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Musiker im Lockdown Evi Keglmaier über ein Jahr Corona

Im Wirtshaus, an der Isar, im Club: Eigentlich spielt Evi Keglmaier mit der Hochzeitskapelle so viel wie möglich vor Leuten. Genau das geht nun nicht mehr. Sie blickt zurück auf ein wechselhaftes Jahr – das auch gute Seiten hatte.

Von: Evi Keglmaier

Stand: 01.03.2021

Die Musikerin Evi Keglmaier | Bild: Evi Lemberger

Wenn mich in den letzten Wochen jemand, meist mit einer besorgten Wölbung auf der Stirn und mir wiederum auf meine Stirn das Wort "Corona-Künstler" schreibend, gefragt hat, wie es mir denn jetzt so geht, mit der Pandemie und ihren Folgen, dann konnte ich diese Frage aus dem Bauch heraus nicht voll und ganz mit dem erwarteten "Schlecht" beantworten.

Doch, es geht mir glaube ich gut, obwohl ein unsichtbares Virus mich seit nun einem Jahr an einem Großteil dessen hindert, was meinen Beruf als Musikerin die längste Zeit erstrebenswert gemacht hat: Live zu spielen, vor echten, Aerosole absondernden, wertschätzenden und nicht selten am Ende eines Konzerts beseelten Menschen.

Ich darf glaube ich von mir behaupten, ich habe Glück! Glück, in einer liebevollen Partnerschaft zu leben, die mir Stabilität gibt. Glück, meine Miete noch bezahlen zu können, und nur um es erwähnt zu haben: ich wohne in der Mietenhauptstadt München! Und dann das Glück, bis weit in den Frühling ein wenig Arbeit zu haben in Form von neuen, teils lockdownunabhängigen Projekten. Ich habe für die nächsten Monate endlich wieder eine Perspektive und kann Ihnen sagen: das ist ein sehr, sehr gutes Gefühl!

Als freischaffende Musikerin komme ich seit Jahren gut damit zurecht, "auf Sicht" zu fahren. Ich hatte nie einen Businessplan und nur selten weiß ich länger als ein halbes Jahr im Voraus, wo ich wann sein werde. Ein gewisses Grundvertrauen hat sich bei mir noch immer bewährt, NUR: selbst der entspannteste Freischaffende braucht ein Minimum an Perspektive, um nicht sämtliche Kreativität im Keim zu ersticken – sie ist die Luft, die uns atmen lässt.

Es geht mir also gut, sage ich, weil ich gerade Arbeit habe, aber was jetzt bei mir fast schon entspannt klingt, ist der (vielleicht auch nur vorübergehende) Jetzt-Zustand nach einem fast einjährigen Entwicklungsprozess.

Frühling

Am Anfang des ersten Lockdowns ist da eine Phase, in der ich die große Stille – unabhängig vom beunruhigenden globalen Geschehen - eine Zeit lang auch genießen kann. Wann gönnt sich der Freiberufler schon einmal zweieinhalb Monate Auszeit? Eben, nie - aber da ist es auch schon, das latent schlechte Gewissen: Müsste ich meine rare Lebenszeit nicht gerade jetzt effektiver nutzen? Alle anderen produzieren schließlich auch ganze Lockdown-Alben, produzieren Videos von daheim aus und tun das der Welt über die sozialen Medien kund – alles großartig, aber nach vielen nichts-geleisteten Tagen die so erleichternde wie erhellende Erkenntnis: ich BIN gar nicht wie die!

Von Natur aus nicht zwingend aktiver als nötig und gern auch mal auf Impulse von außen wartend, ist mir die Umwälzung der mir vertrauten Welt durch ein Virus eigentlich schon genug Arbeit für mein überfordertes Hirn.

Stattdessen weiß ich es in dieser Zeit zu schätzen, oft und mehr als unter "normalen" Umständen bei meinem zunehmend pflegebedürftigen Vater zu sein – diese Zeit mit ihm gehabt zu haben, darum bin ich jetzt, einen Monat nach seinem Tod (ohne Corona!), sehr dankbar.

