Cancel Culture und freie Rede Entweder auf alle Gefühle achten oder auf keine

Auch in Großbritannien sehen einige die freie Rede bedroht. Die Schriftstellerin Nele Pollatschek hat in Oxford und Cambridge studiert und an den berühmten Debattierclubs teilgenommen. Sieht sie Anzeichen für eine Cancel Culture?

Von: Knut Cordsen

Stand: 23.02.2021

Nele Pollatschek mit England-Tasse. Ihr zuletzt bei Kiepenheuer & Witsch erschienenes Buch "Dear Oxbridge" ist ein Liebesbrief an England. In ihrer Erzählung für das ARD Radiofestival reist sie in den Süden. | Bild: Nele Pollatschek

Jeder, der auch nur mal als Besucher in Oxford gewesen ist, wird die Liebeserklärung sofort unterschreiben können, die Nele Pollatschek ihren Studienorten Oxford und Cambridge in ihrem Buch "Dear Oxbridge" gemacht hat. Sie nahm in dieser Zeit auch teil an Veranstaltungen der "Oxford Union". Das ist einer der berühmten Debattierclubs, dem Theresa May genauso angehörte wie der amtierende Premierminister Boris Johnson. Ihrer altehrwürdigen debating societies rühmen sich die Briten bis heute. In jüngster Zeit allerdings scheint auch die universitäre Debattenkultur auf der Insel Schaden zu nehmen. Darüber sprach kulturWelt-Moderator Knut Cordsen mit Nele Pollatschek.

Knut Cordsen: Einer der Fälle, die zuletzt weit über Oxford hinaus Diskussionen ausgelöst haben, ist jener der Geschichtsprofessorin Selina Todd, die im vergangenen Jahr erst von einem der mittlerweile üblichen sozialmedialen Haberfeldtreiben heimgesucht und infolgedessen von Veranstaltungen ausgeladen wurde, weil sie es gewagt hatte, darauf hinzuweisen, dass die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht eine Frage der persönlichen Entscheidung sind. Selina Todd galt deshalb als "transphob" und manchen als nicht länger satisfaktionsfähig, weshalb man sie von Foren wieder auslud. Ist das für Sie ein Einzelfall oder ein Symptom für mehr?

Nele Pollatschek: Ich finde es schwer, diese Cancel-Culture-Sachen zu beurteilen, weil diese Fälle eine neue mediale Präsenz erhalten. Das heißt, wir sehen heute viel stärker, was passiert. Ich glaube, es gab vor Twitter eine Zeit, in der ganz viel abgesagt wurde und viel getan wurde, was dem entspricht, was wir heute sehen. Wir haben es nur nicht mitbekommen, und ich glaube, das macht einen entscheidenden Unterschied. Man kann nur von Zensur und Cancel Culture reden, wenn man es mitbekommt. Früher beschwerten sich ein paar Leute beim Dean oder bei der Fakultät, wir wollen die und die Meinung nicht hören, was ja passieren kann – aber sie gelangten nicht zwangsläufig an die Öffentlichkeit. Zu Beschwerden kam es früher vielleicht aus anderen Gründen - nicht, weil Transphobie vermutet wurde, sondern weil etwas als antichristlich oder aus irgendwelchen moralischen Gründen abgelehnt wurde. Früher haben sich da ein paar Professoren beschwert, und dann hat die Uni das gecancelt. Heute geschieht das öffentlich. Früher hätte man davon nichts mitbekommen. Das heißt, wir können nicht wissen, ob es heute öfter passiert als früher, weil wir jetzt etwas sehen, was zuvor nicht sichtbar war.

Knut Cordsen: Sie selbst sind 32 Jahre alt und gehören zumindest alterskohortenmäßig zu jener Generation, die sich als besonders achtsam und wachsam oder neudeutsch "woke" versteht. Nun sehen manche die Redefreiheit gerade an Universitäten bedroht durch eine "Woke Culture" oder "Cancel Culture". Das ist immer mühsam, darüber zu reden, denn gerade auf Twitter sind da die Fronten sehr verhärtet: Die einen sagen: Cancel Culture gibt es und sie ist ein Problem; die anderen halten sie für ein Phantasma. Je vehementer ihre Existenz bestritten wird, desto stärker ist bei mir allerdings der Drang, ein so berühmtes wie absurdes Diktum der Oxford-Absolventin Margaret Thatcher abzuwandeln und zu sagen There is no such thing as cancel culture. Wie geht’s Ihnen da?

Also dass es Cancel Culture gar nicht gibt, würde ich ausschließen. Natürlich gibt es Vorfälle, bei denen sich Leute beschweren und dann diskutiert wird, ob etwas abgesagt wird. Solche Bewegungen gab es sicherlich schon immer. Die Frage ist: Hat es zugenommen oder nicht? Das Phänomen gibt es. Natürlich ist es auch so, dass ganz wenig wirklich de facto gecancelt wird. Dieter Nuhr läuft immer noch, Lisa Eckhart hüpft von Talkshow zu Talkshow. Die Leute, die angeblich gecancelt worden sind, existieren ja weiter. Die Frage ist: Gibt es einen Diskurs, der dahinter steht? Wollen wir das oder wollen wir das nicht? Und das ist eine sehr komplexe Frage, bei der man sehr viel abwägen muss.

