Architekt Otto Steidle Warum sind die Schwabinger Terrassenhäuser so besonders?

Ein Architekturklassiker. Der Architekt Otto Steidle interessierte sich schon früh für den experimentellen Wohnungsbau, schon 1971 bei dem von ihm (mit-)entworfenen sieben Terrassenhäuser in München-Schwabing. Ein Vorbild für das heute gefeierte modulare Bauen - und deswegen unser "Haus des Monats".

Von: Moritz Holfelder

Stand: 11.03.2021

Genter Straße, München-Schwabing

Dicht eingewachsen ist die Wohnanlage an der Genter Straße. Einer kleinen Gartenstadt gleich sind hinter Buchen und Birken Teile der Fassade zu erkennen. Die machen neugierig. Anfang der Siebzigerjahre waren diese sieben Terrassenhäuser von Otto Steidle (gemeinsam entworfen mit Doris und Ralph Thut) eine Sensation. Architekten aus aller Welt kamen und wollten sie studieren, erzählt Verena Gagern-Steidle, die Witwe des Architekten: "Japaner, ganz viele, und die schwirrten hier immer so ums Haus herum. Das war so ihre Art, an diesm Pionierstück teilzuhaben."

Das Grundgerüst: Stahlbeton-Pfeiler

Die Fotografin und Architektin von Gagern-Steidle zog 1975 in eines der Terrassenhäuser ein. Heute gelten sie als Initialgebäude des modularen Bauens. Wie Reihenhäusern stoßen die sieben Bauten direkt aneinander, wirken schon von außen, als habe hier ein Kind kreativ mit seinem Baukasten gespielt. Die einzelnen Kuben mit den bunt durchsetzten Fensterflächen wirken wie aufeinandergestapelt. Wer genau hinschaut, erkennt das industrielle Tragwerk: Das Grundgerüst jeden Hauses besteht aus senkrechten Stahlbeton-Pfeilern, auf die variabel Querbalken gelegt werden können. So passt sich jede Etage an die Bedürfnisse der Bewohner, sie können etwa Zwischengeschosse einziehen oder Räume besonders hoch gestalten.

"Es ist eigentlich ein Ständerwerk für eine Riesenhalle, das aus Pfeilern besteht und aus Balken. Und das hatte mein Mann auch tatsächlich aus dem Auto auf einer Wiese ganz entfernt gesehen. Da wurde wahrscheinlich eine Industriehalle gebaut und da staksten diese Säulen so in den Himmel. Er war an seriellem Bauen als junger Architekt interessiert und wollte darüber seine Arbeit machen."

Verena Gagern-Steidle

Heute massiv gefährdet

Das Baudenkmal in der Genter Straße ist seit Monaten wegen des Aufstaus in einem benachbarten Regenwasserkanal in seiner Substanz bedroht. Die Stadt München blieb untätig. Nun hat der Umweltausschuss des Bayerischen Landtags über die Petition der betroffenen Interessengemeinschaft entschieden. Eindeutiges Votum: Die Stadtverwaltung wird von der Staatsregierung aufgefordert, die Grundwasserverhältnisse endlich zu normalisieren und Pumpen einzusetzen. Robert Brannekämper, Mitglied des Landtags und des Landesdenkmalrats, spricht von einem "Multiorganversagen der Münchner Stadtverwaltung", das endlich ein Ende haben müsse.

Architektur und soziale Fragen

Otto Steidles Terrassenhäuser sind nicht nur ein wichtiger Bau in der Architekturgeschichte, sondern immer noch zukunftsweisend. Durchmischung, Partizipation und Flexibilität sind wichtige Themen. Steidle und seine Partner definierten die Ausrichtung von Architektur bereits Anfang der Siebzigerjahre vor allem in Bezug auf soziale Fragen, erklärt Verena von Gagern-Steidle: "Wie organisiert man den Lebenslauf einer Familie an einem Tag? Wo begegnet sie den Nachbarn? Wo entstehen Freiräume? Wie sind die Dynamiken? Wie kann sich das verändern, je nach Zusammensetzung und vor allen Dingen, wie kann jeder daran teilnehmen?"

Bis heute stehen Architekturpilger aus aller Welt vor den Häusern in der Genter Straße und wollen sehen, wie vor 50 Jahren in München die Baukunst revolutioniert wurde. Die architektonischen Mittel sind ganz einfach, das Ergebnis ist nach wie vor faszinierend komplex.

Der Münchner Architekt Otto Steidle starb 2004 im Alter von 60 Jahren. Nach Studien an der Staatsbauschule München und der Akademie der Bildenden Künste gründete er 1969 das Büro Steidle + Partner.

Ein Beitrag mit Unterstützung der Bayerischen Architektenkammer - mehr aktuelle Infos zu Architektur & Baukultur hier auf der Website

Das "Haus des Monats" wird jeden ersten Samstag im Monat in B5 aktuell vorgestellt.