Die Hörspiel-Freidenkerin Ulrike Haage "Für mich als Komponistin ist die Welt Klang"

Am 16. Juni wird die Komponistin, Pianistin und Hörspielmacherin Ulrike Haage mit dem renommierten Günter-Eich-Preis 2022 für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Unter ihrer Regie und Bearbeitung entstanden zahlreiche Produktionen, für den BR war sie außerdem als Musikerin und Autorin von Originalhörspielen tätig. Der mit 10 000 Euro dotierte Günter-Eich-Preis wird an Autoren vergeben, die sich besondere Verdienste um das deutschsprachige Hörspiel erworben haben. Die BR-Hörspiel-Chefdramaturgin, die mit ihr seit vielen Jahren zusammenarbeitet, über die Preisträgerin.

Von: Katarina Agathos

Stand: 15.06.2022 | Archiv

Ulrike Haage | Bild: picture-alliance/dpa

Wenn Ulrike Haage eine Hörspielproduktion oder -Komposition abgeschlossen hat, dann wird gemeinsam gehört. Dafür reist sie aus ihrem Wohnort Berlin nach München – und präsentiert dem Studioteam ihre Musik, oder sie lädt die Redakteur*inenn zum Abhören in ihr eigenes Berliner Studio ein. Immer sind diese Sessions besondere Klangfeste. Ihr unverkennbarer Sound, katapultiert einen vom ersten Ton an mit zugleich größter Offenheit und absoluter Präzision in Räume, von deren Existenz man vorher nichts geahnt hat. Dem gemeinsamen Abhören geht ein Arbeitsprozess voraus, an dessen Beginn ein Suchen und Peilen und schließlich Finden von Stoffen steht. Dabei dauert es zuweilen nur wenige Wochen bis Ulrike Haage nach einer ersten Projektbesprechung textliche und klangliche Skizzen präsentiert.

Mit ihrem schier unermesslichen Ideenreichtum schafft sie es, Klänge, Musik und Stimmen so zu verweben, dass poetisch-akustische Welten von hoher Intensität und Nähe entstehen. Fast immer möchte ich von immersiven Klangerlebnissen sprechen. Dabei konnte ich schon mehrfach fasziniert beobachten, wie situativ Ulrike dabei vorgeht, sich ganz einlässt auf das Text– und Klangmaterial, mit dem sie arbeitet. In einem BR-Interview von 2014 sagt sie: "Als ich ein Hörspiel über die Künstlerin Eva Hesse gemacht habe, die mit Alltagsmaterialien gearbeitet hat, habe ich den Aufbau so konzipiert, wie sie an ihre Kunst herangegangen ist. Ich wollte einen Aufbau, der nicht im Studio stattfindet, der flexibel ist, der mehrere Räume berücksichtigt. Da habe ich mir die alte Abhörstation auf dem Teufelsberg in Berlin ausgesucht, wir haben dafür ein flexibles Aufnahmeequipment zusammengestellt. Der Aufbau ist immer vom Inhalt abhängig."

Zwischen Improvisation und Experiment

Auch bei der Produktion True Stories nach Texten von Sophie Calle, die eine Meisterin im Auflösen der Grenzen zwischen Realität und Fiktion ist, näherte sich Hörspielmacherin Ulrike Haage spielerisch Calles Herangehensweise an: "Für True Stories improvisierten wir mit den Texten von Sophie Calle in meiner Wohnung, auf dem Dach, in den Katakomben einer alten Brauerei, in der Straßenbahn und während einer Autorfahrt quer durch Berlin. Ich hatte die vollkommene Freiheit des Experimentierens und mit Damien Rebgetz, Birte Schnöink und Françoise Cactus ein wunderbares Trio, das diesen Weg spielfreudig mitging."