Knut Cordsen: Einer Untersuchung der britischen Denkfabrik "Civitas" zufolge gehört "Oxbridge", gehören die Elite-Universitäten von Oxford und Cambridge in puncto Redefreiheit zu den "restriktivsten" Hochschulen des Landes. Cambridge hat daraufhin im Dezember eine Leitlinie geändert, wonach Redebeiträge "respektvoll" zu sein hätten. Jetzt heißt es, Redebeiträge sollten "tolerabel" sein, und weiter: "Eine rigorose Debatte ist grundlegend für das Erreichen akademischer Exzellenz." Wenn eigens betont werden muss, dass Debatten eben nicht beendet werden können, z.B. durch den Aufschrei einer der diversen potentiell vulnerablen Gruppen, die es heute gibt, weil man zu wenig Rücksicht auf sie genommen habe, scheint wirklich etwas im Argen zu liegen.

Dem Schluss würde ich so nicht zustimmen. Ich glaube, dass es eine Verschiebung gibt. Ich erinnere mich an eine Geschichte, als ich im Hessischen Rundfunk meine erste Kolumne hatte. Darin hatte ich einen Witz geschrieben, der ging sinngemäß so: Es gibt Bücher, die muss man gar nicht lesen, um genau zu wissen, was drinsteht. Die wenigsten Menschen haben die Bibel wirklich gelesen - und trotzdem weiß jeder, dass Jesus es mit dem Kreuz hatte. Mein Redakteur beim HR, der so wie ich Atheist ist, fand das sehr lustig und mochte den Witz. Am nächsten Tag aber kam er zu mir und sagte: "Ich habe jetzt nochmal drüber nachgedacht. Wenn wir den machen, werden wir sehr viele böse Hörer-Briefe kriegen. Nicht auf Twitter, nicht von irgendwelchen woken Linken, sondern wir werden erboste Briefe kriegen von eher konservativen, eher christlichen, eher älteren Menschen. Lass uns das nicht machen. Wir sind ein öffentlich-rechtlicher Sender, und wir haben irgendwie eine Mehrheit zu bespielen. Warum sollten wir die vergrätzen?" Es wird, glaube ich, traditionell auch in Bayern, im Bayerischen Rundfunk Rücksicht genommen auf die Gefühle von christlichen Menschen. Und zwar schon immer, seit Beginn des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, auch auf die Bedürfnisse von CDU und SPD, also von den Mehrheits-Gruppen. Was sich jetzt verschiebt, ist, dass nicht mehr nur selbstverständlich auf christliche Gefühle Rücksicht genommen wird, sondern das auf die Gefühle von vielleicht nur 0,5 Prozent der Bevölkerung auch Rücksicht genommen wird. Der Unterschied ist: Vor 20 Jahren schon hätte ich den Witz über das Christentum im HR so nicht machen können, aber ich hätte einen ähnlich beleidigenden Witz über den Islam machen können. Heute könnte ich diesen Witz auch über den Islam nicht mehr machen. Nun kann man fragen: Möchten wir auf die Gefühle von Minderheiten Rücksicht nehmen? Ich würde tendenziell sagen: Also entweder auf alle oder auf gar keine Gefühle Rücksicht nehmen. Ich finde Gefühle nicht so wichtig, aber da wir schon immer auf Gefühle Rücksicht nehmen, ist es irgendwie unfair, jetzt zu sagen, die woken oder anderen Minderheiten da dürfen aber keine Empfindlichkeiten haben. Warum denn die nicht?

Knut Cordsen: Für mich ist das mit diesem Witz ein wunderbares Beispiel. Ich gebe Ihnen vollkommen Recht: Es gab sehr lange hauptsächlich Kirchenvertreter, die zumal bei kabarettistischen Sendungen Beschwerden geschickt haben an den Rundfunk. Heute kommen diese Beschwerden aus anderer Richtung, allerdings eben mit dem gleichen Ergebnis, das Sie gerade geschildert haben: dass da bitte solche Witze unterlassen werden sollen, weil sie Gefühle verletzen könnten. Aber so oder so - von welcher Seite auch immer so etwas kommt - ist das doch der ganzen Sache schädlich.

