Weibliche US-Mainstreampopstars und ihr politischer Widerstand Ist Taylor Swift die neue Bob Dylan?

Musik verbindet – auch politisch. 2020 stehen Taylor Swift und Musikerinnen wie Lady Gaga, Cardi B, Billie Eilish oder Beyoncé für eine progressive Gesellschaft. Sollten wir überdenken, was ein Protestsong ist?

Von: Katja Engelhardt & Vanessa Schneider

Stand: 29.10.2020 | Archiv

 Die US-amerikanische Sängerin Taylor Swift steht am 19.06.2015 in der Lanxess Arena in Köln auf der Bühne.  | Bild: picture-alliance/dpa

In wenigen Tagen wird es soweit sein. Millionen US-Amerikaner und US-Amerikanerinnen werden darüber abstimmen, wer in den kommenden vier Jahren ihr Präsident sein wird: der demokratische Kandidat Joe Biden oder der amtierende, republikanische US-Präsident Donald Trump. Die Gesellschaft hat sich polarisiert, das lesen und hören wir. Aber zu dieser Gesellschaft gehören auch einige Personen mit immenser Strahlkraft, die auch politisiert worden sind: weibliche Stars des Mainstream Pop. Taylor Swift, Beyoncé, Billie Eilish, Lady Gaga, Cardi B – sie haben Abermillionen Follower. Können sie die Wahl entscheiden? Oder zumindest mit-entscheiden?

Wieso werden diese Stars in der Mehrheit nicht einmal selbst als politisch erkannt? Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir von politischen Musikerinnen immer noch eine ganz klassische Kommunikation erwarten. Sie sollen ihre Meinung in Interviews kundtun, sich mit Politikern auf Bühnen stellen und am besten einen Protestsong machen, einen politischen Song. Oder eben gerade nicht. Wir haben mit drei Personen gesprochen, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Politik, Pop und Protest auskennen und haben uns mit ihnen dem genähert, was ein Protestsong war, was er ist und was er sein kann.

Thomas Waldherr, Musikjournalist, Experte für Folk, Amerikana und Country

Thomas Waldherr: Erstmal ist die Frage: Was ist politisch? Auch Musik, die keine politische Botschaft hat und sich nicht politisch einmischen will, kann politisch sein, weil sie es zum Beispiel herrschende Verhältnisse schützt. "Du hast mich tausendmal belogen…" Der Text manifestiert doch die herkömmlichen Geschlechterverhältnisse. Man findet sich damit ab. Der Mann geht fremd. Und trotzdem hält seine Frau zu ihm. Das Thema finden wir im deutschen Schlager, auch in der Country-Musik – "Stand by your man".

Musik ist per se immer politisch, auch wenn sie vorgibt, nicht politisch zu sein. Die politische Botschaft, das ist etwas anderes. "Ein ehrenwertes Haus" von Udo Jürgens ist ein Protestsong. Der richtet sich gegen gesellschaftliche Widersprüche, wie Leute leben sollen und wie man ihnen Vorschriften machen will. Protestmusik ist viel breiter als die klassische Protest-Folk-Musik mit Gitarre und dem einsamen Sänger, es kann auch bis hin ins Schlagerhafte gehen. 

KulturBühne: Sind bestimmte Jahrzehnte politischer gewesen als andere? 

Man muss natürlich sagen, dass die Sechziger und Siebziger eine bislang unerreichte Blütezeit der gesellschaftskritischen Musik gewesen sind, weil sich da sozusagen die Gesellschaft transformiert hat. Dann sind Protestsongs, ist gesellschaftskritische Musik, natürlich auf ihrer Höhe. Da kann sie sich entfalten, dann wird sie auch teilweise wirklich Mainstream.

Wenn natürlich diese Transformationen durch sind oder sich ein Rollback ankündigt, wie in der Reagan-Ära in den USA, dann wird die Musik im Mainstream auch unpolitischer, dann ist es für Protest schwieriger reinzukommen. Man wird feststellen können, dass wir heute eine weitaus politisiertere Musikszene haben als in vielen Jahren vorher. Da hat sich unheimlich viel getan, weil die gesellschaftlichen Widersprüche immer offensichtlicher zutage treten: die Ungerechtigkeit sozialer Art, der Rassismus, die Klimaveränderung. Die Spaltung durch Trump ist natürlich gegenwärtig.

