Neue Serie "Pure" Wenn Nacktheit zwanghaft wird

Wer nervös ist, soll sich sein Gegenüber nackt vorstellen. Ein Rat, der Marnie aus der ZDF-Serie "Pure" nicht weiterhilft. Die Mittzwanzigerin leidet zwanghaft unter Sexvorstellungen. Humorvolle Dramedy, jetzt in der Mediathek.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 26.03.2021 | Archiv

Filmstill: Eine Gruppe junger Leute sitzt nebeneinander in der U-Bahn, in der Mitte die junge Frau und Hauptdarstellerin Marnie | Bild: ZDF / Phil Fisk

Sich andere Menschen nackt vorzustellen, wenn man eine Rede halten muss, ist ein bekannter Kniff, der helfen kann gegen Nervosität. Allerdings nicht im Fall von Marnie, der der Protagonistin der britischen Serie "Pure", die das zwanghaft macht, egal, wo sie ist: in der U-Bahn, auf Partys, im Büro. Ständig zieht sie ihre Mitmenschen gedanklich aus und erlebt dabei obsessive Sexphantasien. Auch als sie am runden Hochzeitstag ihrer Eltern eine Rede halten muss. Marnie hat die Party geplant und steht nun auf der Bühne - vor ihren Eltern, zig geladenen Gästen und erklärt: "Ich wünschte meinen Eltern wären nicht so beliebt, dann wären weniger Leute da. Ich dachte, ich sage ein paar Worte zu Moms und Dads besonderem Hochzeitstag." Blöd, dass sie schon ganz angetüdelt ist. Statt einer anrührenden Rede, charmant, bewegend, geistreich, läuft die Sache aus dem Ruder, weil sie schon wieder von obsessiven Bildern abgelenkt wird: Finger, die sich in offene Münder schieben. Empfangende Arme und Beine. Nackte Körper, aneinandergepresst.

Sexphantasien als Abgründe

Marnie sieht das alles – in ihrem Kopf. Ständig schieben sich diese Bilder vor das eigentliche Geschehen, lassen Marnie sich in ihrer Rede verheddern, die immer peinlicher wird. Was die anderen denken: Diese Mittzwanzigerin hat eben einen im Tee. Was sich in Marnies Kopf abspielt: Sexphantasien, die keine Wünsche sind, sondern Abgründe. Gedanken, die sie nicht haben, Taten, die sie nicht ausführen will. In diesen Vorstellungen taucht auch ihr Umfeld auf – sogar Verwandte. Seit Jahren sind Marnies Beziehungen zu anderen deswegen belastet. Denn natürlich fragt sie sich: Wenn sie diese blitzartigen Gedanken hat… Will sie es nicht vielleicht doch? Ist sie krank? Gestört? Gemeingefährlich?

Die Serie "Pure" wird mit einem Prolog eröffnet, vorgetragen von Marnie selbst: "Hattet ihr schon mal so einen schrägen, beunruhigen Gedanken – also sowas total Unangemessenes oder Schockierendes?", fragt die junge Frau. "Was passiert, wenn man diese Gedanken so oft hat, dass das Selbstbewusstsein echt in Mitleidenschaft gezogen wird und man gar nicht mehr weiß, wer man ist?"Als Zuschauer sind wir die ersten, denen sich Marnie anvertraut, die sehen können, was sie sieht. Diese Bilder von Sex sind nie sexy, eher absurd witzig oder grotesk. Denn sie sind kalt, lieblos und stumpf. Diese "Visionen" reduzieren ihre beste Freundin auf deren Brüste und machen auch vor Tieren nicht halt – sie platzen in die sonst völlig reguläre Bildsprache der Serie hinein, sie sind auch für uns Zuschauende unangenehme Störfaktoren.

Diagnose Zwangstörung

Nach dem Debakel auf der Feier ihrer Eltern flüchtet Marnie aus ihrem kleinen Heimatort in Schottland. Dort hatte sie nie Hilfe gesucht, weil der Arzt mit ihrem Vater golfen geht und weil jeder jeden kennt. Sie landet in der Großstadt London, was Erleichterung bringt, in Form einer Diagnose: Marnie leidet unter einer Zwangsstörung oder auch Zwangserkrankung. Diese Bezeichnungen - Störung? Erkrankung? - spiegeln Marnies Unsicherheit: Wenn sie "krank" ist, wird sie dann auch wieder "gesund"? Welche Gedanken werden von ihrer Erkrankung verursacht, welche nicht?

Wie sie sich zwischen Lappalien und innerem Monster durch den Alltag navigiert, spielt sich leichtfüßig und humorvoll ab, etwa als die sturzbetrunkene Marnie einem neuen Bekannten begegnet und sich erstmal übergeben muss: "Kommst du klar? Soll ich dir vielleicht ein Taxi rufen?", fragt der besorgt. Marnies Antwort: "Nein, ich bin Feministin. Wenn du mir nachläufst, ist es Belästigung. Also lass das bitte.“ – "Ich seh dir bloß nach, bis du um die Ecke bist. Und das ist nicht unheimlich! … Das ist total unheimlich."

Der Millennial-Generation mit Humor auf die Schliche kommen

Dieser Humor speist sich aus der Unsicherheit, die auf viele Millennials zutrifft: sich ständig selbst zu checken, Ansprüchen an Feminismus und Gleichheit gerecht werden zu wollen. Und mitunter an der Praxis zu scheitern. Das erinnert an die Serie "Girls" von Lena Dunham, die mit Drama und Comedy ihrer Generation auf die Schliche kommen wollte. Die Autorin der Buchvorlage von "Pure", Rose Cartwright, sagt, sie wolle zu den ohnehin schon bestehenden Missverständnissen über Zwangsstörungen keine neuen fördern. Hat sie auch nicht. Die Serie "Pure" zeigt in Form einer großartigen Dramedy, dass Krankheiten ein komplexes Gebilde an Symptomen hervorrufen. Dass sie schwierig zu entschlüsseln und schwierig zu heilen sind.

Die gute Nachricht: Niemand ist allein. Wir müssen nur manchmal etwas nach den Anderen suchen.

Die sechs Folgen von "Pure" laufen am 26. März (Freitag) ab 23:40 Uhr als Serienmarathon hintereinander auf ZDFneo. Ab dem 27. März (Samstag, ab 10.00 Uhr) bis zum 23. Mai sind die Folgen in der ZDF-Mediathek abrufbar.