"Gefangen im Netz" Doku über Kindesmissbrauch

"Cyber-Grooming" ist das Anbahnen sexueller Kontakte im Internet. Der tschechische Dokumentarfilm "Caught in the Net" ("Gefangen im Netz") zeigt, wie ältere Männer im Netz auf Minderjährige Jagd machen. Dank der Social Media-Kanäle werden aus notgeilen Spießern gefährliche Triebtäter.

Author: Roderich Fabian

Published at: 23-6-2021 | Archiv

Eine junge Frau sitzt vor einem Computerbildschirm, in einem Zimmer, das aussieht wie ein Kinderzimmer | Bild: Hypermarket Film/Milan Jaroš

Dies ist ein Blick in den Abgrund. Denn wir sehen dabei zu, wie sich ältere Männer im Internet an vermeintlich minderjährige Mädchen heranmachen. Man nennt das Cyber-Grooming. Die Männer wissen nicht, dass ihnen eine Falle gestellt wird, die Mädchen vor der Laptop-Kamera sind umgeben von einem Filmteam. Ungewöhnlich für einen Dokumentarfilm sehen wir "Gefangen im Netz" nicht in Tschechisch mit deutschen Untertiteln, sondern synchronisiert, was beim Zuschauer eine leichte Dissonanz zwischen authentischem Bild und virtuellem Ton erzeugt, aber die Konzentration auf das eigentliche Geschehen vereinfacht.

Grooming-Opfer sind zwölf Jahre alt, na und?

Ursprung des Films war angeblich ein tschechischer Regierungsbeamter, der eher zufällig den Chatverlauf seiner minderjährigen Tochter entdeckte und sie anschließend zur Rede stellte. Das gab den Anstoß für die Finanzierung einer aufwändigen Versuchsanordnung: Das Filmteam hat in einem großen Studio drei Kinderzimmer nachgebaut, von denen aus drei volljährige Schauspielerinnen agieren, die jedoch viel jünger aussehen. Zusammen mit den Teddybären und den Popstar-Postern an der Wand ergab das offenbar eine glaubwürdige Illusion, denn es waren Tausende von Männern, die über verschiedene Social-Media-Chatkanale Kontakt zu den Mädchen aufnahmen. Die Mädchen gaben schon früh ihr Alter an, was aber die meisten Anrufer wenig störte, wie dieser Zusammenschnitt verdeutlicht "Ist das okay? Ich bin zwölf. – Wenn das zwischen uns ein Geheimnis bleibt: Ja, klar – Es stört dich nicht, dass ich zwölf bin? Echt nicht? – Naja, ich versuche, nicht darüber nachzudenken. – Ist kein Problem für dich, dass ich zwölf bin? – Nein, warum sollte das ein Problem sein? Wenn du auf mich stehst und ich auf dich – Ist doch egal. Ich war doch auch mal zwölf".

Stupende Schamlosigkeit

Die Filmemacher und die Schauspielerinnen sind im Lauf der Geschichte selbst überrascht, wie groß das Interesse ist. Und das ist auch das eigentlich Erstaunliche, das Sprachlos-Machende von "Gefangen im Netz": wie rücksichtslos, sorgenfrei und egozentrisch diese Männer Straftaten begehen. Aber genau diese Schamlosigkeit sorgte wohl auch für den Kassen-Erfolg des Films in Tschechien. "Und du zeigst mir auch `was von dir? – Nein, das geht nicht. Tut mir leid. – Warum nicht? – Das kann ich nicht. Ich bin zu schüchtern – Probier’s mal!“

Aber nicht nur dieser Abgrund, den die Filmemacher so dezent wie möglich, aber so drastisch wie nötig bebildern, tut sich auf. Hier wird auch die Erkenntnis verstärkt, dass die fehlende Kontrolle der Neuen Medien anscheinend dabei hilft, dass aus notgeilen Spießern gefährliche Triebtäter werden. Gegen Ende des Films leiten die Mädchen dann auch persönliche Begegnungen mit den Tätern ein. Und spätestens hier wird mal wieder deutlich, welche Abgründe sich hinter biederen Durchschnitts-Fassaden auftun können. Dass die Identitäten der betreffenden Männer der tschechischen Polizei übergeben wurden, versteht sich von selbst.

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