"Plague Raves" auf Sansibar Feiern auf der "coronafreien" Insel?

Sansibar lockt Partytouristen mit dem Märchen vom Urlaub ohne Corona. Unter anderem findert dort gerade ein Techno-Festival mit namhaften DJs statt – obwohl die Lage längst mehr als ernst ist. Es gibt Gerüchte, dass auch Tansanis Präsident John Magufuli an Corona gestorben ist. Bedeutet sein Tod das Ende von solchen Plague Raves auf Sansibar?

Von: Quentin Lichtblau

Stand: 18.03.2021 | Archiv

"Musiqtrip" wirbt für mit solchen Bildern für ein Techno-Festival auf Sansibar | Bild: Screenshot/Youtube "DON RAMON - MUSIQTRIP ZANZIBAR"

Das Versprechen klingt zu schön, um wahr zu sein. Eine abgelegene Insel, nächtelange Raves unter hunderten Menschen am Strand, und das beste: Kein Corona, keine Hygienevorschriften, nur Liebe! All das verspricht das Schweizer Reiseunternehmen Musiqtrip. Auf der Insel Sansibar hielt dieser Veranstalter zehn Tage lang ein Techno-Festival ab, mit Partys auf einer Sandbank und Tanz in den Sonnenuntergang, alles mit "voller Freiheit" und "ohne Maskenpflicht".

Das Line-Up ist namhaft: Mit Ricardo Villalobos ist einer der bekanntesten DJs der Techno- und House-Szene gebucht. Ein Mastermind der Genres, sowohl klanglich als auch rhetorisch so etwas wie ein Techno-Intellektueller, der seine Kunst neben dem Exzess auch als politischen, gemeinschaftlich-utopischen Akt verstanden wissen will, in dem Klassenunterschiede, Rassismus und Diskriminierung wenigstens einen Moment lang Pause haben. Dieses Verständnis ist es eigentlich, was ihn bisher trotz seiner Bekanntheit und riesiger Gigs doch noch mit Glaubwürdigkeit ausgestattet hat. Ein Mensch mit Prinzipien, der trotz der zunehmenden Ökonomisierung elektronischer Musik seinen Anstand und die politischen Wurzeln der Genres House und Techno stets im Gedächtnis trägt. 

Das Virus wegbeten 

Genau diese Prinzipien scheinen aber gerade ins Gegenteil verkehrt. Denn natürlich gibt es das Coronavirus auch auf Sansibar, das zu Tansania gehört. Dessen (gerade - gerüchteweise an Corona - verstorbener) Präsident John Magufuli hatte vergangenen Mai einfach aufgehört, die Fälle zu zählen und im Juni verkündet, das "Gottes Macht" nach einem dreitägigen nationalen Gebet das Virus "aus Tansania entfernt" habe. Diesen kompletten Irrsinn nutzen Fluggesellschaften wie Lufthansa aus, um wohlhabenden Menschen der nördlichen Hemisphäre das Märchen von der coronafreien Insel zu verkaufen, auf der wundersamerweise ein Urlaub ohne Einschränkungen möglich ist.  

Mit solchen Bildern wirbt "Musiqtrip" für ein Techno-Festival auf Sansibar ab dem 5. März 2021.

In Wirklichkeit steigen die Zahlen auch in Tansania und Sansibar, auch die Infektionen mit der neuen südafrikanischen Variante. Krankenhäuser müssen aus Mangel an Sauerstoffflaschen Patienten abweisen und die umliegenden Länder haben ihre Grenzkontrollen verstärkt, die Ignoranz der Regierung von Tansania droht mittlerweile den ganzen afrikanischen Kontinent zu gefährden.

Nachdem neben anderen ranghohen Repräsentanten auch noch der Vize-Präsident von Sansibar am Virus verstarb, blieb auch Präsident Magufuli nichts anderes übrig, als eine kleine Kehrtwende anzudeuten, und seine Bevölkerung zumindest zum Tragen von Masken aufzufordern. Ob das allein gegen Touristen aus aller Welt hilft, die sich auf den Strand-Partys dicht gedrängt aneinander reiben – unwahrscheinlich. Und als ob es nicht schlimm genug wäre, dass diese mit ihrem Hedonismus das instabile Gesundheitssystem eines Entwicklungslandes massiv unter Druck setzen, tragen sie mit ihrem munteren Virenaustausch natürlich auch sämtliche neue Varianten zurück in ihre Heimatländer.

