Illustratorin Nora Krug im NS Dokumentationszentrum "Muster aus der Vergangenheit erkennen"

Nora Krug beschäftigt sich in ihrer Kunst intensiv mit dem 20. Jahrhundert. Jetzt hat sie einen Essay des Historikers Timothy Snyder illustriert: "Über Tyrannei". Ein Gespräch mit der Künstlerin über die in München ausgestellten Illustrationen und Collagen.

Von: Niels Beintker

Stand: 29.11.2021

Die Illustratorin Nora Krug in ihrer Ausstellung im NS Dokumentationszentrum München | Bild: NS Dokumentationszentrum München   C.H. Beck

Wie kann man Geschichten von Tyrannei illustrieren? Eine Frage, der die in New York lebende Illustratorin Nora Krug intensiv nachgegangen ist. Sie hatte die Aufgabe, Bilder für Timothy Snyders Buch "Über Tyrannei" zu zeichnen und zu malen, für eine Sammlung von 20 Lektionen zum friedlichen Widerstand gegen die Feinde der Demokratie. Eine Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum München widmet sich derzeit der Kunst von Nora Krug. Ein Gespräch mit der Illustratorin über Bilder und Geschichte.

Niels Beintker: Was vermag die Illustration mit Blick auf ein sehr komplexes Thema wie Tyrannei?

Nora Krug: Illustration war ja schon immer ein politisches Mittel, sowohl im Positiven als auch im Negativen. Es gibt sehr frühe Beispiele für antisemitische Illustrationen. Deswegen bin ich mir schon immer auch der politischen Bedeutung und der Verantwortung bewusst als Illustratorin und versuche, mit Bildern verantwortungsbewusst umzugehen. Aber auch Bilder dafür zu benutzen, um festgefahrene Vorstellungen, auch bildliche Vorstellungen, die wir von Krieg und Geschichte haben, zu durchbrechen. Für mich war der Prozess der Arbeit an diesem Buch gleichzeitig ein Prozess des Konstruierens und des Dekonstruierens und Auseinandernehmens.

Illustration von Nora Krug zu Timothy Snyders Buch "Über Tyrannei"

Mir war es auch wichtig, dass die Spuren der Arbeit zu sehen sind: die wegradierten Linien oder die Schmierereien, die zum Teil aus Versehen entstehen. Die habe ich auch mit Absicht drin gelassen. Um damit zu sagen, dass wir immer Spuren hinterlassen und dass wir immer Teil eines größeren Ganzen sind. Und dass die Gegenwart natürlich eine direkte Auswirkung der Vergangenheit ist, dass die Vergangenheit weiter in uns lebt. Ich habe mich für diesen collagenhaften Stil entschieden, weil ich damit auch das Fragmentarische der Erinnerung und auch unserer Geschichte ausdrücken wollte.

Wir denken ja immer, wenn wir den Begriff Geschichte hören, an sehr chronologische Abläufe, so wie wir es auch im Geschichtsunterricht in der Schule gelernt haben. Gleichzeitig kann Geschichte auch eine Aneinanderreihung von persönlichen, individuell erlebten Momenten sein. Das wollte ich durch diese collagenhafte Darstellung zeigen. Und indem ich die Zeichnungen von jetzt mit historischen Bildern oder grafischen Elementen wie Postkarten verbinde, wollte ich auch sagen, dass Tyrannei zeitlos und universell ist. Und dass wir diese Muster auch wiedererkennen müssen und können. Darum geht es auch Timothy Snyder: zu lernen, Muster aus der Vergangenheit zu erkennen. So dass wir uns dagegen frühzeitig wehren können.

Sie zeichnen und Sie malen zum Beispiel auch mit Aquarellfarben. Man sieht Straßenszenen, Figuren oder, eher schematisch, die Lager des 20. Jahrhunderts. Ebenso arbeiten sie mit Collagen. Sie verwenden etwa Objekte aus Papier oder auch Strick-Bilder, zum Beispiel Schmetterlinge, die dann kaputtgehen. Und sie verwenden viele historische Bilder, darunter immer wieder Flohmarkt-Fundstücke. Ein Bild aus einem deutschen Fotoalbum etwa zeigt eine Menge, die Hitler bejubelt. Man sieht nur Arme und Hitler in der Ferne auf dem Balkon stehend. Ein anderes Foto zeigt Männer in Polen, die von den Deutschen nach dem Überfall des Landes verhaftet worden sind. Folgt man dem Fotoalbum, das in Ihrer Ausstellung in München zu sehen ist, dann sieht man, wie sie hingerichtet werden. Eine schreckliche Vergeltungsaktion, ein Bild aus einem Soldaten-Album. Inwiefern ist diese Arbeit mit diesen Dokumenten besonders für Sie?

