Nicola Gess: Halbwahrheiten Was Hochstapler mit Verschwörungstheorien verbindet

Ein Quäntchen Wahrheit steckt sogar in den ärgsten Verschwörungstheorien wie etwa denen von Ken Jebsen über Bill Gates. Sonst funktionerten sie nicht. Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess im Gespräch über "Halbwahrheiten".

Von: Joana Ortmann

Stand: 22.03.2021

Ein bisschen was Wahres ist dran! Zwischen Fakt und Fake | Bild: dpa/picture alliance

Verschwörungstheoretiker, Hochstapler und Populisten: Sie alle spielen mit Halbwahrheiten und manipulieren die Wirklichkeit. Wie kann man sie entlarven und ihre Konstruktionen durchschauen? Die Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess hat den „Halbwahrheiten“ jetzt ein Buch gewidmet und leitet an der Universität Basel das Forschungsprojekt „Halbwahrheiten. Wahrheit, Fiktion und Konspiration im postfaktischen Zeitalter“. Joana Ortmann hat mit Nicola Gess über Faktenchecks und Fiktions-Checks und die verführerische Figur des Hochstaplers gesprochen.

Joana Ortmann: Halbwahrheiten und die Tatsache, dass sie funktionieren, sind ja immer gekoppelt an bestimmte Figuren. Und da analysieren Sie die Figur des Hochstaplers, dessen Erzählungen man so gerne erliegt. Nicht umsonst ist er ein Held von Romanen, von Filmen und eine immer faszinierende Figur.  

Nicola Gess: Das Phänomen des Postfaktischen ist typisch für Krisenzeiten - etwa in der Weimarer Republik war die soziale Figur des Hochstaplers enorm präsent. Es war eine Zeit, in der große wirtschaftliche und soziale Missstände herrschten. Eine Zeit auch voller Misstrauen gegenüber dem neuen politischen System, auch gegenüber der Wissenschaft und der Presse. In diesen Kontexten blüht das Postfaktische auf und mit ihm die Halbwahrheiten - und all das bündelt sich in dieser Figur des Hochstaplers. Er avanciert, so würde ich das ausdrücken, zum Zeit-Typus par excellence, weil er den permanenten Schwindel, den viele Menschen überall wahrzunehmen glauben, zur Maxime des eigenen Handelns macht. Das ist das Rezept für seinen Erfolg. Und jetzt ist es interessant, dass vieles davon auch heute zu beobachten ist, zum Beispiel die Fragmentierung und Polarisierung der Medienlandschaft. Und der Hochstapler hat auch eine gewisse Renaissance, wenn man an solche Figuren wie Boris Johnson oder Donald Trump denkt. Die wurden als Trickster beschrieben, und haben mit dem Hochstapler auch eine pragmatische Erfolgs-Ethik gemeinsam, einen zynischen Wahrheitsbegriff: Wahr ist, was mir nützt.  

Sie schauen in Ihrem Buch auch einigen prominenten Hochstaplern der Gegenwart genauer auf die Finger. Ein interessanter Fall ist natürlich Claas Relotius, mit seinen teilweise erfundenen Reportagen ein journalistischer Hochstapler. Eine ganz fiese Mischung zwischen fiktiv und faktisch.

Claas Relotius operiert extrem stark mit Halbwahrheiten, und das erfüllt für ihn eine doppelte Funktion. Zum einen schützt er sich mit dem faktischen Anteil der Geschichte vor der Enttarnung. Zum anderen liefert er mit dem fiktiven Anteil der Geschichte den Leserinnen und Lesern das, was sie hören und lesen wollen, also die richtige Mischung und vielleicht auch die Bestätigung bestimmter Erwartungen. Auch eine ästhetische Befriedigung dadurch, dass es sehr durchkomponierte, sehr runde Erzählungen sind, und die Fiktion häufig befriedigender ist als die Realität. Das ist die Funktion, die Halbwahrheiten in seinen Reportagen einnehmen.  

Ein weiteres Beispiel, auch sehr ergiebig, ist der Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen. Der hat vor einem Jahr das Video „Gates kapert Deutschland“ in die Welt gesetzt, in dem er seine krude Theorie verbreitete, wir seien alle Marionetten von Bill Gates, der uns zwangsimpfen und mit Chips ausstatten wolle.  

