Neues Album von Stofferl Well Mit offener Harfe und offenem Herzen

Eine Harfe, 16 Gäste – und 40 Minuten Wanderung durch den Blues. Das neue Album von Christoph "Stofferl" Well ist eine Reise durch den Quintenzirkel – und bietet auch sonst einige Überraschungen.

Author: Christoph Leibold

Published at: 24-11-2021 | Archiv

Stofferl Well  | Bild: Christoph Well

"Harp", so heißt die Harfe auf Englisch. Eine "Blues Harp" dagegen ist kein Saiteninstrument, sondern eine Mundharmonika. Aber wieso nicht auch mal den Blues zupfen – auf einer großen Konzertharfe? "Open Harp Blues" heißt ein Projekt von Christoph "Stofferl" Well, bekannt geworden durch die Biermösl Blosn, jetzt mit den Well-Brüdern unterwegs, Volksmusikant, Trompeter – und eben Harfinist. Christoph Leibold hat mit Stofferl Well darüber gesprochen, wie die Harfe zum Blues passt, wie man ein gutes Dutzend Musikerinnen und Künstler unter einen Hut bekommt und warum den Blues zu haben auch munter sein kann.

Christoph Leibold: Ganz grundsätzlich: Ist die Harfe eigentlich gar nicht prädestiniert oder sogar ungeeignet für den Blues – und macht genau das den Reiz aus, mit ihr Bluesmusik zu spielen? Oder ist es ist andersherum: Die Harfe taugt optimal auch als Blues Harp, nur dass das bisher noch niemandem so richtig aufgefallen ist außer Ihnen?

Stofferl Well: Es gibt ein paar Harfinisten und Harfinistinnen, die schon lang vor mir Blues auf der Harfe gespielt haben; und moderne Musik, alles Mögliche vom Reggae bis zur House-Musik, und Hausmusik sowieso. Ich bin also nicht der Erste, der darauf kommt, dass er mit der Harfe Blues spielen kann. Aber ich habe mir überlegt, ich würde gern eine Geschichte machen, wo mehrere Leute mitspielen. Und am besten hängt man so eine Sache mit einem durchgehenden Instrument zusammen. Da hat sich die Harfe für mich angeboten. Zudem spiele ich sie einfach gerne.

Die Harfe ist bei Ihrem "Open Harp Blues" das Instrument, das den Takt und den Ton angibt. Man muss sich das Album vorstellen als ein langes Musikstück, bei dem Sie auf der Harfe durchspielen. Und dann kommen für ein, zwei, selten knapp drei Minuten musikalische Gäste dazu und spielen oder singen mit. Konstantin Wecker, Christiane Öttl, aber auch LaBrassBanda, die Toten Hosen, Ihre Wellküren-Schwestern, Georg Ringsgwandl und etliche mehr. Die geben sich die Klinke oder sagen wir besser: den Taktstock in die Hand. Was haben Sie denen als Aufgabe gestellt?

Das Lustige ist, dass ich keinem irgendeine Vorgabe gemacht habe. Das sind alles Leute, mit denen ich in meinem Leben gerne zusammengespielt habe. Und ich wollte schon lange mit Helge Schneider was zusammen machen, mit Ringsgwandl sowieso. Das habe ich auch schon. Das waren praktisch meine musikalischen Weggefährten der letzten 40 Jahre.

Aber ganz offen geht es doch nicht. Irgendeine Aufgabe müssen sie Ihren Gästen doch gestellt haben, eine Arbeitsbeschreibung.

Ich habe bloß beim Georg Ringsgwandl gesagt, er hat die erste Nummer zu spielen. Das ist ja das Lustige: Ich habe keinem gesagt, mach zu dem Thema was oder zu dem Thema. Sondern jeder hat komplett frei irgendwas gemacht, was ihm gerade eingefallen ist. In der Reihung hat es dann aber lustig zusammengepasst.

Zumindest eine Tonart werden Sie vorgegeben haben?

