Facebook in der Kritik Der Anfang vom Ende des Internetgiganten?

Duldung von Menschenhandel, Desinformation und Hassrede, Unterdrückung eigener Erkenntnisse, wie schädlich Instagram sich auf Jugendliche auswirke: Die Liste der Vorwürfe gegen den Facebook-Konzern ist lang. Ist Zerschlagen eine Option? Ein Kommentar.

Von: Christian Schiffer

Stand: 06.10.2021

User kritisieren Plattformen wie Facebook dafür, dass sie Posts löschen oder Accounts sperren.  | Bild: Olivier Douliery / AFP

Es war eine Krise in der Krise. Seit Wochen wird der Facebook-Konzern von immer neuen Skandalen erschüttert. Da ist die Rede davon, dass Instagram bei jungen Frauen und Mädchen zu psychischen Problemen führt, Facebook davon wusste – aber nichts unternahm. Dann sorgte das geheime Programm namens XCheck für Empörung. Bei XCheck handelt es sich um eine Art institutionalisierte Zwei Klassen-Gesellschaft. Für Millionen VIP-Nutzer gelten demnach andere Regeln als für Otto-Normal-User. Und dann kamen auch noch Berichte ans Tageslicht, wonach Facebook in manchen Ländern dazu benutzt wird, um Menschhandel zu betreiben.

Und als sei der Konzern nicht schon genug gebeutelt, kam es in der Nacht zum Dienstag auch noch zu einem gewaltigen technischen Panne, während der die Facebook-Plattformen fast sieben Stunden offline waren. Während des Ausfalls trendeten auf Twitter die Hashtags #facebookdown und #whatsappdown. Aber auch #internetshutdown stand hoch im Kurs, vor allem deswegen, weil die Facebook-Panne auch Auswirkungen auf die Netzinfrastruktur insgesamt hatte und so auch bei Telegram, YouTube, Twitter, Netflix, Telekom, Vodafone und O2 Schluckauf verursachte. Das Problem ist nur: Wenn Facebook ausfällt, dann ist #internetshutdown für weite Teile der Welt eine traurige Realität. In vielen Ländern informieren sich die Bürger per WhatsApp über das, was in der Region passiert, Instagram und Facebook sind für das Geschäftsleben unerlässlich. Kurz gesagt: Facebook ist hier genau das, was Mark Zuckerberg immer wollte. Facebook ist das Internet - und das Internet ist Facebook.

To big to control

Hier im Westen ist die Facebookisierung des Netzes noch nicht so weit vorangeschritten, aber auch hier mussten die Menschen ausweichen, waren genervt und manchmal sogar ein wenig hilflos. "Warum nutzt Du denn auch Facebook!?", heißt es dann oft. Das Problem heißt: Netzwerkeffekt. Die Menschen sind nicht auf Facebook oder nutzen WhatsApp, weil diese Plattformen besser sind, als andere Plattformen. Die Menschen sind auf Facebook und nutzen WhatsApp, weil da alle anderen Menschen sind auf Facebook sind und WhatsApp nutzen. Der von Edward Snowden empfohlene Messenger Signal mag zwar genauso gut sein wie WhatsApp, aber es ist recht mühsam mit dem ganzen Familienchat zu einer anderen Messenger-Plattform umzuziehen. Auch deswegen hätten die zuständigen Behörden 2014 niemals zulassen dürfen, dass der Facebook-Konzern WhatsApp übernimmt - und noch mächtiger wird. 

Wir sind abhängig von Internetoligarchen

Im Fall von Facebook war es vermutlich ein kleiner Fehler, vielleicht ein falsches Zeichen in einer Zeile Code, der letztlich zur Infrastrukturapokalypse geführt hat. Aber dieser Fehler hat womöglich auch etwas Gutes bewirkt, denn er hat vielen Menschen drastisch vor Augen geführt, wie sehr unser Online-Leben mittlerweile mit den verschiedenen Facebook-Angeboten verwoben ist. Edward Snowden oder die demokratische Abgeordnete im US-Kongress, Alexandria Ocasio-Cortez, nutzten deswegen den Vorfall, um auf Twitter Facebooks marktbeherrschende Stellung anzuprangern. Man kann nur hoffen, dass jemand zugehört hat.

Der Kommentar von Christian Schiffer lief in der kulturWelt, die Sie hier hören und abonnieren können.