Integrationsforscherin Naika Foroutan Was Ostdeutsche und Migrant*innen gemeinsam haben

Haben wirklich alle Erfahrungen und Erinnerungen denselben Rang in der deutschen Gesellschaft? Oder werden bestimmte Gruppen an den Rand gedrängt? Ein Gespräch mit der Integrationsforscherin Naika Foroutan über ihr Buch "Die Gesellschaft der Anderen".

Von: Joana Ortmann

Stand: 06.11.2020 | Archiv

Naika Foroutan bei einem Pressegespräch 2018 | Bild: Paul Zinken/dpa/pc

Naika Foroutan ist Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik in Berlin. Zusammen mit der Journalistin Jana Hensel hat sie das Buch "Die Gesellschaft der Anderen" geschrieben. Darin stellen die Autorinnen die Frage, ob Deutschland sich nicht endlich als plurale Gemeinschaft begreifen müsse.

Joana Ortmann: Ihr Buch geht vom rechtextremen Anschlag in Hanau im Februar 2020 aus. Mit etwas Abstand gefragt: Wie wurde er von der Gesellschaft aufgenommen und verarbeitet? Und wie deuten Sie ihn?

Naika Foroutan: Tatsächlich handelt es sich bei dem Anschlag in Hanau im Grunde genommen um eine Kette von Anschlägen, die schon in den 1990er Jahren begann. Und symptomatisch kann man insofern sagen, dass man an diesem Anschlag auch merkt, dass sich in der Gesellschaft etwas getan hat. Direkt danach gab es ein großes Bekenntnis von oberster politischen Seite, von der Kanzlerin selbst und vom Innenminister, dass Rechtsextremismus eines der größten Probleme für die Gesellschaft heute darstellt und dass Rassismus adressiert werden muss. Daraufhin haben Merkel und Seehofer einen Kabinettsausschuss gegen Rechtsextremismus und Rassismus beschlossen. Das ist schon etwas ganz anderes, das sich hier im Rückblick auf die 1990er Jahre zeigt, als Helmut Kohl noch nicht mal als Bundeskanzler zu den Trauerfeiern in Mölln und Solingen erschienen ist, sondern Außenminister Kinkel hingeschickt hat, weil er sagte, das sei eine außenpolitische Angelegenheit. Also, wir können allein daran erkennen, dass sich die Reflexionsebenen verändert haben.

Dann sind wir ja eigentlich an einem interessanten Punkt, was die politischen Handlungsmöglichkeiten betrifft. Auf welche gesellschaftliche Situation treffen sie?

Wir haben vor wenigen Tagen eine Studie veröffentlicht, in der wir geprüft haben, wie die Platzierung von Ostdeutschen in den Eliten in Deutschland ist. Und da kommen wir auf maximal 10 Prozent, obwohl Ostdeutsche, je nach Erhebung, 20 bis 25 Prozent der Gesellschaft stellen. Dauerhafte Repräsentationslücken führen zur Erosion von Demokratie. Man nimmt die Demokratie nicht mehr ernst, wenn man das Gefühl hat, dass man, egal was man macht, wie viel Leistung man bringt, wie sehr man bildungsmäßig aufsteigt, trotzdem nicht ankommt. Ab dem Moment fängt die Entfremdung an. Und das können sich moderne Demokratien nicht dauerhaft leisten, siehe USA. Wenn der Glaube daran erodiert, dass politische Akteur*innen dafür da sind, das zu justieren, dann entfremdet man sich und es kommt zu Protestkultur auf der Straße usw. Das zeichnen wir auch im Buch nach. Und die Aufforderung lautet, die Ungleichheit klar zu benennen und nicht durch Stereotype zu legitimieren. Also z.B.: Die sind da unten, weil sie nicht wissen, wie die Demokratie funktioniert.

Was Ihre These so besonders macht ist, dass Sie sagen: Die gleiche Beschreibung, die gleichen Annahmen gelten nicht nur für Ostdeutsche, sondern auch für Migrant*innen.