Sommer

Den vergangenen Sommer verbinde ich mit einigen wunderbaren Open-Air Konzerten der Hochzeitskapelle oder meinem Soloprojekt KEGLMAIER auf von kreativen Veranstaltern geschaffenen Freiflächen in der Stadt, auf Garagendächern in Münchner Hinterhöfen, unter Nussbäumen auf dem Land oder rollend auf einem Anhänger. Die Zeichen stehen auf Entspannung, eine Rest-Beklemmung allerdings bleibt oft beim Blick auf die zentimetergenaue Bestuhlung und die ungewohnt weit verteilten, manchmal maskierten Zuschauer. Ekstase schaut anders aus, trotzdem: Hauptsache Spielen!

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Herbst

Ende Oktober mit der Ankündigung des fragwürdigen Teillockdowns kommt die Enttäuschung, das Unverständnis: WAS macht eine spärlich besuchte Kunstgalerie jetzt gleich wieder gefährlicher als ein Autohaus? Mit jeder Verlängerung des Lockdowns steigt mein Frustpegel für einige Tage massiv an, Schlafstörungen nehmen zu, Rückenprobleme auch. Immer öfter vermeide ich die Nachrichten und es entsteht ein tiefer Wunsch nach Winterschlaf.

Immer wieder bin ich gerührt über die Hilfsangebote und die Solidarität von befreundeten Musikern, die meist als Lehrer einen "Brotjob" beim Freistaat haben. Solche Signale stärken.

Winter

Mit Beginn des Jahres, endlich endlich, kommt bei mir so etwas wie Eigeninitiative auf. In meinem Arbeitsraum fange ich an, mir eine Art Mini-Tonstudio einzurichten. Schaue Youtube-Tutorials, bilde mich weiter, möchte die Zeit nutzen. Freue mich sehr über wieder eintrudelnde Anfragen – die Veranstalter wagen es allmählich, in Richtung Frühling zu denken und das erzeugt bei mir eine lange nicht dagewesene Dynamik.

Das immer wiederkehrende Vakuum, die Leere, das Ausgehebelt-Sein aus den gewohnten Strukturen bietet Raum für Neues. Mit den Projekten, die bei mir in den nächsten Wochen und Monaten anstehen, betrete ich mit den Bereichen Performance, Hörspiel und Naturakustik oft Neuland und ich habe nach langer Zeit einmal wieder das Gefühl, Input aus anderen Bereichen zu bekommen, etwas zu lernen, mein Spektrum zu erweitern und mich intensiver darauf einlassen zu können als unter normalen Umständen.

Nach der Pandemie, die unser Gefühl für Distanz und Nähe, unser Konsum- und Kulturverhalten verschiebt wie die Erdplatten, auf denen wir stehen, wird unsere Kulturlandschaft sich verändert haben, ob wir das wollen oder nicht. Ich denke, wir tun gut daran, diese Tatsache als solche erst einmal zu akzeptieren.

Im lauten Schreien nach der Rettung der Kultur bin ich nicht gut, aber es bleibt wichtig, die Politik dafür zu sensibilisieren, was wir im Begriff sind, zu verlieren, nämlich nichts geringeres als die Möglichkeit einer Gesellschaft, sich zu artikulieren. Livestreams von Musikern, die vor Ort ins Leere spielen, bei denen eine Berührung, ein echter Austausch mit ihrem Publikum nicht stattfindet, können und werden nicht die Alternative für Livekonzerte sein. Kultur braucht Raum für Begegnung. Spielstätten brauchen in den nächsten Jahren unbedingt Unterstützung.

Wir Musiker tun gut daran, kleine Schritte zu gehen, aufmerksam und im Austausch miteinander zu bleiben. Sie sind noch da, die Zuschauer und Zuhörer, die sich genauso auf uns freuen wie wir auf sie.


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