Ich habe die Tonart vorgeben und habe gesagt, zwölf Takte, Blues, und nach einem bestimmten Schema: die Tonika vier Takte, dann zwei Takte Subdominante, dann wieder zwei Takte Tonika, dann vier Takte Dominante, runter, abwärtstufend. Und das Tempo habe ich einigermaßen vorgeben. Das wirklich Schöne ist: Jeder von denen hat mir vertraut, dass ich seine Nummer in einen guten Kontext stelle und sie nicht verhunze oder verwurschtle.

Was ist denn der Kontext? Gibt es eine weiter gefasste Dramaturgie in diesem ungefähr dreiviertelstundenlangen Stück, das immer wieder mutiert und neue Blues-Nummern nach oben spült?

Es geht los mit Debussy und der "Première arabesque". Das war der Einstieg von der Klassik in die Blue Note. Der Debussy hat Gamelan-Musiker in Paris in der Weltausstellung gehört und ist so auf den Blues gekommen. Damit war der Fuß drin in der Klassik. Mit dem geht's los. Das ist ein schönes Harfenstück. Es ist zwar eigentlich ein Klavierstück, diese "Première arabesque", es geht aber sehr gut mit der Harfe zu spielen. Das habe ich gelernt, als ich studiert habe. Und es hört auch wieder damit auf. Es geht los in Es-Dur und hört auf in E-Dur, wieder mit Debussy. Damit haben wir den ganzen Quintenzirkel. Es ist also praktisch das ganze Leben drin. Und der Ringsgwandl singt zufälligerweise: "Er kommt aus einer ganz derhauten ("heruntergekommenen" Anmerkung der Redaktion) Gegend von München." Und Andreas Rebers hört auf mit: "Zum Sterben fahren wir ans Meer." Also von der Geburt bis zum Tod, Alpha bis Omega – wenn man jetzt irgendeinen Überbau braucht.

"Open Harp", das klingt nach offenem Musizieren. Aber es hat noch einen anderen Hintergrund.

Die Idee habe ich vorher schon gehabt, vor sieben Jahren ungefähr. Ich war in Lindau beim Strawanzen und habe dort eine Sendung gesehen über das "Open Heart Emergency-Projekt. Und das hat mich so beeindruckt: die Arbeit, die sie dort machen. Das ist eine Klinik im Sudan, die operieren Kinder aus ganz Afrika am Herzen. Und die Kinder haben meistens den gleichen Herzfehler, den ich gehabt habe. Ich habe ein Loch in der Herzscheidewand gehabt, und daraus hat sich ein Herzklappenfehler entwickelt, das ist mit 14 Jahren bei mir operiert worden. Ich habe den Film gesehen und war beeindruckt von der Initiative. Und dann habe ich mir gedacht: Wenn ich den Blues irgendwann einmal mache, dann – ich mag ja kein Geld dafür – kann man gerne mal was abgeben.

Es ist also eine Benefiz-CD?

Eben. Alle haben für die drei Bemusterungs-CDs und für die Schallplatten, die sie kriegen, umsonst gespielt. 

Man sagt ja auch, jemand hat den Blues, wenn er schlecht drauf ist. Wobei der Blues ja nicht nur traurig ist und voller Blue Notes – gerade auch auf Ihrer CD. Blues kann ja auch wahnsinnig munter sein.

Ja freilich! Ich komme ja von der bayerischen Volksmusik und das spielt natürlich eine Rolle. Ich bin kein Jazzmusiker, und da kommt zwangsläufig auch ein bisschen Gaudi rein.

"Open Harp Blues" von Christoph "Stofferl" Well ist als CD und Download bei Trikont zu haben. Auf Vinyl erscheint das Album Ende November. Als Gäste spielen mit Helge Schneider, Die Toten Hosen, Georg Ringsgwandl, Willy Michl, La Brass Banda, Konstantin Wecker, Gerhard Polt, Herbert Pixner, Andreas Rebers, Barbara Dennerlein, Christiane Öttl, Conny Kreitmeier, Nick Woodland Band, Wellküren, Zither Manä und Alan Bern. Der komplette Verkaufserlös wird an die "Emergency Switzerland Foundation" gespendet.

Das Interview wurde für die kulturWelt vom 24. November 2021 geführt – den Podcast können Sie hier abonnieren.