Ganz grundlegend: Können credible Protestsongs nur von denen kommen, die Betroffene sind oder auch von anderen, die bestehende Verhältnisse kritisieren, ohne dass sie davon einen Nachteil haben?

Beides geht. Bob Dylan war ein klassischer Mittelschicht-Junge. Der kannte zwar die sozialen Verhältnisse, ist in einem Bergarbeiterort aufgewachsen. Aber er hat nicht unter sozialer Ungerechtigkeit gelitten. Er hat auch nicht unter Rassismus gelitten. Er konnte sich reinfühlen und er fand die Worte. Das ist seine lyrische Leistung als Poet, so zu formulieren, dass andere sich ergriffen fühlen und das Thema plötzlich anderen wichtig ist.

Aber es gibt auch die andere Seite. Sängerinnen wie Florence Reece oder Aunt Molly Jackson, die haben aus ganz unmittelbarer Betroffenheit gehandelt. Florence Reece’s Mann ist von den Ordnungskräften innerhalb des Streiks schwer zusammengeschlagen worden. Und sie hat als Reaktion darauf "Which Side Are You On" geschrieben. Nehmen Sie heutige soziale Bewegungen, die Protestsongs, die sich dann über YouTube zum Beispiel verbreiten. Das sind Betroffene aus dem Gesundheitswesen, betroffene Lehrer, Arbeiter von General Motors. Da kann man unheimlich viele interessante Sachen auf YouTube finden, wer da durch diese Technik, die es allen ermöglicht, auch Protestsongs verbreiten kann. Und dementsprechend ist es noch mehr denn je, glaube ich, auch eine Graswurzel-Bewegung.

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Fiona Apple Debuts Anti-Trump Song 'Tiny Hands' in Honor of Women's March | Billboard News | Bild: Billboard News (via YouTube)

Fiona Apple Debuts Anti-Trump Song 'Tiny Hands' in Honor of Women's March | Billboard News

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So eine Graswurzelbewegung haben wir 2017 gesehen. Mit dem Women’s March am Tag nach Donald Trumps Amtsantritt im Januar 2017. Hier marschieren vor allem Frauen in verschiedenen Städten der USA gegen Donald Trumps Politik, auch Connie Lim, eine chinesisch-stämmige Singer-Songwriterin aus L.A. - mittlerweile besser bekannt als MILCK. Sie plant Chor-Flashmobs, mit ihrem Song "Quiet" über ihre eigenen Missbrauchserfahrungen. Später wird ihre Musik im Fernsehserien gespielt werden. Aber das ahnt sie noch nicht, als sie vor den Demonstrationen Chöre aus Washington DC rekrutiert, ihnen eine Aufnahme des Songs und die Notenblätter dazu schickt.

Ein Video von der Chor-Performance landet bei Twitter, unter dem Hashtag #Icantkeepquiet. Innerhalb von wenigen Stunden teilen Stars wie Emma Watson und die Sängerin Hayley Williams von Paramore den Tweet. "Quiet" von MILCK geht viral und wird zur Hymne des Women’s March - ganz ähnlich wie unzählige Protestlieder aus den 1950er- und 60er-Jahren.

MILCK, Singer-Songwriterin aus L.A., ging mit ihrem Protestsong viral

Milck: Als Trump gewählt wurde, hatte ich diese sanfte, aber intensive Wut in mir. Dass ein Mann gewählt wird, der so vulgär über Frauen spricht – das ist allen Frauen gegenüber respektlos. Als ich vom Women's March gehört habe, wollte ich direkt dabei sein. Ich habe mir sofort ein Ticket nach Washington D.C. gekauft.

KulturBühne: Ihr seid dann losgezogen, mitten im Januar, du und der Chor. Es muss irre kalt gewesen sein. Und ihr habt da auf der Straße gesungen. Wie haben Vorbeigehende reagiert?