Ja, das Spezifische an dieser Analogie ist, dass man auf diese Weise sehr unterschiedliche soziale Gruppen miteinander vergleichen und hierbei wiederum feststellen kann, dass offensichtlich, wenn zwei Gruppen, die sich so voneinander unterscheiden, ähnliche Stereotype in der Gesellschaft erfahren, dass man vielleicht auch in diesen Vergleich eine dritte Variable mit einbinden kann, nämlich denjenigen, der stereotypisiert. Und diese Perspektive haben wir in den letzten Jahren weitgehend unsichtbar gemacht. Wir haben sehr viel darüber diskutiert, warum Ostdeutsche noch nicht reif seien, um als Gleiche unter Gleichen betrachtet zu werden, oder warum Muslim*innen letztlich dort sind, wo sie sind – und mit dort ist eben unten gemeint. Das ist auch eine sozialpsychologische Entlastung. Damit begründet man auch die eigene hegemoniale Position. Es ist legitim, dass man selbst und die Personen, die einem ähneln, seit Jahrhunderten auf der hierarchischen Ebene weiter oben stehen, weil man ja selber demokratischer, aufgeklärter, toleranter etc. sei als die anderen. Das können wir z.B. auch bei der Legitimierung sehen, warum Männer oben und Frauen weiter unten stehen, in Fragen der Entlohnung, in Fragen der politischen Repräsentation. Das sind Dinge, die erzählen sich über Jahrhunderte und verfestigen sich dann irgendwann im Allgemeinwissen. Und das muss man einfach irgendwann durchbrechen. Man muss irgendwann versuchen, den Blick auf den Hegemon zu lenken. 

Und wer ist der Hegemon? Wer ist die Mehrheitsgesellschaft, die Sie beschreiben? Je nach Perspektive lösen sich ja auch diese Begriffe auf…

Auch der Hegemon ist natürlich keine eindeutig greifbare Figur. Wir sehen das an der kränkenden Debatte, die wir um den sogenannten alten weißen Mann führen. Aber wenn wir in den Sozialwissenschaften Mittelwerte bilden und dann draufschauen und fragen: Wer ist in den Positionen am stabilsten? Wer hat das größte Einkommen und Vermögen? Wer ist in politischer und wirtschaftlicher Funktion am stärksten repräsentiert? Dann sind das nun mal tatsächlich vor allem weiße Männer über 45. Das sagt jetzt natürlich nichts über den Einzelnen aus, aber dieser Mittelwert benennt das, worauf wir schauen müssen. Und so geht das durch das ganze Buch. Wenn wir über Ostdeutsche und Migrant*innen sprechen, wird es immer wieder brüchig. Dann merkt man, dass Jana Hensel sich von mir in eine Ecke gedrängt fühlt aus meiner westdeutschen hegemonialen Perspektive. Und umgekehrt gibt es Momente, wo ich der Meinung bin, dass sie als Deutsche ohne Migrationshintergrund nicht verstehen kann, was hier passiert. Das heißt, es ist keine Opfer-Inszenierung, die dieses Buch betreibt, sondern tatsächlich der Versuch im Dialog zu reflektieren, dass jeder Mensch in Gesellschaften unterschiedliche Positionen einnimmt und die Aufforderung, die eigene Position nochmal in unterschiedlichen Konstellationen zu bedenken. 

Also, das klingt auf jeden Fall komplex, ist aber in Ihrem Buch wirklich gut nachzuvollziehen. 

Das war auch genau das Ziel, denn ich habe aus meiner Perspektive festgestellt, dass es nicht wirklich was bringt, immer wieder Zahlenkolonnen zu präsentieren. Damit kann man niemanden in die Geschichten hinein holen und man kann auch viel weniger klarmachen als mit dem biografischen Versuch, wie wir das in dem Buch gemacht haben. Es ist auch der Versuch, komplexe Angelegenheiten in eine erzählerische Sprache zu bringen, die bei vielen Menschen vielleicht auch Erinnerungen hervorruft oder Ähnlichkeiten oder Widerstand oder zumindest etwas, bei dem man merkt, es gibt Punkte, worüber wir gemeinsam nachdenken könnten.