Das Konzertjahr 2021 Oder: Die lang überfällige Entritualisierung des Pops

2020 gab‘s kaum Konzerte. Auch dieses Jahr werden sie anders aussehen als gewohnt, vermutlich von strengen Auflagen reguliert. Das klingt nach weniger Spaß, könnte aber auch Vorteile haben.

Von: Maximilian Sippenauer

Stand: 05.01.2021 13:54 Uhr | Archiv

Band steht auf Bühne zwischen Absperrbändern | Bild: picture alliance - Geisler-Fotopress - Steffi Adam

Mein letztes echtes Konzert: 10. Februar 2020. The Growlers, Muffathalle München. Kein wirklich guter Abend. Die Boys auf der Bühne – gelangweilt, besoffen, uninspiriert? – schrammeln ihr Programm runter, als wären sie eine von Routine desillusionierte Hochzeitskapelle. Kommunikativer Höhepunkt: "Hey, Münschen!" – "Öhhhh", blökt das Publikum reflexhaft. Ein verschwitzter Dude mit Kunstlederjacke von H&M balzt sich an eine junge Lady mit halbiertem Pony ran. Ein tätowierter Riese drängt sich wie ein fleischgewordener Paravent in mein Sichtfeld. Über allem der Smog von Bierfürzen. Ich puhle mir das Taschentuch aus den Ohren, damit mich zumindest der Sound wegbläst. Hilft nichts. Ich drücke mich durch 200 hochgehaltene Handys und will mir noch ein Bier holen. Pfandmarke verloren. Kein guter Abend.

Das Jahr einer Zwangssäkularisierung

Warum tut man sich das alles eigentlich an? Konzerte sind doch längst ritualisierte Exzesse. Formal kopieren sie mit frappierender Präzision die Struktur von Gottesdiensten. Die Bühne eine Kanzel, die Band ein Priester, die Songs schief gegröhlte Gospels, der Applaus das Amen, der Rausch transzendierend, der Bierdunst penetrant wie Weihrauch, die Eintrittspreise Kirchensteuer. Bleibt man bei der Analogie, dann war 2020 das Jahr einer Zwangssäkularisierung. Die Konzerttempel geschlossen. Die Musikerinnen und Musiker ins Exil auf Instagram und YouTube geschickt. Anstatt des branchenüblichen Jammerns vielleicht Gelegenheit für ein musikalisches Konzil. Denn wenn es irgendwann wieder Konzerte geben wird, werden die vermutlich anders aussehen. Eingeschränkter. Macht das die Sache schlimmer oder besser?

Das Maskenproblem

Aus aerosolstrategischen Gründen könnte es sein, dass Besucherinnen und Besucher um eine Maske nicht herumkommen. Klingt lästig, aber vielleicht wirken diese Masken wie Taschentuch-Ohrstöpsel für den Mund. Sie erschweren das Biertrinken, das heimliche Rauchen, das schrille Pfeifen, das notorische Mitgröhlen von Refrains. Sie rauben zwar Spaß, machen den Abend aber zugleich gesünder. Kein rauer Rachen, kein Kater am Morgen darauf. Das Konzerterlebnis in Summe nüchterner. Schließlich verhindern die Masken das Inhalieren des toxischen Schweiß-Bierausdunst-Nebels und verringern damit auch dessen verstumpfsinnende Wirkung.

Für die Musikschaffenden ist das eine Herausforderung: Wirkt die filternde Maske doch der kultischen Aura der Konzertsituation entgegen. Das bedeutet für die Hohepriester auf der Bühne, mit einem "Münschen!" allein wird man nicht mehr durchkommen, wenn unten noch alle ihre Sinne beisammenhaben. Und reckt die Band während des Refrains halbherzig das Mikro in die Menge, wird statt dem lautstarken Unisono der Punchline nur ein Gemurmel zurückkommen. Ein guter Anlass, einmal ein, zwei neue Interaktionseinheiten für die Trickkiste vorzubereiten.

Mob? Setzen!

Aus ebenfalls aerosolstrategischem Anlass könnte, zumindest vorübergehend, eine lichte Bestuhlung den chaotisch tanzenden Menschenpulk ablösen; und damit zugleich den Raum des heimlichen Übergriffes: ein Schlag ins Gesicht des balzwütigen Aufreißers mit der Kunstlederjacke. Natürlich werden auch einige lamentieren: Sitzen heißt kein Pogo, kein Stagediving, kein Headbanging, kein Kopffreitanzen, kein Rumknutschen, keine Bierdusche.

Dabei liegen die Vorteile auf der Hand. Smartphones, Geldbeutel, Jacken, Pfandmarken, kleine Geschwister – nichts davon kann in den lichten Reihen verloren gehen. Kein Zwei-Meter-Kerl mit kreischendem Fangirl auf der Schulter versperrt die Sicht auf die Bühnenshow. Und gerade für das Ego mittelerfolgreicher Bands wirkt eine konsequent antipandemische Bestuhlung wie ein Boost. Schließlich ist bei nur 20, 30 Prozent Auslastung noch der unattraktivste Gig ausverkauft.

Zurück zum Entscheidenden

Sollten 2021 Corona-Konzerte stattfinden, dann nicht mehr als konventionell konfektionierte Exzessriten, sondern als – und wenn nur für einen ephemeren Moment – ein banges, erstes Date unter dem Vorzeichen des Entzugs. Ausgehungerte Fans treffen auf ausgehungerte Bands. Alles aufgeladen von dem Reiz, sich gerade nicht berühren, riechen oder schmecken zu dürfen. Kein Call-and-Response-Sermon à la "Münschen" – "Öhhhh". Die Künstler ohne Dünkel und Eitelkeiten bemüht um ihre Performance. Die abgehobenen Hohepriester plötzlich musicus inter pares. Alle zwischenmenschliche Energie fokussiert auf die Musik. Das Sitzen dagegen wird eine ganz neue Dynamik entwickeln: rauschhaftes, exaltiertes Sitzen. Eruptives Wippen und Zappeln… Ja, machen wir uns nichts vor: Es wird ein hartes Jahr für alle Musikliebhabenden.

Aber wie alle Ausgehungerten sind wir nicht wählerisch. Wenn sich die Leadsängerin hinsetzt und kurz erzählt, wie einsam sie sich während der letzten Monate fühlte, dann spricht sie uns damit nicht nur aus dem Herzen. Wir sind bei einer Transsubstantiation dabei: Wir sind eins. Ja, und dann wird am Ende der Applaus der wenigen wie der von Tausenden klingen. Amen.