Als wir auf der Straße gesungen haben, sind die Leute sofort stehen geblieben. Haben ihre Handys rausgeholt. Und geweint. Ich schreibe halt auch sehr emotionale Musik. Nachdem wir gesungen hatten, haben sie sich bedankt, alle haben sich umarmt und ausgetauscht. Dann sind wir weiter, zum nächsten Platz. Wir haben das insgesamt sieben Mal gemacht. Und als der Songs dann viral gegangen ist, das war so wunderschön und stark. Er ging ja nicht viral, weil es trendy war oder witzig, sondern weil er wahrhaftig ist. Das ist ein großes Geschenk.

Glaubst du der Song wirkt auf eine besondere Art, weil er von einem Chor gesungen wird?

Symbolisch gesprochen, gehört zum gemeinsamen Singen auch Vertrauen: Dass ich einen Ton singe und den – wenn die andere Person einstimmt – auch halte. Aber ich muss auch die anderen klingen lassen. Darüber entsteht eine Harmonie. Ich denke aktuell oft daran, dass den USA große Wahlen bevorstehen. Da muss ich auch an meine Stimme glauben. Und darauf vertrauen, dass andere das tun, was für sie richtig ist. Auch daraus entsteht Harmonie. Diese Wahl ist sehr aufgeladen, deswegen wird es wichtig sein, dass wir uns darauf konzentrieren, woran wir wirklich glauben.

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MILCK - Quiet (Feat. The #ICANTKEEPQUIET Choir) #WomensMarch | Bild: MILCK (via YouTube)

MILCK - Quiet (Feat. The #ICANTKEEPQUIET Choir) #WomensMarch

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Lieder wie "Quiet" sind für soziale und politische Bewegungen wichtig: Denn Musik bewegt uns. Im wahrsten Sinne des Wortes. Musik verbindet uns mit anderen: Dem Körper der Sängerinnen, weil wir mitsingen, ihre Stimme in uns aufnehmen und unsere Körper davon bewegen lassen. Im Chor singen Fans bei Konzerten und fühlen sich dabei als Einheit – ein Effekt, der auch politisch sein kann – selbst wenn das Stück an sich gar keine explizit politischen Lyrics hat: Bei Protestbewegungen auf der Straße, wo die unterschiedlichsten Menschen zusammen für eine Sache eintreten.

Bei diesen Women Marches sind nicht nur private Personen beteiligt. Auf der Mall, dem großen langen Grünstrich vor dem Capitol im Zentrum von Washington DC, denkt Madonna an diesem Tag auf einer Bühne stehend in ihrer Rede laut darüber nach, das Weiße Haus zu sprengen. An diesem 21. Januar 2017 gehen viele Musikerinnen – darunter Stars wie Katy Perry, Madonna, Rihanna und Cher beim Women’s March auf die Straße – Arm in Arm mit bis zu fünf Millionen Menschen in mehreren amerikanischen Städten. Um zu protestieren: gegen die frauenfeindliche Politik, Diskriminierung von Minderheiten, gegen Rassismus und Sexismus.

Wehren sich weibliche Mainstreamstars noch immer gegen regressive Politik? Ja, verfolgt man sie auf Twitter, rezipiert man ihre Interviews, abonniert man sie auf instagram. Wieso gilt Mainstream-Pop dann immer noch nicht für alle als politisch?

Robin, Philosophin und kritische Popmusik-Forscherin

Robin James: Es gibt den feministischen Ausdruck: Das Private ist politisch. Ich würde deswegen sagen, dass ein Song wie "WAP" von Cardi B und Meghan The Stallion genauso politisch ist, wie Songs von Kendrick Lamar es sind, der für seine politischen Songs viel positive Kritik bekommt. Dabei geht es in "WAP" um das sexuelle Vergnügen von Frauen, schwarzen Frauen. Angela Y. Davis hat ein Buch veröffentlicht: "Blues Legacies and Black Feminism". In dem beschreibt sie, wie damals, zu den Anfängen von Blues-Aufnahmen afro-amerikanische Menschen stark unterdrückt worden sind. Es gab nur wenige Bereiche, in denen sie selbstbestimmt waren. Sexualität gehörte dazu. In der afroamerikanischen Tradition ist es also politisch, Sexualität und sexuelles Vergnügen zu thematisieren. Es ist eine Ausübung der persönlichen Freiheit.