Also Halbwahrheiten werden häufig eingesetzt, um Verschwörungstheorien mit einer gewissen Scheinevidenz zu versorgen. Und das lässt sich eben auch bei diesem Video zeigen. Zum Beispiel die Behauptung, Gates wolle mit den Impfungen den Menschen einen Chip implantieren, mithilfe dessen die Errichtung einer digitalen Diktatur und somit die totale Kontrolle möglich sei. Wie Faktenchecker dann schnell rekonstruiert haben, ist der verschwindend kleine wahre Anteil dieser Aussage zum einen ein Interview von Gates, in dem er von digitalen Zertifikaten gesprochen hatte, mit denen sich in Zukunft zeigen lassen werde, wer bereits genesen ist, wer getestet oder geimpft wurde. Diese Aussage von Gates wurde dann auf einer Website zitiert und dort fälschlicherweise durch die Behauptung ergänzt, es handelte sich dabei um Quantum Dot Tattoos, wobei es um Kapseln gehe, die in Menschen implantiert würden und eben mit digitalen Zertifikaten versehen seien. Dazu muss man wiederum sagen, dass die Gates Foundation, die Entwicklung der sogenannten Quantum Dot Dye-Technologie finanziert. Aber bei dieser Technologie handelt es sich weder um Mikrochips noch um Implantate. Und bald lagerte sich da auch noch die Behauptung an, über den Impfchip sei ein Bewegungs-Tracking möglich. Und bei Jebsen kam noch die Erzählung hinzu, über den Impfchip sei die Kontrolle der Fortpflanzung möglich. Das hatte wiederum andere Vorläufer, da kamen zwei Erzählstränge zusammen. Man sieht hier zum einen, wie so eine Halbwahrheit entsteht. Zum anderen kann man schön verfolgen, wie sie sich verbreitet und in der Verbreitung auch verändert. Und speziell auf Jebsen bezogen sieht man, dass Jebsen nicht einfach irgendwelche kruden Gerüchte aus dem Internet herauszieht, sondern dass er Geschichten aufgreift, die sozusagen bereits funktioniert haben. Im Buch habe ich das so beschrieben: der verschwörungstheoretische Populist hat ein Gespür für sein Populus.  

Solche Figuren provozieren immer auch gesunde journalistische Reaktionen, die Faktenchecker sind Figuren wie Ken Jebsen auf den Fersen. Sie machen aber noch einen ganz anderen interessanten Lösungsvorschlag, um solchen Konstruktionen auf die Spur zu kommen. Sie bringen als Literaturwissenschaftlerin die Möglichkeit eines Fiktions-Checks ins Spiel.  

Ich halte Faktenchecks natürlich nach wie vor für sehr wichtig, ich mache das mit jedem meiner Beispiele. Der Fiktions-Check ist als Ergänzung gemeint, nicht als Ersatz. Zum einen meine ich den Vorschlag, wenn etwas zu rund ist, zu gut zusammenpasst, zu sehr dem entspricht, was ein bestimmtes Publikum hören will, innezuhalten und sich zu fragen: Moment mal, kann das so einfach sein? Zum anderen geht es darum, zu realisieren, dass Halbwahrheiten eben nach einer anderen Logik als dem binären Schema wahr/falsch funktionieren, nach dem sich der Faktencheck richtet. Nämlich eher nach einer Logik, die auf Glaubwürdigkeit aus ist, auf emotionale Ansprache, auf Anschlussfähigkeit, auch auf die Produktion von Aufmerksamkeit. Und diese Logik teilt die Halbwahrheit eben mit Geschichten, mit Anekdoten, und auf die stößt man, wenn man verstehen will, wie Halbwahrheiten funktionieren und warum Leute daran glauben. Und das ist, glaube ich, wichtig, wenn man auch über die Ursachen sprechen will. Denn die Konjunktur der Halbwahrheiten ist - glaube ich - kein reines Diskurs-Problem. Das heißt, letztlich muss man sich dann fragen, was ist das für eine Gesellschaft, was sind das für Strukturen, die den postfaktischen Diskurs produzieren oder zumindest ermöglichen?  

Buchtipp

Nicola Gess:
Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit
Matthes & Seitz