Fotografien habe ich vor allem dann eingesetzt, wenn ich einen exakten Moment in der Geschichte zeigen wollte – die Beweise für das liefern wollte, was Herr Snyder beschreibt in seinem Buch. Es gibt einen Moment, wo er beschreibt, wie die Menschen in Wien jüdische Mitbürger dazu gezwungen haben, nach dem Anschluss 1938, den Boden auf den Straßen von Wien zu schrubben. Das war mir wichtig: Dass ich dazu ein Beweisstück liefere. Weil es einem doch viel näher geht, wenn man sieht, wie das wirklich aussah, wenn man in die Gesichter dieser jüdischen Männer blickt und auch diese Angst und Verzweiflung in den Gesichtszügen. Und auch der gegenteilige Blick: der Blick auf den Gesichtern der Zuschauer, die oft hämisch lachen. Das kann einem noch so viel mehr über Geschichte sagen als nur die Beschreibung dieser historischen Momente. Das erlaubt einem, auch zwischen den Zeilen zu lesen und zu verstehen. Wie sah das wirklich aus? Wie haben sich die Menschen in diesem Moment verhalten?

Es ist auch die Frage, ob man so was überhaupt zeichnen könnte, einen solchen Moment? Oder ob das dann auch für uns selber, indem wir uns da hinein imaginieren, Grenzen des Darstellbaren sind?

Ich scheue mich immer ein bisschen davor, Momente, die historische Situationen darstellen, fotografisch noch mal selbst nachzuzeichnen. Weil ich finde, man kann diese Direktheit nicht wirklich erreichen. Ich versuche auch aus Respekt vor den dargestellten Menschen, diese Situation zu illustrieren, indem ich die originalen Fotos verwende. Für mich ist dieses Illustrieren mit Fotos aber auch mit Zeichnungen ein Akt des Zeugens. Für mich war es wichtig, dass ich mich selber als Zeugin dadurch verstehe, dass ich auch den Leser mehr oder weniger dazu zwinge, hinzuschauen. Wenn wir historische Fotos anschauen, werden wir auch zu Zeugen. Und wir schulden es den Menschen, die auf den Bildern zu sehen sind, diese Momente auch zu bezeugen, daran teilzuhaben.

Ein Verfahren, das Sie auch in Ihrer gezeichneten Familiengeschichte "Heimat" angewandt haben – und uns auf diese Weise Ihre Familiengeschichte erzählt haben. In "Über Tyrannei" sehen wir am Anfang Ihres Buches auch eine Fotografie, ein Schwarz-Weiß-Bild. Es zeigt einen alten Mann mit schwarzer Mütze und schwarzem Mantel, am Arm eine Binde, in der Hand ein Blechtopf, Haare und Bart grau. Der Blick ist angespannt. Hinter ihm eine Brache, im Hintergrund dann wieder Häuser. Ein Bild aus dem Fotoalbum eines deutschen Soldaten, so ist im Anhang zu lesen. Ein Fund aus einem Antiquitätenladen. Was wissen Sie über dieses Bild? Was erzählt es Ihnen?

Das Bild habe ich in einem Antiquitätengeschäft in Berlin-Charlottenburg gefunden. Es ist hinten oben beschriftet – und es stellt diesen Mann dar, über den man nichts weiß. Aber die Armbinde scheint anzudeuten, dass es sich um einen jüdischen Mann handelt. Und es ist anzunehmen, dass dieses Foto in Polen gemacht wurde. Mit Sicherheit kann ich das natürlich nicht sagen, aber es war mir wichtig, dieses Bild gegenüber der Titelseite ins Buch zu setzen.

Wenn wir an Tyrannei denken, denken wir – oder ich zumindest – oft an Bilder, die die Täter darstellen. Mir war es wichtig, das Gegenbild, das Schattenbild der Tyrannei zu zeigen. Und das spiegelt sich sehr in seinem Gesichtsausdruck wieder: Der Mann schaut ängstlich den Betrachter an bzw. vor 80 Jahren einen deutschen Soldaten. Jetzt schaut er uns an. Und jetzt sind wir die, die Stellung beziehen müssen. Das war mir auch wichtig, im Buch. Ich habe oft Figuren sowohl gezeichnet als auch Fotos von Menschen gesucht, die direkt den Leser anschauen, weil das für mich eine Art der Konfrontation ist mit der Frage: Schaut ihr auch wirklich hin? Werdet ihr zeugen? Werdet ihr dafür sorgen, dass das, was passiert ist, nicht wieder passiert? Das ist auch im Bildlichen, nicht nur im Text, bei Timothy Snyder, sondern auch bei mir im eine Art von Appell.