"Plague Raves": Verrat an den Werten der Techno-Kultur 

Völlig zurecht geraten die Veranstalter des Techno-Festivals nun in sozialen Medien unter Druck. Der Account "Businessteshno" machte Musiqtrip und Ricardo Villalobos auf seinem Profil in einem offenen Brief schwere Vorwürfe. Die Naivität gegenüber den Zuständen auf Sansibar sowie die Achtlosigkeit gegenüber der mehrheitlich schwarzen Lokalbevölkerung,  sei ein Verrat und Ausverkauf an den Werten und schwarzen Wurzeln der Techno-Kultur. "Businessteshno" hatte bereits seit vergangenem Sommer unter dem Begriff "Plague Rave" Fotos und Videos von DJs wie Solomun, Amelie Lens, Luciano oder Dixon gesammelt, die Gigs vor hunderten Leuten in Mexiko, Indien oder eben Tansania gespielt hatten. Meist standen sie dabei  vor Horden von Touristen, die sich ihren kollektiven Exzess offenbar nicht von einer Pandemie nehmen lassen wollten und dafür gerne bereit waren, hohe Eintrittspreise zu zahlen. 

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Business Teshno Luciano February 2021 Zanzibar (Tanzania) https://t.co/ZTyN29UGzG

Luciano
February 2021
Zanzibar (Tanzania) https://t.co/ZTyN29UGzG | Bild: businessteshno (via Twitter)

Das Posten der Fotos und Videos durch "Businessteshno" hatte bisher einen investigativen Aufdecker-Touch, die Gigs tauchten in den öffentlichen Event-Kalendern der DJs  kaum auf und fanden damit eher im Geheimen statt. Gleichzeitig war man im Sommer 2020 noch weit entfernt von der heutigen zweiten Welle, was die Party-Risikobereitschaft der DJs zumindest im Ansatz verständlich machte. Und möglicherweise hatte ja der ein oder andere von ihnen tatsächlich zu große finanzielle Engpässe, um derlei Gig-Anfragen auszuschlagen. Viele bekannte DJs , die seit Monaten auf ihre Gigs verzichteten, hatten und haben für die Spielfreude ihrer Kollegen aber dennoch wenig Verständnis, gerade im Fall Szenegrößen, deren finanzielle Nöte sich in Grenzen halten dürften: "Zu sehen, wie diese etablierten DJs mit genug Geld auf dem Konto während einer Pandemie bei diesen großen Raves auflegen, ist einfach nur widerlich", sagte etwa das irische Producer-Duo Bicep in einem Interview.  

Besser als "faul auf der Couch" 

Mittlerweile scheint die Schamgrenze noch wesentlich tiefer zu hängen, der sorglose Umgang mit Pandemie-Gigs wird geradezu als rebellische Lust auf Freiheit verkauft. Der Berliner Producer und DJ Dirty Doering meldete sich kürzlich in einem Tagesspiegel-Interview aus seinem Sansibar-Daueraufenthalt, wo er nun regelmäßig auflegt – einfach, weil er keine Lust mehr gehabt habe, in Deutschland "faul auf der Couch" herumzuliegen. Bedenken habe er dabei keine, die Einwohner der Insel seien schließlich "so jung, dass viele wahrscheinlich gar nicht merken, wenn sie Corona haben." Und selbst wenn, könnten sie sich einen Test auch gar nicht leisten, die seien mit 120 Dollar nämlich viel zu teuer. 

Auch Ricardo Villalobos' Instagram-Profil wirbt offen für die Musiqtrip-Reise. Direkt neben einem Promo-Post für die Veranstaltung findet sich ein Foto von ihm, darauf trägt er ein T-Shirt mit der Aufschrift "Everything is connected in life, the point is to know it and to understand." Seltsam, dass dabei für ihn offenbar ausgerechnet Sansibar und das Coronavirus eine Ausnahme sein sollen.