Neues Maxi Pongratz Album "Meine Ängste" Von Kleinanzeigen-Schandtaten und dem Lebenserwartungsblues

Er kann sich nicht erinnern, dass ihn irgendwer gefragt hätte, ob er gern geboren werden täte, singt Maxi Pongratz auf seinem neuen Solo-Album. Mit "Mein Ängste" vertont der einstige Kofelgschroa-Frontmann existenzielle und alltägliche Nöte.

Von: Christoph Leibold

Stand: 19.05.2022 | Archiv

Maxi Pongratz | Bild: Gerald von Foris

"Früher als Kind weud i meu Jesus wean
wollt blutverschmiert vor 5.000 Leut nackad sterbn
am End hätt i g'schrien: es ist vollbracht
und hätt den letzten Schnaufer gemacht."

Was man halt so macht, wenn man in O'gau aufwächst

Maxi Pongratz kommt aus Oberammergau und, ach ja, richtig, da war doch was…!? "Ja, wir haben uns wirklich im Pausenhof ausgegeißelt und gekreuzigt", erinnert er sich. "Wir waren so eine Kinderbewegung, wir haben alles nachgemacht wie die Großen. Wir waren richtig passionsfanatisch." Was man halt so macht, wenn man im berühmtesten Passionsspielort der Welt aufwächst. Maxi Pongratz hat aber auch schon im echten Passionsspiel mitgewirkt – zuletzt, 2010, als einer der Brüder Jesu. Diesmal ist es sich zeitlich leider nicht ausgegangen.

Instagram-Vorschau - es werden keine Daten von Instagram geladen.

maxi__pongratz

Instagram-Beitrag von maxi__pongratz | Bild: maxi__pongratz (via Instagram)

"Es ist ein leichter Schmerz dabei, aber irgendwie wäre halb dabei sein auch falsch gewesen." Zumal sich Maxi Pongratz voll und ganz seinem zweiten Soloalbum samt Konzertauftritten widmen wollte. Das fast schon bis zur Ketzerei ironische Passionslied ist nicht drauf auf der neuen Platte, das hat Pongratz nur auf Instagram gestellt, so wie auch das Video zum Titelsong des neuen Albums: "Meine Ängste": "Für die, lüg' i mi in Woid. Oder sog einfach nix und hoits aus. Du passt auf, dass i mi net verredt. Dass mir nix passiert aber a nix weiter geht…", heißt es darin. "Wenn man jetzt 'Meine Ängste' hört in Zeiten von Krieg, dann wird's mir gleich ganz anders." Ihm gehe es aber in dem Lied um eine ganz andere Angst. "Um das Besingen von einem persönlichen Begleiter, was man gar nicht so richtig abstellen kann, sondern was einfach da ist."

"Das war wie so eine Schandtat"

Nicht nur das Titellied, auch viele andere Nummern des neuen Albums handeln von großen und kleinen Ängsten, von existenziellen und alltäglichen Nöten – wobei da oft gar kein Unterschied besteht. Musik zu machen zum Beispiel, öffentlich, vor anderen Menschen, ist und bleibt für Pongratz angstbesetzt. "Ich hab' immer noch Lampenfieber, immer. Ich habe gedacht, das stellt sich Mal ein, wenn ich professionell bin, aber das ist nicht so." Zugleich ist das Musizieren für ihn aber auch die Methode der Wahl, die eigenen Ängste in Schach zu halten. Das Video zum Song zeigt Maxi Pongratz, wie er ein altes Harmonium durch ein novembergraues München schiebt, wie er es dann vor den Toren der Stadt über Feldwege zerrt und zuletzt auf einem Acker anzündet.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Maxi Pongratz - Ängste (Official Video) | Bild: Maxi Pongratz (via YouTube)

Maxi Pongratz - Ängste (Official Video)

Das schrottreife Instrument für den Dreh zu besorgen, glich auch einer Mutprobe: "Ich habe auf Ebay-Kleinanzeigen zwei Mal 40 eingegeben. Einmal für Kilometer und einmal für Euro und bin dann bei Landsberg am Lech gelandet." Bei einer Frau, die sich um den Nachlass der Schwiegermutter gekümmert hat. "Dann wollte die Frau natürlich hören, dass ich das richte und dass ich das spiele. Und ich habe sie einfach in dem Glauben gelassen ganz kaltherzig und bin dann mit dem Harmonium weg. Das war wie so eine Schandtat. Wie wann man etwas Schlimmes gemacht hätte, so ist man nachher heim gefahren, wie wenn man etwas geklaut hätte."

"Kann mich gar nicht erinnern, dass mich irgendwer gefragt hat, ob ich gern geboren werden tät"

Ängste können ausbremsen, aber auch Motor sein. Die Musik von Maxi Pongratz, dessen Hauptinstrument ein Akkordeon mit regenbogenbunt gefächertem Balg ist, hat oft etwas gleichermaßen Getriebenes wie Vorantreibendes. Regelmäßig entwickeln die Stücke einen Sog, in dem man sich verlieren und vergessen kann, und damit auch all das, was auf einem lastet. "Ich spiele ja auch alleine und wenn ich für mich spiele, spiele ich alles immer viel länger. Aber im Studio hat man immer die Angst, dass es fad wird."

Aber selbst in den vergleichsweise kurzen Album-Versionen gleichen die Lieder und Instrumentals nicht selten dahinrauschenden Flüssen, die mitreißen und in denen sich, da wo Text mit ins Spiel kommt, immer wieder Strudel bilden wie beim "Lebenserwartungsblues": "Ich bin geboren. Und ich kann mich gar nicht erinnern, dass mich irgendwer gefragt hat, ob ich gern geboren werden tät. Ob man das grammatikalisch so sagen kann, kann sein. Aber ich glaube, dass man es trotzdem versteht…."

Sinnierend, verspult, schön, traurig

Maxi Pongratz versucht die Fragen ans Leben, die ihn umtreiben, textlich einzukreisen. Auf der Suche nach Antworten gerät er ins Schleudern, weil sich viele Dinge nun mal nicht auf den Punkt bringen lassen. Aber auch das schafft eine gewisse Klarheit, weil jedes Ding damit zumindest von allen erdenklichen Seiten betrachtet wird. Er sei halt ein bisschen verspult, sagt Pongratz selbst dazu. Dem ist nicht zu widersprechen. Unbedingt hinzuzufügen ist aber, dass das die absolute Stärke seiner Musik ausmacht, die er selbst übrigens als, ja was eigentlich beschreibt?

"Ich schreib' oft gern Fffffolk, nicht mit V, sondern mit F. Und mei, ja, melancholische Volksmusik oder sinnierenden Folk… ich weiß nicht. Oder was würdest denn Du sagen?" Sinnierend, passt doch super! "Okay, dann bleiben wir dabei. Sinnierende, verspulte, schöne, traurige Musik."

"Meine Ängste" von Maxi Pongratz ist bei Trikont erschienen.

Ein Beitrag der kulturWelt vom 19. Mai 2022 auf Bayern 2. Den Podcast können Sie hier abonnieren.