Dieser Blick begleitet uns, wenn wir Timothy Snyders Texten und ihren Illustrationen folgen. Timothy Snyders 20 Lektion über Tyrannei erzählen von der Situation in den USA nach dem Wahlsieg von Donald Trump – und verbinden diesen Blick auf diese sehr bewegte Zeit mit dem 20. Jahrhundert und den Diktaturen, dem Zeitalter der Unmenschlichkeit. Wir werden angeregt, unser eigenes Handeln zu überdenken, zum Beispiel Verantwortung für das Antlitz unserer Welt zu nehmen, freundlich zu unserer Sprache zu sein, an die Wahrheit zu glauben oder auch ein Privatleben zu führen – in dem Sinne, dass wir nicht pausenlos im Internet unterwegs sind. Sie leben seit längerer Zeit in den USA und haben diese Zeit, um die es hier geht, ja auch unmittelbar erlebt. Wie haben Sie das erlebt? Wie sehr hat sich das Land verändert?

Es war eine schreckliche Zeit für alle Amerikaner. Ich bin auch seit einigen Jahren Amerikanerin und habe auch gemerkt, wie stark ich mich mit dem Land identifiziere, indem ich auch mitgelitten habe und gesehen habe, wie verzweifelt viele meiner Bekannten und Freunde waren. Natürlich ist es nicht so, dass Amerika vorher immer ein perfektes Land war. Es gab schon immer Rassismus, es gab schon immer Ungerechtigkeit. Aber es war trotzdem schrecklich anzusehen, wie jemand wie Donald Trumpp es so weit geschafft hat – und diese ganzen anfänglichen Hindernisse, wie schnell er die überwunden hat.

Für mich war das Unheimliche eigentlich, dass ich die Arbeit an dem Buch begonnen habe während der Zeit des ersten Lockdowns. Das war in seinem letzten Amtsjahr. Als ich dieses Buch illustriert habe, habe ich sozusagen live das widergespiegelt gesehen, was Herr Snyder in seinem Buch prophezeit hat. Das hat sich Schritt für Schritt bewahrheitet in meinem Land. Deswegen wurde dieses Buch für mich fast schon ein visuelles Tagebuch. Es wurde ein Dokument der Zeit, weil ich es genau in dem Moment illustriert habe, in dem diese Dinge auch vorgefallen sind. Zum Beispiel diese paramilitärischen Gruppen, die plötzlich aus dem Erdboden zu kommen schienen. Dann hat man im Januar gesehen, was die angerichtet haben, beim Weißen Haus. Genau das hat Herr Snyder prophezeit.

Timothy Snyder glaubt auch, dass diese Gräben in der amerikanischen Gesellschaft noch nicht überwunden sind. Das war auch in vielen Stellungnahmen nach der Wahl, aber auch mit Blick auf diesen unsäglichen Sturm auf das Kapitol von ihm zu lesen und zu hören. Empfinden Sie als Amerikanerin, als Künstlerin, die in den USA lebt, eine Art Veränderung heute oder ist dieses Milieu, aus dem eben auch Tyrannei entstehen kann, nach wie vor wirkmächtig?

Ja, es ist auf jeden Fall nach wie vor mächtig. Amerika war schon immer gespalten. Amerika ist auch ein riesiges Land, das ganz verschiedene Religionen und Weltanschauungen und soziale Schichten miteinander verbindet. Das muss man auch sagen. Aus europäischer Sicht ist es oft unverständlich, aber es ist das einzige Land auf der Welt, das in dieser Komplexität funktioniert, ohne dass ständig Bürgerkriege ausbrechen.

Es ist ein sehr komplexes Land und war es schon immer, nicht erst seit Trump. Und deswegen kann diese Spaltung nicht so schnell überwunden werden. Das braucht viel Arbeit. Und es braucht vor allem auch einen Dialog, einen respektvollen Dialog. Der ist leider nicht immer herstellbar. Aber das ist sicher auch ein Problem, das es in Deutschland gibt. Das ist, glaube ich, kein spezifisch amerikanisches Problem.

