Open-Air-Galerie Wo sind feste Orte für freie Künstler*innen in München?

Räume auf Zeit für freie Künstler*innen – das geht immer. Aktuell etwa als Open-Air-Galerie am Gärtnerplatztheater in München. Als Pop-Up-Events sind sie aber nur Ausrede der Stadt, sagt Tobias Sehr von den Frauenberg Ateliers.

Von: Agnes Popp

Stand: 24.07.2020

Tobias Sehr, Betreiber der Fraunberg-Ateliers in München-Thalkirchen | Bild: Tobias Sehr

Ursprünglich war der Bauzaun, der ab heute den Zugang zum Gärtnerplatztheater versperrt, dafür gedacht, das Theaterportal vor Vandalismus zu schützen. Denn die Vortreppe des Theaters hat sich während Corona zu einem Versammlungsort für Nachtschwärmer entwickelt. Damit die Absperrung nicht ganz so abweisend daherkommt, hat sich das Gärtnerplatztheater etwas einfallen lassen: Es lässt die 65 Quadratmeter große Fläche zur Open-Air-Galerie umgestalten. Dazu hat sich das Theater mit den Fraunberg Ateliers zusammengetan. Deren Räumlichkeiten in Thalkirchen beherbergen Ausstellungen und Künstler-Ateliers. Allerdings nur zur Zwischennutzung, bis auf dem Areal gebaut wird. Tobias Sehr, Architekt und Gründer der Fraunberg Ateliers, macht den Absperrzaun zur Freiluftausstellung für die Graffiti- und Kalligrafie-Kunst des Münchner Künstler-Duos "LayerCake". Das Gärtnerplatztheater will sich damit als "Bühne für innovative, urbane Kultur" verstanden wissen. Tobias Sehr von den Fraunberg Ateliers will die Aktion aber auch dazu nutzen, auf den fehlenden Raum für Kunst und Künstler*innen in München aufmerksam zu machen. Warum dazu ein Bauzaun gerade recht ist, hat er Agnes Popp im Gespräch verraten.

Agnes Popp: Die Künstler von LayerCake haben als jugendliche "Kunst-Vandalen" angefangen, inzwischen gestalten sie die Foyers der Süddeutschen Zeitung oder des Museumsshops im MUCA (Museum of Urban and Contemporary Art). Werden ihre Werke jetzt trotzdem wieder an den Bauzaun verbannt?

LayerCake aus München

Tobias Sehr: Naja, Bauzäune werden grundsätzlich gerne mal benutzt, um die übelsten Schmierereien darauf zu hinterlassen, von "All cops are Basterds" bis hin zu "Will man nicht haben". Insofern sind Bauzäune eigentlich auch ein wunderbares Element, um Graffiti-Kunst dort tatsächlich auch mal zu würdigen. Eigentlich geht es ja gar nicht um einen Bauzaun, sondern eher um einen Schutzzaun. In diesem Fall soll die Treppe des Gärtnerplatztheaters vor Leuten geschützt werden, die dort Müll hinterlassen und sich zu später Stunde auch gerne mal am Eingang des Theaters erleichtern. Man kann den Bauzaun durchaus auch als Bühne betrachten, als freie Fläche. Der Hintergrund war, dass Medienvertreter dem Gärtnerplatz vorgeworfen haben, dass das Theater sein Gebäude abschotte und den Bürgern öffentlichen Raum wegnehme – gerade jetzt, in Coronazeiten, wo Freiflächen in der Stadt so umkämpft sind.

Ist es also auch das Klischee von der elitären Kulturinstitution, die sich vom Volk abgrenzt, das man hier abwehren will? Das Gärtnerplatztheater könnte mit der Aktion zeigen, dass es den gesperrten Platz zumindest nicht ungenutzt lässt.

Ich denke ja. Und dazu hat man die Möglichkeit, Street-Art aus den Nischen herauszuholen, weg von den Bahngleisen, Brücken und Hinterhöfen und zentral in die Stadt an einen kulturellen Ort einem anderen Publikum zugänglich zu machen. Das ist eigentlich das Spannende an dem Projekt.

Ist es nun gut oder schlecht, dass Streetart und andere Formen der Subkultur hin und wieder eine Fläche geboten bekommen – denn es ist ja immer nur für eine begrenzte Zeit.

Es gibt in München nur ganz wenige Wände, die permanent von Sprühern bearbeitet werden können. Insofern ist es gut, dass uns das Gärtnerplatz-Theater für den Sommer eine temporäre Bühne bietet. München war mal eine sehr moderne Kulturstadt. Der erste Graffiti-Wholetrain Deutschlands wurde in München besprüht. München war die erste Stadt in Deutschland, die Frauen an der Akademie der Bildenden Künste zugelassen hat. Das ist immer unser Ansatz: Ein bisschen moderne Kunst, präsentiert zentral in der Stadt, kann bestimmt nicht schaden. Man muss ja nicht immer nur zum Bahnwärter Thiel fahren.

Diese "Freiluft-Galerie" am Gärtnerplatztheater ist auch ein Beispiel für das sogenannte Pop-up-Konzept. Das passt zum Thema Zwischennutzung, mit dem Sie sich ja als Betreiber der Fraunberg Ateliers seit Beginn des Projekts auseinandersetzen müssen.

Es ist eine temporäre Open-Air Galerie, die uns das Gärtnerplatztheater zur Verfügung stellt. Eine Zwischennutzung hat ja auch immer etwas mit einer Mischnutzung zu tun. Das heißt, dass man verschiedene Elemente zusammenbringt. Und insofern kann man da auch durchaus von einer Zwischennutzung reden.

Graffiti wie die von "LayerCake" sind Kunst auf Zeit. Die hat kein Problem damit, wieder zu verschwinden. Was aber aus Ihrer Sicht bleiben sollte, sind die Orte für Kunst.

Genau. Aus meiner Sicht sind kulturelle Zwischennutzungen genau wie "Pop-up"-Events eine wunderbare Ausrede für eine Stadt, um keine festen Orte für Kultur schaffen zu müssen.

Ihre Fraunberg Ateliers haben voraussichtlich noch ein Jahr, bis die Bagger anrollen und die Stadt auf dem Areal Wohnungen baut. Sie kämpfen seit dem Einzug bei den städtischen Behörden um eine Verlängerung.

Es gibt in München 140 städtische Ateliers für 1,4 Millionen Menschen. Und wir Künstler werden permanent von einer Zwischennutzung in die nächste einquartiert. Ein Künstler in einer Zwischennutzung braucht ungefähr ein halbes Jahr, bis er diesen Ort wieder belebt, bis er sich dort tatsächlich eingerichtet hat und wohlfühlt. Dann arbeitet er dort ein, eineinhalb Jahre, muss sich dann drei Monate, vier Monate lang wieder den nächsten Ort suchen, für den er dann wieder ein halbes Jahr braucht, bis er den belebt hat. Wie soll man nachhaltig arbeiten, wenn man permanent auf Suche und auf Wanderschaft ist? Die Kunst braucht in der Stadt mehr feste Orte.