Olafur Eliasson zu "Earth Speakr" "Wer traut sich heute noch zu träumen?"

Neben Björk ist er der berühmteste Beitrag Islands zur Kunstwelt: Olafur Eliasson. Mit dem interaktiven Projekt "Earth Speakr" nimmt er sich einer neuen Herausforderung an: Kinder für Europa zu begeistern.

Von: Friedrich Müller und Martin Zeyn

Stand: 29.06.2020

Szene aus dem Promovideo zu "Earth Speakr": Ein Eisberg mit riesigen Kulleraugen blickt entsetzt auf von ihm abbrechende Eisblöcke | Bild: Olafur Eliasson

Olafur Eliasson ist einer der angenehmesten Interviewpartner, die es gibt: Natürlich antwortet er für den BR auf Deutsch. Am Beginn seines digitalen Betieiligungsprojekts, so erklärt er, stand eine alte Fragestellung: "Ich habe mich oft mit der Frage beschäftigt: Wer stellt eigentlich die Welt her, wer stellt die Werke her und was ist ein Erlebnis? Stellt das Erlebnis tatsächlich der Künstler her – oder machen es die Zuschauer? Man könnte ja auch sagen, wenn sich ein Zuschauer im Museum ein Werk anschaut, dann erst entsteht das Erlebnis, dann entsteht auch erst das Bild. Der Kontext erschafft erst das Erlebnis. So entsteht eine Dezentralisierung der Autorenschaft, die Menschen fühlen sich nicht als Konsumenten, sondern als Ko-Produzenten."

Diese Fragen interessieren Eliasson seit langem als Bildhauer. Seine Installationen beziehen die Betrachter*innen mit ein - es geht um Erfahrungen wie Kälte, es geht um Sinneseindrücke wie wir fallende Wassertropfen sehen, wenn Stroboskoplicht sie grell ausleuchtet. Seine Erfahrungen ließ er in sein erstes digitales Großprojekt einfließen: "Ich bin normalerweise kein digitaler Künstler. Das Projekt 'EarthSpeakr' ist durch die Kameras, Mikrophone und Animationen ja eher eine Lupe, durch die man auf die Welt sieht. Meine Hoffnung war es, ein Kunstwerk zu schaffen, bei dem die Autorenschaft bei den Empfängern liegt. Das gemeinsam geschaffene große Werk - das ist das eigentliche Kunstwerk."

Begonnen hat er mit der Arbeit vor zwei Jahren, die anlässlich der deutschen EU-Ratspräsidentschaft online gehen sollte. Sein Antrieb war, herauszufinden, "welcher Gruppe nicht zugehört" wird. Es gebe viele junge Leute, die die Welt verstehen und verändern wollen, die aber die Erfahrung gemacht hätten, dass niemand sie fragt. Aber es gibt noch etwas anderes, weswegen sich Eliasson gerade den Kindern und Jugendlichen zugewandt hat: "Wer traut sich heute noch zu träumen?" Deshalb hat er sie aufgefordert, sich am Projekt durch Zusendungen zu beteiligen.

Olafur Eliasson ist ein Phänomen. Er gehört zu den gefragtesten Künstlern weltweit, vor sehr, sehr vielen Firmensitzen stehen seine Skulpturen, sein Atelier hat Ausmaße einer mittelständischen Firma – und trotzdem ist er everybodies darling. Der einfache Grund: Er macht immer noch berückend schöne Kunst, die mit Licht und anderen natürlichen Prozessen spielt. Da verzeiht ihm die Kritikerschar selbst ein erschreckend harmloses Projekt wie seinen Workshop mit Flüchtlingen in Venedig

Seine neueste Arbeit ist ein interaktives Projekt, das sich an Kinder richtet. Geradezu schamlos bedient er sich im Ankündigungsvideo des Klein-Kindchen-Schemas: große Augen überall. Aber Niedlichkeit geht eben auch in der Kunst. Er selbst meint dazu: "Ich möchte dieses Thema gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen thematisieren, da ich überzeugt bin, dass sie genau verstehen, was mit unserem Planeten geschieht."

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ttt - titel thesen temperamente

Ólafur Elíasson: Wenn die Natur sprechen könnteEndlich: Die Natur reißt ihr Maul auf! Dank dem Künstler Ólafur Elíasson sprechen Kinder jetzt für unseren Planeten.Gepostet von ttt - titel thesen temperamente am Freitag, 10. Juli 2020

Wie gesagt, entstanden ist "Earth Speakr" als Auftragsarbeit für die deutsche EU-Ratspräsidentschaft. Dabei ging es nicht darum, noch ein Denkmal, noch eine so genannte drop sculpture in Brüssel aufzustellen. Sondern ein Projekt, das von unten entsteht, an dem also die Bewohner Europas mitwirken. Eliasson und sein Team (er hat immer Fachkräfte dabei, die ihm Input geben und für die technische Umsetzung sorgen) wollen mit der digitalen Plattform junge Menschen animieren, Sprachbotschaften zu hinterlassen. Das Ziel: Sie sollen von ihren Hoffnungen und Ideen für die Zukunft Europas und der Erde erzählen.