Unserem Geruchssinn auf der Spur Das Spielart-Festival 2021 dreht sich um die Nase

Wir schätzen zwar den guten Riecher, aber nur im übertragenen Sinn. Im westlichen Kulturkreis galt der Geruchssinn lange als "niederer Sinn". Auf dem Spielart-Festival war heuer zu erfahren, was unsere Nase alles (erkennen) kann.

Von: Stephanie Metzger

Stand: 05.11.2021

Programmschwerpunkt des Spielart Festivals 2021 | Bild: Tobias Zangl

Im Kulturzentrum Köşk ist in diesem Jahr beim Spielart Festival ein Raum, in dem über die Dauer des ganzen Festivals in unterschiedlichen Formaten Facetten des Geruchs zu erleben sind. Konzentration ist angesagt, dann teilt uns der Geruchssinn einiges mit. So war es bei der Performance von Katie Paterson zu erleben.

Es dauert, bis sich der Geruch im Raum verteilt und die Nase ihn aufnimmt und nach und nach Assoziationen weckt: Erde, Schwere, Andacht. Sie wollen verbunden werden mit dem, was die mitgegebene Geruchskarte vorschlägt: Trockenheit, Quarz, Pilze, Algen, verrottende Vegetation. Gerade angekommen im Duft des ersten Waldes, wie es ihn vor 385 Millionen Jahren im Hudson Valley bei New York gegeben hat, durchdringt ein zweiter Duft den Raum. Der Eindruck jetzt: intensiver, frischer, atmender. Die Geruchskarte nennt ihn den Duft des letzten Waldes, wie wir ihn vielleicht gekannt haben werden: Amazonasregenwald, Biosphärenreservat Yasuni, Ecuador. Baumblätter, Harz, Moos – so viel Kraft und Hoffnung trotz des Wissens um Vergehen.

Fordernd, aufregend, inspirierend – und anstrengend

"Es werden zwei Räucherstäbchen abgebrannt, sonst passiert nichts. Um diese Arbeit zu erfassen, muss man sich wirklich eine halbe Stunde lang nur auf diese beiden Gerüche konzentrieren. Zusätzlich gibt es die Karte mit den Inhaltsstoffen der Düfte. Man liest sie und versucht, die Stoffe in den Gerüchen wahrzunehmen. Das ist fordernd, aufregend und inspirierend. Aber eben auch eine große Anstrengung. Wir sind es nicht gewohnt, uns so lange auf einen Geruch zu konzentrieren", sagt Paterson.

"To Burn, Forest, Fire" heißt diese einfache Performance der Schottin Katie Paterson. Eine Geruchszeremonie, die es in sich hat und viel anstößt. Wie Kuratorin Eva Neklyaeva sagt: Die Konzentration auf einen Sinn, dem wir im Alltag kaum Beachtung schenken. "Das Projekt 'Nose' ist eine Art kollektives Forschungsprojekt. Es beinhaltet Lectures, Workshops, Aufführungen, Konzerte, Geruchskunstwerke. Künstler und Künstlerinnen loten zusammen mit Forscherinnen und Forschern aus, was Geruch in der Kunst und im Leben bedeuten kann."

Verkannter Geruchssinn

Beim Riechen haben wir es mit einem höchst eigensinniger Sinn zu tun: Gerüche sind flüchtig, wirken direkt auf das limbische System im Gehirn, verbinden sich sofort mit Gefühlen. Aber auch mit Erinnerungen daran, was wir schon einmal gerochen haben: wann, wo, mit wem – mit einem Geruchsarchiv quasi, bei jedem anders gefüllt. Weshalb Riechen sehr individuell ist, schwer in allgemeingültiges Vokabular zu fassen, kaum zu kontrollieren. Vermutlich ist es diese olfaktorische Widerständigkeit, die dem Riechen in der Kulturgeschichte keinen leichten Stand beschert hat. Und der Grund, warum wir bewusstes Riechen verlernt haben: "Wenn Sie mich fragen, warum wir das Riechen verlernt haben, sage ich: Aristoteles ist Schuld!", so die Kuratorin Eva Neklyaeva. "Es gibt in der westlichen Kulturgeschichte tatsächlich eine ganze Tradition des philosophischen Denkens, die den Geruchsinn abgewertet und das Sehen priorisiert hat. Geruch wird dort als etwas verstanden, das flüchtig und unverlässlich ist. Etwas, das mit dem Wilden in Verbindung steht und uns zu Tieren macht."

Riechen ist, philosophisch gesprochen, also ein "niederer" Sinn: Bei Aristoteles liegt der Geruchssinn in der Rangliste auf Platz drei, nach Sehen und Hören, gefolgt von Schmecken und Tasten. Denken oder Erkenntnis fördere er kaum. Eine Einschätzung, die auch der Aufklärer Immanuel Kant teilte und die in der Psychoanalyse Freuds darauf hinausläuft, dass dem allzu euphorisch schnüffelnden Menschen Reife fehle. Ob regressiv, triebhaft, animalisch, wild: Das geruchsausströmende und geruchsaufnehmende Subjekt ist der westlichen Philosophie suspekt. Ausnahmen bestätigen die Regel:

"Die Nase zum Beispiel, von der noch kein Philosoph mit Verehrung und Dankbarkeit gesprochen hat, ist sogar einstweilen das delikateste Instrument, das uns zu Gebote steht: es vermag noch Minimaldifferenzen der Bewegung zu constatiren, die selbst das Spektroskop nicht constatirt."

