Pandemic Fashion Wie Corona die Mode verändert

Corona und die Mode – das ist mehr als Jogginghose oder Semibusinesslook fürs Home-Office. Die Pandemie lehrt dem Reich der Oberflächlichkeit: Tiefgang, Nachhaltigkeit und den Wert des Beständigen.

Von: Barbara Knopf

Stand: 04.02.2021 | Archiv

Models mit bemusterten Kopfmasken und Sonnenbrille | Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com | FashionPPS

Blick an sich runter, vergewissernder Blick in den Spiegel, Blick rüber zum Partner: Wann fand man sich eigentlich das letzte Mal schön in diesen schlabberdinösen Zeiten? Und: Werden wir je wieder etwas anders brauchen zum Anziehen, Herr Müller-Neumeister? "Man hat weniger gebraucht, man merkt, es geht mit weniger. Es ist eine gewisse Nüchternheit eingekehrt. Dem ganzen Konsumhedonismus steht man jetzt schon eher wie Kinderkrankheiten gegenüber." Roland Müller-Neumeister ist künstlerischer Leiter der Deutschen Meisterschule für Mode, und benennt klar eine Zäsur: der Mythos der Mode gerät in diesen unglamourösen Zeiten ein wenig ins Wanken. Andererseits braucht man einen klaren Kopf für eine Neubesinnung.

Schon lange ist die Branche mit dem Sünder-Label der Fast Fashion gebrandmarkt: Überproduktion, Klimaverschmutzung durch Rodungen und Transport und: Ausbeutung. Derlei Produktionsbedingungen ruinieren Mensch und Planet. Und doch, so Roland Müller-Neumeister, funktioniert in China "schon wieder alles wunderbar. Nur hört man halt, dass die Transportkosten alptraumartig explodiert sind, man kriegt keine Container mehr. Tatsächlich sind Firmen da, die sagen, wir gehen zurück, nach Europa. Aber dann sieht man jetzt: das ist nicht so einfach! Das Knowhow ist inzwischen schon weg."

Upcycling, Recycling und überhaupt: mehr Nachhaltigkeit!

Produziert wird in Asien, allenfalls noch in Italien, und vor allem zu viel. Tatsächlich grummelt es schon länger. Lösungsansätze heißen: Upcycling oder Recycling, da wird überschüssige oder zurückgesandte Ware nicht verbrannt, sondern geschreddert, aber auch in ganzen Teilen als Ressource wiederverwendet: für neue, den Markt dann wieder inflationär überschwemmende Produktionen.

Dries van Noten

Kluge Köpfe wie der belgische Designer Dries van Noten fordern jetzt in einem offenen Brief an die Modeindustrie: weniger Müll, weniger Reisen, weniger Kollektionen, Anpassung an die Jahreszeiten, kurz: Dampf rauslassen und mehr Nachhaltigkeit. Ob es gehört wird? Es geht nur, so die Einschätzung von Roland Müller-Neumeister, "wenn neues Bewusstsein sich mit neuer Begehrlichkeit verbindet. Und ich habe das Gefühl, da tut sich gerade etwas." Zum Beispiel tut man sich zusammen. Miuccia Prada und Raf Simons sind seit Ende des Jahres ein Team, die Materialfetischistin und der Strukturminimalist. Das könnte weg vom Designer-Super-Ego hin zu kreativen Synergien führen.

Übersaisonale Kollektions-Narrative

Herbst-/Winter-Kollektion 2020 von Raf Simons

Zudem begibt sich Raf Simons noch in seine Archive. Wenn eh keine Außenwelt da ist, die modisch gespiegelt werden will, dann kann man auch in der eigenen Geschichte kramen und ein neues Bewusstsein finden. Ihm geht es darum, "dass auch die Idee, der Entwurf, die Stilwelt nicht entsorgt wird von Saison zu Saison, von Jahr zu Jahr, sondern dass sich die Kollektion als längeres Narrativ weiterspinnt. Es ist eben nicht eine RETRO-Geschichte. Ich will nicht etwas wieder aufkochen und als neu verkaufen, sondern ich sage: Das alte ist alt, es ist aber wertvoll." Womit zwei Unvereinbarkeiten aufeinanderprallen: eine tiefere Zeit- und Erzählstruktur und ein brandaktuell auf Zeitströmungen reagierendes Oberflächenmetier. Möglicherweise reibt es sich interessant.

Entrückte Cyber-Fashion

Futuristische Mode von Marine Serre

Die andere Entwicklung ist: Mode und ihre Präsentation rücken noch tiefer ins Digitale. Sie werden als Ideen für Avatare in der Cyber-Fashion entwickelt. Schon wirken manche der Videos, die nun die Fashion Shows ersetzen, wie kaum zu entschlüsselnde Erzählungen aus einem ortsunspezifischen Dystopia, wie bei der Pariser Avantgarde-Designerin Marine Serre. Und doch tritt ein Effekt ein wie in der Kunst und im Theater: Die derzeit so aus der Zeit gefallene Mode braucht als Sehnsuchtsort wohl doch das Ereignis selbst, nicht nur ein Video, so Roland Müller-Neumeister: "Die Budgets, die sonst in die Schauen gehen, werden in aufwendigste Produktionen gesteckt. Aber das ist inhaltsleer, weil da eine Pseudodramaturgie hineingesteckt wird. Es hat mich selbst überrascht, wie schnell sich man die Magie vermisst."

Eintauchen ins eigene Archiv

Dennoch: es wird weitergehen. Gesellschaftsströmungen wie #metoo, black lives matter und genderfluidity sind langwelligere Themen in der Mode, auch über Corona hinaus. Man selbst könnte die kommenden Rabattschlachten der wiedereröffnenden Läden mit ihrem angehäuften Kollektionsüberangebot übrigens auch halbwegs ignorieren. Man könnte einfach seinen Schrank öffnen und eintauchen – ins eigene Archiv.

Ein Beitrag aus der Sendung kulturWelt auf Bayern 2. Den Podcast zur Sendung gibt es hier.