Ja, aber es ist ein Messen mit zweierlei Maß, wenn wir uns jetzt über etwas beschweren, was wir über Jahrzehnte hinweg akzeptiert haben. Man kann sagen, ein Land braucht eine offene Debatte, dann braucht es die überall. Jetzt haben wir aber das folgende Problem. Es geht ja gar nicht immer nur um Canceln, sondern es geht darum, dass Leute in der Redaktion sagen: Ja, den Witz machen wir. Oder: Nee, den Witz machen wir nicht. Wenn in der Redaktion aber einander sehr ähnliche Menschen sitzen, die eher der Mehrheitsgesellschaft angehören, dann werden die bei einem Witz, der auf ihre Kosten ginge, eher sagen: Nee, der Witz geht gar nicht. Weil das ihre Empfindlichkeiten träfe. Sie werden niemals darüber nachdenken, ob ein Witz, der eine totale Minderheit trifft, nicht vielleicht genauso problematisch ist, einfach weil diese Minderheit nicht vertreten ist. Es gibt einen natürlichen Impuls, bestimmte Witze nicht zu machen, weil sie die Mehrheit betreffen, weil in den Redaktionen die Mehrheiten sitzen. Das ist einfach statistisch so, das kann man auch nicht ändern. Selbst wenn man eine Normalverteilung hat, wirst du nicht eine Redaktion haben, in der 50 Prozent schwarze Menschen und 50 Prozent weiße Menschen sitzen. Selbst wenn es keine gläsernen Decken gäbe, wären schwarze Menschen dann immer noch eine Minderheit in Redaktionen. Das heißt, du hast eine Mehrheit, die hat ein gleiches Gefühl dafür, was geht und was nicht geht, was für sie selbstverständlich ist. Darauf wird natürlicherweise ohne eine große Debatte Rücksicht genommen. Alles, was jetzt passiert, ist, dass Leute, die eine totale Minderheit sind, dieselbe Rücksichtnahme einfordern, die die totalen Mehrheiten sowieso kriegen. Natürlich, ich bin Aufklärer und denke, man sollte alles diskutieren. Und wenn ich ganz ehrlich bin - ich bin jüdisch - denke ich manchmal: Wie kann es den überhaupt irgendwelche Verbote geben? Nehmen Sie das Beispiel Holocaust-Leugnung. Da denke auf der einen Seite: Die Hälfte meiner Familie ist in Auschwitz und sonstwo gestorben, und ich möchte natürlich nicht, dass der Holocaust geleugnet wird. Gleichzeitig bin ich Aufklärer und denke: Lasst uns doch alles mal diskutieren. Ich sehe da natürlich den Widerspruch. Aber nur weil ich denke, man sollte alles debattieren, heißt das nicht, dass das jeder so sieht. Ich würde mit einer Radikalfeministin, die sagt, Transfrauen sind keine Frauen, mich genauso unterhalten wie mit einer Transfrau, die sagt, eigentlich sind Transfrauen sogar die einzig wahren Frauen, weil es Menschen sind, die sich auf eine Art bewusst damit identifiziert haben. Ich kann mit allen Leuten reden, aber das ist meine Haltung. Und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und an den Universitäten gibt es schon immer Meinungen, die gezeigt werden, und solche, die nicht gezeigt werden. Und es verschiebt sich, welche Meinungen gezeigt werden. Jetzt können wir sagen: Dann lasst uns alle Meinungen zeigen! Das könnten wir machen, aber das wäre eine Veränderung.

Knut Cordsen: Nun hat der britische Bildungsminister Gavin Williamson vergangene Woche Pläne für ein Gesetz vorgestellt, das zur Eindämmung der von ihm behaupteten Cancel Culture gedacht ist. Williamson ist besorgt über das "nicht hinnehmbare Mundtotmachen und Zensieren" politischer Ansichten an den Hochschulen, deshalb will er die Institution eines Streiters für die Rede- und Meinungsfreiheit schaffen, den sogenannten "Free Speech Champion".  Was halten Sie von dieser Idee?

Also für Oxford und Cambridge kann ich sagen, brauchtʼs das nicht. In der Oxford Union sitzen sowieso nur Free Speech Champions. Da war Alice Weidel eingeladen und dann gab's Proteste. Dann wurde sie abgesagt oder nicht abgesagt, ich weiß es nicht mehr. Und dann kam in der nächsten Woche jemand anderes, der genauso provokant war. Also da ist ein Konflikt, der sowieso stattfindet zwischen Leuten, die sagen, so jemanden wollen wir hier nicht haben, und Leuten, die rufen: Free speech, free speech, free speech! Manchmal setzen sich die einen durch, manchmal die anderen.  Gerade in Oxford und Cambridge gibt es natürlich wahnsinnig viele Leute, die Debatte, Provokation, steile Thesen wollen. Das bedeutet, dass die Verteidigung von Free Speech dem System total inhärent ist. Die meisten sind sowieso für Free Speech. Ob da jetzt ein Free Speech Champion mehr einen Unterschied machen würde? Ich würde schätzen, dass 80 Prozent aller auf dem Campus Vertretenen jeden einladen und alles machen wollen. Und vielleicht 20 Prozent sagen: Um Gottes Willen, das könnt ihr nicht machen, das ist moralisch verwerflich. Die Frage ist immer nur: Wer ist lauter und wer setzt sich durch? Aber ein weiterer Free Speech Champion, der würde keinen Unterschied machen, glaube ich.