Wie überhaupt auch der Populismus kein spezifisch amerikanisches Problem ist. Sie selbst erzählen, Timothy Snyder folgend, immer wieder auch von Menschen, die sich der Gleichgültigkeit, die zur Tyrannei führt, führen kann, widersetzt haben. Zum Beispiel von Teresa Prekerowa, die Juden im Warschauer Ghetto unterstützt hat und einigen auch zur Freiheit verhelfen konnte. Ihr Tun, so sagte sie später, sei ganz normal gewesen. Sie erzählen ihre Geschichte in einem kleinen Bilderbogen im Buch. Auch Václav Havel spielt dort eine große Rolle, darunter seine berühmte Geschichte vom Gemüsehändler, der das Spruchband mit den Worten "Proletarier aller Länder, vereinigt euch" in das Schaufenster seines Ladens hängte. Die Geschichte ist zu finden in Havels Text "Von der Macht der Ohnmächtigen" von 1978. Sie erzählen diese in Bildern auch sehr direkt. Was bedeutet Ihnen diese Geschichte?

Es war für mich wichtig zu sehen, dass es diesen Mut gibt. Im Fall der anderen Geschichte, die Sie gerade genannt haben, geht es natürlich um den Mut, sein eigenes Leben zu riskieren, um das Leben anderer zu retten. Das ist die mutigste Art, die es überhaupt gibt.

Was die Geschichte vom Gemüsehändler eigentlich erzählt: Dass man auch auf andere und kleinere Arten helfen kann oder auch Veränderungen herbeiführen kann. Wenn man diesen Mut nicht hat, sein eigenes Leben zu riskieren, kann man trotzdem politisch wirken, auch durch kleine Gesten. Das wollte ich in diesen Illustrationen darstellen, indem ich eine Bilderfolge gezeigt habe: Ein Gemüsehändler, der dieses Schild aus dem Fenster nimmt, es dann zerknüllt, das Fenster öffnet und den zerknüllten Zettel anzündet. Und aus diesem Rauch, der entsteht, entsteht dann so eine bunte Wolke und man sieht dann am Schluss ein ganzheitliches Bild, in dem verschiedene Menschen in derselben Stadt dargestellt sind, die genauso handeln. Und diese Rauchwolke wird immer größer und immer bunter.

In dieser Wolke sehen wir die berühmten Worte "Was passiert, wenn jemand das Spiel nicht mitspielt?" – Havels große Frage. Das führt wiederum zur Biografie dieses so wichtigen Dissidenten, der für ein Leben mit der Wahrheit, nicht mit der Lüge eingetreten ist. Inwiefern beschäftigt Sie auch eine solche Lebensgeschichte? Was kann sie vielleicht auch zeigen in unserer Zeit, in unserer Gegenwart?

Was sein Leben auch zeigt: Dass wir immer eine Wahl haben. Das finde ich ganz wichtig, weil man oft, auch wenn man zum Beispiel ans "Dritte Reich" denkt, sich einredet, man hätte ja keine Wahl gehabt. Die einzige Alternative wäre ja gewesen, sein Leben zu riskieren und das Leben der eigenen Familie. In Wirklichkeit hat man aber immer eine Wahl. Und es gibt auch friedliche Arten – oder ungefährliche Arten – Widerstand zu leisten. Seine Biografie zeigt das auch, dass wir immer eine Wahl haben und uns dessen bewusst sein müssen. Und dass wir uns auch dessen bewusst sein müssen, dass, wenn wir nichts tun, das auch fatale Konsequenzen für das Leben anderer hat.

Das bezieht sich natürlich auch auf heute. Entscheidungen, die wir tagtäglich treffen, haben Auswirkungen auf Menschen, die wir vielleicht gar nicht sehen oder kennen. Aber sie haben Auswirkungen. Schon bei kleinen Dingen, wo wir unsere Kleider kaufen, was für Fleisch wir essen –  oder eben auch bei politischen Themen. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Auch das Nichtstun hat Konsequenzen für das Leben anderer.

Timothy Snyders Buch "Über Tyrannei" ist – von Nora Krug illustriert – in Deutschland im Verlag C.H. Beck erschienen, in der Übersetzung von Andreas Wirthensohn. Das NS-Dokumentationszentrum München zeigt Nora Krugs Arbeiten bis Ende Januar in einer begleitenden Ausstellung.

Das Interview lief im Kulturjournal, das Sie hier nachhören und abonnieren können.