Friedrich Nietzsche

Geschätzt und instrumentalisiert

Auch Menschen, die ihren Geruchsinn verloren haben, wissen ihn im Nachhinein zu schätzen – sie berichten von verminderter Lebensfreude und Depression. Daher: Wer riechen kann, sollte trainieren. Sowohl die olfaktorische Sinnlichkeit als auch den Sinn dahinter. Denn Düfte haben Kontexte, sind eingebunden in Situationen und ihre Wahrnehmung ist nicht so unschuldig, wie es die rein physiologische Beschreibung suggeriert.

Spielart macht es möglich: Unzählige Flacons sind auf einem Tisch verteilt. Dazu kleine Zettel mit Namen von Düften und ihrer Geschichte. Eva Neklyaeva stellt verschiedene vor. "The Wall" der russischen Firma Holynose zum Beispiel. Eine Huldigung an den Berliner Club "Tresor", also an die Technokultur der 1990er Jahre und den Fall der Mauer: Herb, staubig, zementlastig – verschwitzt vielleicht? Die Beschreibung des rekonstruierten Clubgeruchs fällt schwer. Der Eindruck trotzdem intensiv.

Ob ausgefeiltes Duft-Marketing, konzeptuelle Parfümerie oder Künstler und Künstlerinnen, die Geruchskunst schaffen: Geruch wird als sinnliches Ereignis inzwischen immer bewusster gestaltet: designed. In ökonomischen Zusammenhängen mögen solche Trends den Begriff der Manipulation nahelegen. In akademischen Studien und künstlerischen Arbeiten geht es mehr um Kontextualisierung und Aufklärung: "Das Projekt 'Nose' beruft sich auf eine ganze Welle von soziologischen und philosophischen Forschungsarbeiten, die den kulturellen Kontext des Riechens analysieren. Die letzten Jahre ist dazu viel publiziert worden", sagt Neklyaeva.

Gerüche rassistisch markiert

Das immer genauere Wissen um Riechen als Kulturpraxis nimmt seiner scheinbaren Unmittelbarkeit die Unschuld: Welche Gerüche angenehm sind, welche nicht, wem sie erlaubt sind und wem nicht, ist nicht naturgegeben, sondern kulturell konstruiert. Damit verbunden: Politik, soziale Ausschlüsse, – Potentiale des Widerstands.

Die Tänzerin und Choreographin Sandra Chatterjee, die in München indischen Tanz studiert und im Ausland gearbeitet hat, beschäftigt sich seit einigen Jahren mit diesen Verbindungslinien. Im Projekt "Smells of Racism" untersuchte sie, wie Gerüche rassistisch markiert werden. Denn dass die vermeintlich so persönliche Erfahrung von Gerüchen politische, ja ideologische Dimensionen hat, machen wir uns nur selten klar: "Ich arbeite sehr partizipatorisch, das heißt, es gibt fast immer Fragen ans Publikum", so Sandra Chatterjee. "Und das ist für mich so ein Punkt, wo diese politische und die ganz persönliche Dimension zusammengekommen ist. Oft sind die Fragen politisch oder sozial eingebettet und die Antworten sind ganz häufig sehr individuell und sehr persönlich. Im Dialog mit dem Publikum ist genau das die Herausforderung: Wie bringe ich die Diskussion dahin, dass die Verbindungen geknüpft werden? Wir haben dann mit dem Publikum antirassistische Räuchermischungen zusammengestellt."

Der Geruch der Klasse

"Smells of Coexistence" heißt die Installation von Chatterjee: Wohlgerüche – Rosenduft, Adlerholz, Moschus – werden in Kontrast gesetzt zu Gerüchen, die uns unangenehm sind: Knoblauch, getrockneter Fisch, Tabak. Düfte, die – politisch unkorrekt gesprochen – stinken: "Wenn man wirklich recherchiert über Geruch und Rassismus, dann kommt dieses Wort stinken sehr oft vor. Leider. Und es gibt die verschiedenen Dimensionen. Zum Teil ist es wirklich der Körpergeruch, zum Teil sind es eher die Lebensgewohnheiten: Die Haare riechen nach Gewürzen oder nach Kochen", sagt die Künstlerin.

Die "Smells of Coexistence" steigen also längst nicht nur als romantisch-harmonische Geruchsgemeinschaft in die Nase. Schweiß, Kochdunst in den Kleidern, Fischgestank auf der Haut zeugen davon, wer arbeitet, welche Arbeitsbedingungen herrschen, in welchen sozialen Vierteln Menschen leben, wie viel Platz sie haben. Ein wohlriechendes Frühstück kann für eine schwarze Arbeiterklasse zum unerreichbaren Traum werden, wie James Baldwin schrieb. Was für Chatterjee daran so "spannend war, ist, dass er eben eigentlich über Klassenunterschiede spricht. Und wie Geruch da eine Rolle spielt. Also kannst du dir leisten, von einem gut riechenden Frühstück zu träumen? Oder isst du einfach, was es gibt und was da ist und was da sein kann? Aber auch, wie viel Luxus es eigentlich ist, Geruch zu entfernen. Also zu waschen, wie viel Platz du brauchst, wie viel Platz du zwischen Küche und dem Ort brauchst, wo Dinge aufbewahrt sind, wo Wäsche trocknet, wie viel Wasser du brauchst, wie viel Seife du brauchst, all diese Dinge." Alles auch eine Frage der Klasse.

Bei der Aufklärung über die Politiken des Riechens bleibt die Künstlerin Sandra Chatterjee nicht stehen. In einem Workshop fordert sie dazu auf, Gerüchen wie Musik zuzuhören und in Bewegung zu übersetzen. Auch hier wieder: sensorisches Training für das geruchstaube oder duftblinden Subjekt, das immer wieder gegen innere Widerstände ankämpfen muss. Irgendwann gelingt der Perspektivwechsel. Die Aufforderung, Gestank zu feiern, tanzend zu zelebrieren, gleicht einer exorzistischen Übung. Oder sollte man es Reinigung nennen?

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