Glosse Die Sache mit dem Nahweh

Fernweh – das kennen wir alle. Mehr denn je vielleicht, da wir ihm gerade nicht nachgeben können. Wäre es deshalb nicht besser, sich im Nahweh zu üben? Empfiehlt der Münchner Autor Friedrich Ani.

Von: Friedrich Ani

Stand: 04.02.2021 | Archiv

Portrait Friedrich Ani | Bild: picture-alliance/dpa

Fernweh hat fast jeder, aber Nahweh kaum einer. Oder doch? Hunderttausende Menschen, vielleicht sogar noch mehr, sehnen sich danach, bald wieder eine Fernreise antreten zu dürfen, am liebsten mit ihren Nächsten. Aber sind die Nächsten wirklich immer die Nahesten? Gerade während eines Lockdowns erscheint mir die Frage keineswegs absurd. Wovon leben denn die Psychiater und Psychologen alle? Und die Psychiaterinnen und Psychologinnen selbstverständlich ebenso. Gibt es eigentlich divers Geschlechtliche unter den Psychiater*innen? Man wird ganz wirr vor lauter Fernweh.

Endlich raus, endlich weg! Aber nix geht, zefix. Was bleibt einem also übrig, als sich bedingungslos dem Nahweh hinzugeben? Nahweh, nicht: Navi! Ein Navi braucht kein Mensch zurzeit, Nahweh reicht völlig. Oder ist das ein Schmarrn? Wir sind ja da, alle miteinander, naher geht’s überhaupt nicht. Aber: wollen wir das? Und steht etwa in der Bibel: Die Nahsten werden die Nächsten sein? Kein Wort darüber in der SCHRIFT.

Ein Münchner in Berlin: das kann nicht gutgehen

Was mich betrifft, so finde ich Fernweh überschätzt, hinsichtlich der Realisierung. Fernweh ohne Verreisung, das ist schön. Wie Nahweh ohne Nächsten. Ein Traum. Valentin zum Beispiel, Karl Valentin. Eine Zeitlang hatte es den Münchner Komiker und Dichter nach Berlin verschlagen, der Bühnen wegen. Hundertprozentig aber reiste er dorthin ohne jegliches Fernweh. Ein Münchner in Berlin. Bei aller Liebe, so was kann nicht gutgehen. Außerdem ist die Stadt für deutsche Verhältnisse von Bayern ewig weit entfernt. Und eine Entfernung hat den Nachteil, dass sie nicht nah ist. Deswegen ist der Valentin auch wieder zurückgekommen. Weil er München halt lieber näher sein wollte als ferner. Er hat praktisch die Entfernung ent-fernt, wie man einen Apfel ent-kernt, damit dieser ein Apfel ist und nicht bloß ein Kernobst.

Nahweh ist nichts für Jammerlappen

Auch ich verspüre, wenn ich gezwungenermaßen weg sein muss, ziemlich bald das Bedürfnis nach einer Ent-Fernung der Ferne, also nach einer Be-Nahung Münchens. Aber das ist jetzt nebensächlich bzw. nebenmenschlich. Was ich sagen will: Wer ein Fernweh braucht, bittschön! Aber dann nicht zurückkommen und säuseln: Daheim ist‘s halt doch am Schönsten. Nahweh ist nichts für Jammerlappen.

Ein Beitrag aus der Sendung kulturWelt auf Bayern 2 vom 4.2.2021. Den Podcast zur Sendung gibt's hier.