Ulrike Haage mit Andreas Ammer

Als Ulrike Haage in den 1990er Jahren zum Hörspiel des Bayerischen Rundfunks kam, war sie Pianistin der ersten deutschen Frauenbigband, experimentiert mit elektronischer Musik und war Mitglied der international bekannten Popband Rainbirds, die sie 1989 mit Katharina Franck gegründet hatte: 1994 komponierte sie mit FM Einheit, Schlagwerker bei den Einstürzende Neubauten, die Musik zur Live-Hörspielproduktion Apokalypse live von Andreas Ammer. Die wurde 1995 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet, sie gilt als Meilenstein innerhalb der legendären BR-Pop-Hörspiel-Produktionen der 90er Jahre. Es folgten 1997 die Radio–Space-Opera Odysseus 7, ebenfalls mit FM Einheit und Andreas Ammer und 7 Dances of the holy Ghost.

Die Liebe zum Klavier in allen Formen

Ulrike Haage am Kinderklavier

Immer einer von Ulrike Haages Hauptverbündeten: Der Flügel. Oder auch: Das Kinderklavier. Mit 11 Jahren entdeckte sie, 1957 in Kassel geboren, ihre Liebe zum Klavier und – über die Schallplatten ihres Vaters – zum Jazz. Früh improvisierte und komponierte sie eigene Stücke auf diesem Instrument, absolvierte dann ein Studium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Hamburg. Dort lehrte Haage einige Jahre das Fach Orchesterleitung und Improvisation, wurde dann freischaffende Musikern, Komponistin, Klangkünstlerin. Für ihre Arbeiten wurde sie unter anderem mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden, dem Albert-Mangelsdorff-Preis (Deutscher Jazzpreis), dem Sonderpreis Musik der Nordischen Filmtage und dem Gema-Musikautorinnen- Preis ausgezeichnet.

Am 16.6.2022 erhält sie den von der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig ausgeschriebenen Günter-Eich-Preis, der Autorinnen und Autoren würdigt, die dem Radiogenre Hörspiel ein Oeuvre von inhaltlicher und formaler Kompetenz gewidmet haben: "Ulrike Haage schreibt, inszeniert und komponiert seit vielen Jahren Hörspiele, die das Medium Radio in beeindruckender Weise voranbringen und unsere Hörgewohnheiten immer aufs Neue hinterfragen und produktiv herausfordern“ so Stephan Seeger, Geschäftsführender Vorstand der Medienstiftung: "Haages Werke sind in ihrer Handschrift unverkennbar und bilden in der deutschsprachigen Hörspiellandschaft längst eine eigene Position. Sie erreichen ein großes Publikum, dem die Positionen einer literarischen und künstlerischen Avantgarde sonst verschlossen blieben." Beispielhaft zu nennen sind hier die Hörspiele Bei unserer Lebensweise ist es sehr angenehm, lange im Voraus zu einer Party eingeladen zu werden und Sprache, mein Stern. Hölderlin hören über das Spätwerk des Dichters Friedrich Hölderlin (Autorin: Ruth Johanna Benrath). Stephan Seeger weiter: "Zu Ulrike Haages Schaffen gehört auch in zunehmendem Maße das Medium Film. So lieferte sie die Kompositionen unter anderem für die Dokumentarfilme Zwiebelfische, Meret Oppenheim. Eine Surrealistin auf eigenen Wegen, und Seestück von Volker Koepp, zur 2020 gesendeten Dokumentation Berlin 1945 - Tagebuch einer Großstadt von Volker Heise und für Doris Dörries hochgelobten Spielfilm Grüße aus Fukushima".

"Für mich als Komponistin ist die Welt Klang. Und ich glaube, dass wir sie durch genaues Hinhören und Zuhören selbstbestimmt erfassen können. So sind zum Beispiel Hörspiele in ihrer poetischen und politischen Dimension nicht nur ein eigenes Genre mit eigenen Regeln, die es immer wieder gern zu brechen gilt, sondern auch eine Herausforderung an das selbständige Denken und Handeln“, schreibt Ulrike Haage 2020. Die Zusammenarbeit und der Austausch mit ihr ist seit über zehn Jahren ein kreatives Abenteuer und das größte Vergnügen.