Jazzclub Unterfahrt David Murrays Gospel-Projekt im Livestream

Er gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Jazzmusiker: US-Saxofonist David Murray interpretiert heute im Livestream des Münchner Jazzclubs Unterfahrt zusammen mit Sängerin Chanda Rule "Gospel & Spirituals".

Von: Markus Mayer

Stand: 08.12.2020

Saxophonist David Murray live auf der Bühne des USF Verftet in Bergen (Norwegen) am 20. Februar 2018. | Bild: picture alliance / Photoshot/ Gonzales Photo - Jarle H. Moe

Auch wenn sich die Vereinigten Staaten von Amerika 1776 für unabhängig erklärten, für die Sklaven ging die Hölle auf Erden, das Leben in totaler Rechtlosigkeit weiter. Die Plantagenbesitzer hatten ihnen, aus Angst vor Aufständen, sogar die Christianisierung verweigert. Durch Erweckungsbewegungen wie etwa "The Great Awakening" stieg dann jedoch der moralische Druck. Um 1830 mussten die Pflanzer des Südens der Bekehrung ihrer Untergebenen zustimmen.

Gospels und Spirituals sind deshalb mehr als bloß geistliche Lieder, sie sind Dokumente einer allmählichen Emanzipation, Vehikel der (Selbst-)Befreiung. Ob Mahalia Jackson oder Aretha Franklin – große Gospel-Interpretinnen wussten das von jeher. Spätestens wenn es um größere Belange geht in der Popwelt, wenn etwa ein Benefiz-Konzert ansteht, wie beim legendären Concert Of Bangladesh 1971 werden Gospelsongs wieder ausgepackt. Billy Preston sorgte damals bei "That's the Way God Planned It" tanzend und singend für einen Höhepunkt der Show.

Grammy Gewinner trifft auf vielversprechende neue Stimme

Nun widmet sich Tenorsaxophonist, Bassklarinettist und Grammygewinner David Murray diesem Genre, das er seit seiner Kindheit kennt. Murray wuchs als Sohn einer kalifornischen Kirchen-Organistin auf. Wenn er erwachte, hörte er seine Mutter meist Klavier spielen, weil sie sich auf den Gottesdienst vorbereitete. Wie für fast alle afroamerikanischen Jazzkünstler waren Gospel-Songs und Spirituals, das beseelte Singen in der Gemeinde, auch für den Avantgardisten Murray eine Musik-Schule, die ihn zutiefst geprägt hat. Der Standard "Morning Song" ist deswegen Teil seines Repertoires geblieben.

Das gilt auch für Chanda Rule. Die aus Chicago stammende Vokalistin zählt zur jüngeren Generation zeitgenössischer Gospel-Interpretinnen. Bereits als Dreijährige sang sie in Gottesdiensten. Nach New York umgezogen, wurde sie dann Mitglied der berühmten Harlem Gospel Singers. Als Solistin trat sie bei deren Tourneen in großen Konzerthäusern weltweit auf.

Jazz und Gospel schon immer verbandelt

Die Verbindung von Jazz und Gospelmusik ist nicht ungewöhnlich: Duke Ellington schrieb bereits 1943 "Black, Brown And Beige" – eine Orchestersuite, die Gospelsongs wie "Come Sunday" beinhaltete. Als Sängerin verpflichtete Ellington Mahalia Jackson, damals die berühmteste Gospel-Sängerin. John Coltrane wiederum integrierte 1965 in sein Meisterwerk "A Love Supreme", das ohne die Spiritualität der schwarzen Gemeinden nicht denkbar wäre, eine Komposition, die er "Psalm" nannte.  

Man darf gespannt sein, welche Stücke Murray, Rule und ihre Begleiter, der Posaunist und Pianist Paul Zauner aus Österreich sowie der tschechische Organist Jan Korinek, für den heutigen Abend ausgewählt haben und wie sie die Songs interpretieren.

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Chanda Rule - David Murray Gospel Project | Bild: Jazzclub Unterfahrt (via YouTube)

Chanda Rule - David Murray Gospel Project

David Murray und Chanda Rule spielen heute Abend, 20 Uhr im Münchner Jazzclub Unterfahrt, übertragen im Livestream via Youtube und Facebook. Dauer ca. 80 Minuten (ein langes Set ohne Pause).

Das Konzert kann man kostenlos über YouTube oder Facebook schauen. Der Jazzclub Unterfahrt bittet jedoch um eine Spende, indem man ein "virtuelles Ticket" erwirbt. Diese Spenden helfen, den Künstlern trotz der erschwerten Bedingungen angemessene Gagen zu bezahlen.