei meiner 95-jährigen Tante. Drei Monate lang sahen ihre Kinder sie nur durch ein Fenster ins Altenheim, zur Beerdigung durften ausschließlich ihre Kinder und Geschwister kommen – nicht einmal die Enkel waren zugelassen. Und alle Anwesenden hatten weit voneinander entfernt zu sitzen, durften sich nicht in den Arm nehmen oder die Hand geben. Wer je einen nahen Menschen verloren hat, weiß, wie wichtig solche Rituale des gegenseitigen Tröstens sind, wie wichtig es ist, in Würde und Ruhe Abschied nehmen zu können. Corona hat nicht nur Menschen getötet. Das Virus hat auch verhindert, dass wir uns von Toten richtig verabschieden konnten.

Der Begriff "Panikmache" verharmlost den Tod vieler Menschen 

Es gibt also Menschen, die zweifach trauern, über den Verlust eines nahen Menschen und darüber, dessen Tod nicht würdig begehen zu können. Und es gibt andere. Als Kommentarschreiber, der die Impfung befürwortet, bekomme ich regelmäßig Nachrichten, in denen steht, Corona treffe sowieso meist alte Menschen. Das ist so richtig wie zynisch. Richtig, weil es faktisch wahr ist. Zynisch macht es der Zusammenhang, in den dieser Fakt gestellt wird: Nämlich als Argument gegen Maßnahmen, die die Verbreitung des Virus bekämpfen sollen. Weil es sagt, dass das Leben von Alten nichts wert sei. Das Menschenbild dahinter ist sozialdarwinistisch, kalt und unfähig, die Trauer anderer zu würdigen. 

Was passiert da? Woher dieser Ton? Wer angesichts von 100.000 Toten das Sterben verharmlost, kennt offenbar nur ein Ziel: Die Pandemie zu leugnen oder wenigstens kleinzureden. Egal wie zynisch man klingt. So agiert auch der AfD-Bundesvorsitzende Chrupalla, wenn er vor "Panikmache" warnt, angesichts der höchsten Infektionszahlen, die wir je in Deutschland hatten. Ja, die Todeszahlen sind noch nicht so hoch wie im letzten Winter. Aber wir wissen ganz genau: Die aktuellen Todeszahlen bilden das Pandemiegeschehen von vor zwei bis drei Wochen ab. Sie steigen täglich und werden weiter steigen – weil die Inzidenzzahlen in den letzten Wochen ebenfalls kontinuierlich gestiegen sind. Dazu melden immer mehr Intensivstationen bereits Überlastung. Und wie klingt es wohl in den Ohren der Angehörigen, wenn jemand den Tod von so vielen Menschen als "Panikmache" verharmlost? Verächtlich? Kalt? Bar jeden Mitgefühls? 

Mehr Anteilnahme 

Heute hat Deutschland mehr als 100.000 Opfer einer Pandemie zu beklagen. Eine gewaltige Zahl. Eine enorme Übersterblichkeit. Als in den USA diese Zahl erreicht wurde, hat die New York Times die Namen der Gestorbenen zusammengetragen. Als Zeichen der Anteilnahme und des Respekts. Und hierzulande? Nur eine weitere Nachrichtenmeldung, wie schlimm die Pandemie wütet? Aber für einige Menschen nicht schlimm genug. Deren Panzer aus Überzeugungen keine Fakten durchbrechen. Deren Verleugnungsfuror mit dem massiven Anstieg der Infektionen gerade zuzunehmen scheint. 

Aber damit könnte ich leben. Was ich unerträglich finde, ist, wie sie das Leid anderer Menschen kleinreden, abtun und als "Panikmache" verunglimpfen. Mir tut auch jeder ungeimpfte Corona-Tote leid, weil hier Leben vergeudet wurde, weil hier Eltern und Geschwister weinen, weil der Tod vielleicht zu verhindern gewesen wäre. Ja, ich wünsche Kimmich einen möglichst glimpflichen Verlauf. Und im Gegenzug wünsche ich mir unbedingt: Dass wir den Trauernden beistehen. Wenigstens, indem wir ihre Gefühle respektieren. Das Leben von Menschen ist kostbar. Und die Trauer derer, die einen Menschen beweinen. Vor allem während einer Pandemie, die Trauerrituale gerade so erschwert.