DJ Hell, Festung Traunstein "In Traunstein schaut's böse aus"

Von: Max Büch, Tom Bauer

Stand: 15.01.2021 | Archiv

Für die Support-Initiative GEMEINSAM LAUTER sind wir in der "Festung" Traunstein. DJ Hell spielt exklusiv ein zweistündiges Set und im Gespräch mit dem Betreiber zeigt sich deutlich: Die Krise erwischt die Kulturszene auf dem Land noch einmal härter.

DJ Hell in der "Festung" Traunstein | Bild: BR

Clubs on hold Café-Lounge Festung in Traunstein

"Das Publikum. Die Leute, die hier reingehen, das ist das Wertvollste an dem Laden", entgegnet Udo Henning, Betreiber der "Festung" in Traunstein, auf die Frage, was ihm dieser Ort bedeute. "Klar, es ist toll. Das alte Gewölbe mit dieser Höhle hinten als Veranstaltungsraum. Das ist, glaube ich, ziemlich einmalig in der Gegend. Aber das wirklich wertvolle sind die Leute, die herkommen." Seit 25 Jahren betreibt Udo schon die Café-Lounge Festung und in der ganzen Zeit habe er fast nie Ärger mit seinen Gästen gehabt. Lokalverbote gibt’s bei ihm nicht.

"Die Festung ist eine Institution in Traunstein", sagt auch DJ Hell, der hier aus der Gegend stammt und schon oft in Festung aufgelegt hat. Die Bar liegt im Erdgeschoss einer alten Gastwirtschaft (über 200 Jahre soll sie schon in Betrieb sein), die direkt an das Felsgestein grenzt, auf dem die obere Altstadt Traunsteins steht. Draußen vorgelagert ist ein kleiner Biergarten, innen laden Kerzenleuchter, Bücherregale und ein Kamin dazu ein, es sich gemütlich zu machen und – wenn es nur möglich wäre – auch gerne zu versacken. Durch den Gang nach hinten steht man dann auf einmal im Felsmassiv bzw. einer Höhle, die sich dort befindet, wo Udo seine größeren Veranstaltungen macht. Über 400 Bands haben unter seiner Ägide hier gespielt.

Udo Henning, Betreiber der "Festung" Traunstein | Bild: BR

"Ehrlich gesagt lebe ich auf Pump"

Seit März 2020 steht die Höhle leer. Die Corona-Pandemie und die Hygienemaßnahmen machen Udo Henning - wie allen anderen Gastronomen - schwer zu schaffen. Mit seinem Kollegen Christoph Schraufstetter hatte er vor der Krise den Salon Erika betrieben, der als Technoclub in der Gegend etabliert war. Doch es sieht nicht danach aus, dass der Club wieder aufmachen wird. Denn die Krise ist für die Kultur- und Veranstaltungsorte vor allem in ländlichen Gegenden wie Traunstein fatal. Hier gibt es meist nicht viele Alternativen. "In Traunstein schaut's böse aus", glaubt auch Udo. Der andere Club neben dem Salon Erika mache in absehbarer Zeit auch zu. "Und dann hat es hier nichts mehr. Außer hier die Festung."

Udo hat noch das zweifelhafte Glück für einen Aus- und Umbau seines Ladens gespart und vor Covid noch eine Finanzierung aufgestellt zu haben, von der er sich jetzt über Wasser hält. "Ich zahle momentan meine Raten mit dem Kredit ab. Ich kann mir morgen auch noch meine Brötchen kaufen, aber unterm Strich und ehrlich gesagt, lebe ich auf Pump."

GEMEINSAM LAUTER WIR GEBEN BAYERNS MUSIKSZENE EINE STIMME

GEMEINSAM LAUTER - Wir geben Bayerns Musikszene eine Stimme. Eine Support-Initiative von PULS, BAYERN 3, Bayern 2 und der BR Kulturbühne | Bild: BR zum Artikel Support-Aktion für Musikszene GEMEINSAM LAUTER

Die Corona-Pandemie hat die Veranstaltungsbranche besonders hart getroffen. Unzählige Beschäftigte kämpfen um ihre Existenz. Wir wollen deshalb GEMEINSAM LAUTER ein Zeichen setzen – und der Musikszene in Bayern eine Stimme geben. [mehr]

Keine Konzerte, keine Festivals, geschlossene Clubs: Die Corona-Pandemie hat die Veranstaltungsbranche besonders hart getroffen. Unzählige Beschäftigte in der Musik- und Kulturszene kämpfen seit Monaten um ihre Existenz.

Um auf die schwierige Situation während der Corona-Krise aufmerksam zu machen und der heimischen Kultur- und Musikszene eine Bühne zu bieten, schließen sich
PULS, BAYERN 3, Bayern 2 und die BR KulturBühne zur gemeinsamen Support-Initiative “GEMEINSAM LAUTER” zusammen.

Alle zwei Wochen präsentieren wir neue Künstler*innen, Live-Clubs, Betreiber*innen und Initiativen aus ganz Bayern in den BR Programmen. Lasst uns #GemeinsamLauter sein, damit es ohne die Kulturschaffenden nicht still wird!

Videostream DJ Hell in der Café-Lounge Festung in Traunstein

DJ Hell War schon als Jugendlicher in der Festung

DJ Hell mit dem Artwork von Jonathan Meese für das neue Album "House Music Box" | Bild: Presse zum Artikel DJ Hell im Interview "In der elektronischen Musik sind wir Weltmarktführer"

Auch DJ Hell hat die Pandemie aus der Bahn geworfen – und in neue Richtungen gelenkt. Ein Gespräch über mangelnde Wertschätzung für die Clubkultur und wie er dazu kam, mit der Mutter von Jonathan Meese Liebeslieder zu schreiben. [mehr]

Auch DJ Hell, Bayerns All Time Techno Hero, ist dem Laden und Udo Henning auf besondere Weise verbunden. Als wir DJ Hell angefragt haben, ob er für eine Support-Initiative in der Festung auflegen würde, war er sofort einverstanden. "Traunstein ohne Festung...", da verschlägt es auch Hell erstmal die Sprache. "Das ist schon ein sehr wichtiger Platz hier, nicht nur fürs Nachtleben."

Helmut Geier, wie DJ Hell mit bürgerlichem Namen heißt, ist hier im Landkreis aufgewachsen, war schon als Jugendlicher gerne in der Festung. "Man hat natürlich geguckt: Was ist hier vom Programm, wer spielt?" Und Hell kommt auch nach wie vor noch gerne her, isst Udos Burger – oder legt selbst auf. "Es ist eine wichtige Traunsteiner Institution und ich wäre glücklich, wenn das die Traunsteiner Politik auch mal ein bisschen mehr schätzen und fördern würde."

"Ich muss ja keinen zum Tanzen animieren"

Für das DJ-Set in der Festung hat sich Hell noch in der Nacht zuvor vorbereitet. Die Auswahl: ein bisschen melodischer als sonst, neue Italo-Sachen, ein paar eigene, unreleaste Sachen, nicht zu hart. "Es ist im Grunde kein Techno, eher deep-italo-lastig und hoffentlich modern. Eher ungewöhnliche Sachen, weil ich muss ja keinen zum Tanzen animieren."

Um die 80 Songs hat er sich auf seinen USB-Stick geladen, mit denen er mittlerweile auflegt. Seine Vinyl-Plattensammlung, ca. 10.000 Stück, will er noch in diesem Jahr dem Münchner Stadtmuseum überlassen – möglicherweise!

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