KulturBühne: Wenn Mainstream-Popmusik aktuell doch durchaus politisch ist, würden Sie denen entgegnen die sich fragen, wo die Protestsongs von 2020 sind?

Es kommt darauf an, was man sucht. Wenn man an die 1960er denkt, dann will man wahrscheinlich einen Song, in dem die Beendigung von Kriegen besungen wird oder davon, dass Diskriminierung aufhören muss. Heute dagegen passiert der Protest eher als eine Form von Überschneidung von den Popsongs und Protest. Viele Demonstrationsgesänge bedienen sich bei HipHop-Songs. Für ein anderes Beispiel möchte ich wieder "WAP" heranziehen.

Ich unterrichte in Charlotte in North Carolina. Hier gibt es eine der größten Abtreibungskliniken im Süden. Und jede Woche protestieren hier diejenigen, die gegen Abtreibungen sind. Letzten Sommer habe ich gesehen, wie eine Aktivistin die Lyrics von "WAP" von ihrem Smartphone vorgelesen hat – vor dem laut protestierenden Priester. In diesem Song geht es um Frauen, die selbstbestimmt Spaß an Sex haben. Die positive Darstellung von weiblicher Sexualität ist ohnehin ein politisches Thema. Die Aktivistin Andrienne Maree Brown hat das Buch "Pleasure Activism: The Politics of Feeling Good" geschrieben. In dem es darum geht, dass es auch schon ein Akt des Widerspruchs ist, wenn unterdrückte Gruppen Spaß haben, der ihnen von der Außenwelt nicht zugestanden wird. Ich glaube, einige finden deswegen in der Gegenwart keine Protestsongs, weil sie nach dem falschen Aspekt suchen, gegen den protestiert wird.

Was ist dann mit Stars wie Taylor Swift? Auf Twitter zum Beispiel äußert sie sich sehr deutlich gegen Donald Trump.

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Taylor Swift 15.08.2020 | 19:20 Uhr Trump’s calculated dismantling of USPS proves one thing clearly: He is WELL AWARE that we do not want him as our president. He’s chosen to blatantly cheat and put millions of Americans’ lives at risk in an effort to hold on to power.

In ihren Songs muss man danach aber suchen. "Miss Americana and the Heartbreak Prince" hat solche Hinweise parat. Aber die hören wahrscheinlich nur Fans, die so krude Anspielungen deuten können – und wollen.

Robin James: Diese Technik ist auch schon älter. Als die Aufzeichnung von Musik begann, haben das einige Musiker gemacht. Aber wegen des Rassismus, der vorherrschte. Deswegen haben sie auf verschiedenen Ebenen getextet, die man nur dann alle verstanden hat, wenn man genug wusste. Heutzutage wird das unter anderem gemacht, wenn Inhalte so ein bisschen unter dem Radar sein sollen. Das zeugt von gutem Geschäftssinn. Weil das die Bindung zu den Fans stärkt, die dann auf Social Media gemeinsam die Texte decodieren. Das bedeutet auch, dass einige – sagen wir mal die Top 40 der Mainstream-Popmusik – großes Potential haben, Menschen zusammenzubringen, weil die sich auf eine besondere Art nahe fühlen.

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Cardi B - WAP feat. Megan Thee Stallion [Official Lyric Video] | Bild: Cardi B (via YouTube)

Cardi B - WAP feat. Megan Thee Stallion [Official Lyric Video]

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Was das von Robin James erwähnte politische Potential von Fans angeht und wie erfolgreiche Mainstrem-Popmusikerinnen Social Media sozusagen als Outsourcing Programm für politisch klarere Ansagen nutzen – das hören Sie im Zündfunk Generator "Pink Resistance, wie Donald Trump den Mainstream Pop politisierte".