Filmemacher Klaus Lemke gestorben Chef des gezähmten Chaos

Er war einer der Stars des jungen deutschen Films: Klaus Lemke. Nach einem abgebrochenen Studium, angeblich auch bei Martin Heidegger in Freiburg, assistierte er am Theater, bevor er seine ersten Filme drehen konnte. Drei Zutaten brauche ein toller Film: "Einen guten Busen, einen schlechten Regisseur - und kein Drehbuch." Jetzt ist der rebellische Autorenfilmer 81-jährig gestorben.

Von: Maximilian Sippenauer

Stand: 07.07.2022 | Archiv

Klaus Lemke | Bild: Alessandra Schellnegger/Süddeutsche Zeitung Photo

"Sie sehen jetzt mich und fragen sich vielleicht: Was will denn der Wichser da?" Klaus Lemke, lässig in Jeans, mit Sonnenbrille und Schiebermütze, so steht er da im Prolog seines Films "Making Judith!", ein alter Mann zwischen Trümmern, der sich nicht unterkriegen lässt: "Aber ich kann sie auch sehen, denn das ist mein Job. Ich bin Regisseur."

Billiges, ungeschöntes, authentisches Kino

Dieser Regisseur, bis zu seinem Tod ein Sporn im Sitzfleisch des deutschen Films, wurde 1940 geboren. Will man das rund 50 Filme dicke Werk Klaus Lemkes verstehen, dann ist ein Schlüssel dazu vielleicht diese eigentümliche Coolness, die der Regisseur und seine Figuren kultivierte, diese jugendliche Pose, die jeden Zweifel oder Selbsthass in antikonformistischen Trotz verwandelte. Lemke führte mit dieser Pose ein Stilmittel in den deutschen Film ein, das dem bis dahin fremd war. Etwa wenn der Motorrad-Gangster Gerd in "Rocker" von 1972 grundlos einen LKW-Fahrer anpöbelt: "Hey, du guckst. Willst du mich anmachen, oder was?" In der nächsten Szene fährt der LKW Fahrer Gerds Harley zu Schrott.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Rocker 1972 beste Szene (Klaus Lemke) | Bild: Donareiche (via YouTube)

Rocker 1972 beste Szene (Klaus Lemke)

Diese Coolness hatte nichts von der souveränen Lässigkeit eines Humphrey Bogart. Lemkes Figuren waren Maulhelden, abgehalfterte Kiez-Größen, die ihre Rotzigkeit wie Motorradfahrer Lederjacken tragen. Sprich: im Wissen darum, früher oder später auf die Schnauze zu fallen. Gelernt hatte Lemke diese Art zu erzählen im französischen Kino der Nouvelle Vague, bei den Antihelden Godards oder Truffauts. Ein billiges, ungeschöntes, ungemein authentisches Kino, das Lemke in der Form als erster nach Deutschland brachte und das ihn vom politischen Intellektualismus anderer Autorenfilmer wie Alexander Kluge oder Edgar Reitz unterschied. Mit dem Erfolg von "Rocker" fand Lemke Vertrauen zu seiner künstlerischen Handschrift. Er forcierte die Arbeit mit Laiendarstellern, suchte deren alltägliche Probleme und authentische Sprache. Geschichten direkt aus der Nachbarschaft. Etwa wenn in "Amore" eine junge Gemüsehändlerin auf dem Großmarkt den leichtlebigen Tomatenverkäufer zur Rede stellt.

Klaus Lemke, der "König von Schwabing"

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

KLAUS LEMKE filmklassiker "AMORE" (1979) | Bild: deutschfilmberlin (via YouTube)

KLAUS LEMKE filmklassiker "AMORE" (1979)

Lemke machte auch den Dialekt im deutschen Fernsehen salonfähig. Seine Münchner Milieu-Komödien wie "Amore" oder "Arabische Nächte" waren in den späten Siebzigern große Erfolge und Sprungbrett für viele junge Schauspieler. Wolfgang Fierek, Cleo Kretschmer, Iris Berben alle spielten sie in Lemke-Filmen. Der Regisseur dagegen wurde mit dem Erfolg immer mehr wie einer seiner Protagonisten. Zur Szene-Legende "König von Schwabing", die in Bars die Drinks spendierte. Je mehr Geld er für seine Filme bekam, desto mehr wich die künstlerische Passion Filmemachen dem Lifestyle.

"Wir sind dann immer größenwahnsinniger geworden. Das ganze Geld wurde für Koks, für Flüge in der Concorde nach Rio, für Filme in Rio... Bis wir an dieser ganzen Sache alle zugrunde gegangen sind."

Klaus Lemke

Wiedergeburt als Underground-Regisseur

Nach einigen Misserfolgen wurde es Anfang der 90er still um Lemke. Die Karriere vorbei, die Kohle verprasst. Abspann. Doch mit der Jahrtausendwende folgte unerwartet die Wiedergeburt als Underground-Regisseur. Der damals schon 60-jährige ergriff die Möglichkeit, mit den neuen Digitalkameras günstig Filme zu drehen. Es begann die produktivste Phase seiner Karriere. Rund 20 Filme drehte er ab dem Jahr 2000, allesamt mit Laiendarstellern und ohne nennenswertes Budget. Über die Qualität dieser Filme lässt sich streiten, sicher. Entscheidend ist aber gar nicht, welche Filme Lemke machte, sondern wie. Kein aalglattes Storytelling, sondern partisanenhafte Ausfälle, um der Wirklichkeit ein paar Träume zu entreißen.

"Sich von einer Katastrophe zu lösen und in die nächstgrößere sich reinzubegeben, um dann wieder auf die Fresse zu kriegen und weitermachen. Das ist das, was Film ist. Man lernt langsam, sehr viel einzustecken, aber es gibt natürlich auch Küsse im Dunkeln."

Klaus Lemke

Seine Energie war legendär, seine Sets auch: Cleo Kretschmer hat sie einmal als "gezähmtes Chaos" bezeichnet – bei ihr durchaus ein Lob. Wolfgang Fierek verglich ihn mit dem Rattenfänger von Hameln. "Man folgt ihm ganz gern. Er braucht noch nicht mal auf seiner Flöte zu blasen."

Seit Jahrzehnten wohnte Klaus Lemke in einem winzigen Schwabinger Apartment ohne Bad. Jetzt ist er 81-jährig gestorben.