Nachbarschaftskonzerte Christoph Well über seine Fensterl-Serenaden

Seit dem ersten Lockdown vergangenen Jahres spielt Christoph "Stofferl" Well jeden Abend von seinem Fenster aus ein Konzert für seine Nachbarschaft. Ein Gespräch über den Wert von Musik in Zeiten von Corona.

Von: Hannah Heinzinger

Stand: 01.03.2021 | Archiv

Stofferl Well unterwegs. | Bild: BR/megaherz gmbh/Andreas Maluche

Ziemlich genau ein Jahr ist es nun her, dass der bayerische Musiker Stofferl Well zum ersten Mal das Fenster im ersten Stock seines Hauses im Münchner Stadtteil Haidhausen öffnete und ein Lied für seine Nachbarschaft trompetete. Seitdem gibt Well, bekannt als Mitglied der mittlerweile aufgelösten Biermösl Blosn und der Well Brüder, mit Ausnahme einer Sommerpause, jeden Abend um 19 Uhr ein kleines Konzert. Mal spielt er Trompete, mal Dudelsack und manchmal überrascht er sein Publikum sogar mit einem Alphorn, das er aus dem Fenster schiebt.

Mittlerweile sind Stofferl Wells sogenannte "Fensterl-Serenaden" für seine Nachbarschaft ein richtiges Ritual geworden. Jeden Abend versammelt sich eine kleine Traube an Nachbarinnen und Nachbarn vor seinem Fenster, hört ihm zu und klatscht zum Schluss. Für den seltenen Fall, dass Well mal einen Abend nicht zu Hause ist, hat er vorgesorgt: Auf seinem Computer liegen in einem Ordner namens "Corona Hausmusik" Noten für seine Kinder, die das abendliche Konzert für Well übernehmen, sollte er mal nicht da sein. Meistens ist er aber da, denn die Fensterl-Konzerte sind nicht nur für seine Nachbarschaft ein wichtiges Ritual geworden.

Hannah Heinzinger: Die Fensterl-Serenaden gibt es ja jetzt schon ziemlich genau ein Jahr, von einer Pause im Sommer abgesehen.

Christoph Well: Im Sommer habe ich ausgesetzt, weil kein Lockdown mehr war. Als es Anfang November wieder losgegangen ist, habe ich gleich am ersten Tag des Lockdowns wieder gespielt. Und zack – schon standen auch wieder ein paar Leute da und haben gewartet. Als hätten sie es gewusst.

Was kamen bis jetzt für Rückmeldungen aus der Nachbarschaft?

Viele schreiben mir und einen Kuchen habe ich auch schon bekommen. Eine Geschichte war wirklich nett: Als der letzte Tag vom ersten Lockdown war, im Frühjahr, da hat der harte Kern der Nachbarn, unten vor dem Fenster gesagt: "Heute musst du uns mal zuhören!" Sie haben ein kleines Konzert für mich veranstaltet: Eine Frau hat Akkordeon gespielt und dann haben sie mir "Guter Mond du gehst so stille" vorgespielt. Das war wirklich nett.

Rückt die Nachbarschaft jetzt auch enger zusammen? Lernt man sich besser kennen?

Also beim Namen kenne ich nicht alle, ich kann mir auch Namen und Leute nur sehr schlecht merken. Aber ich weiß: Alle die kommen, sind hier aus dem Viertel. Es ist interessant, weil man hier jetzt nur noch die Leute sieht, die auch hier wohnen. Und diese Leute müssen auch immer aushalten, wie ich tagsüber übe und zupfe. Als Belohnung gibt es jetzt jeden Abend eine gscheide Melodie.

Wie ist die Idee entstanden, jeden Abend aus dem Fenster zu spielen?

Ich hab bei der Aktion für das Klinikpersonal mitgemacht, bei der man "Freude schöner Götterfunken" aus dem Fenster rausspielen sollte. Das war ganz schön und dann dachte ich mir: Ich übe sowieso jeden Tag Trompete, Harfe und Querflöte – wenn ich aus dem Fenster spiele, dann ist das Üben nicht ganz umsonst. Deswegen spiele ich seitdem jeden Abend um sieben erst zur Nordseite in den Innenhof und dann zur Südseite auf die Straße raus. Am Sonntag spielen auch oft meine Kinder mit, da machen wir immer unseren Fensterl-Barock. Unter der Woche spiele ich, was mir grade einfällt, meistens Lieder, die ich gerne mag. Zum Beispiel "Guter Mond du gehst so stille" oder "Guten Abend, gute Nacht".

Was ist das Besondere an den Fenster-Konzerten, warum macht man das über einen so langen Zeitraum?

Es strukturiert einfach den Tag. Für mich und auch für die Leute. Die machen dann einen kleinen Abendspaziergang, hören mir beim Spielen zu und gehen dann wieder heim. Es kommt wieder ein bisschen Struktur in die Tage, die sehr lang geworden sind. Der Gelehrte Augustinus hat gesagt: Musik ist die Gliederung, die Strukturierung von Zeit. Und insofern strukturiere ich meiner Nachbarschaft von 19 Uhr bis 19.05 Uhr ihre Zeit. Der Zeitpunkt ist insofern fix, weil wir zu der Zeit immer Kochen. Das Fensterl-Konzert ist immer zwischen Salat und Hauptgericht. Deswegen muss ich mir auch keinen Wecker stellen. Und in Bayern braucht man wegen der vielen Kirchturmuhren eh selten einen Wecker.

Wie hat sich mit Corona ihr Leben verändert?

Im letzten Sommer haben wir noch ein paar Folgen für meine Sendung im BR gedreht, das ging zum Glück noch. Und im Freien konnten wir auch noch ein paar Mal spielen. Aber sonst war ganz wenig los, seit November gar nichts mehr, außer hier und da ein Streaming-Konzert. Und jetzt übe ich halt nur, weil wenn ich eine Woche lang keine Harfe spiele und dann wieder anfange, habe ich an jedem Finger eine Blutblase. Mit der Trompete genauso: Wenn man da einmal zu lange Pause macht, muss man sehr lange üben, bis man wieder auf dem vorherigen Stand ist. Deswegen übe ich so oder so. Insofern hat sich mein Tagesablauf nur dahingehend verändert, dass ich später aufstehe und früher ins Bett gehe. Man wird immer mehr zum Murmeltier.

Wie sehen Sie die Lage der Kulturszene? Die steckt ja in einem eher unfreiwilligen Winterschlaf.

Ja, das ist für mich echt eine schwierige Sache. Als wir mit der Familie Well angefangen haben Musik zu spielen, da hat es generell nur ganz wenige Veranstaltungen gegeben. Da hat man für den Gartenbauverein mal die Weihnachtsfeier gestaltet oder irgendein Jubiläum – das waren auf dem Dorf die einzigen Veranstaltungen. Das hat sich dann zum Guten hin verändert, als die Kleinkunst aufs Land gekommen ist. Da ist die Kultur gewachsen, wie eine schöne Blume, die immer größer und bunter und kräftiger geworden ist. Und jetzt dieser Lockdown: Ich habe das Gefühl, das ist ein kultureller Pilzbefall des Rosenstocks Kultur. Und meine Angst ist ein bisschen, dass alles, was in den letzten 50 Jahren gewachsen ist – auch im Bewusstsein der Leute, die Wertschätzung von Kunst und Kultur – dass die wieder abnimmt, je länger wir ohne sie leben müssen. Für mich ist Kultur ein Lebensmittel. Das brauche ich genauso wie Essen und Trinken und die Gesellschaft auch. Das unterscheidet den Menschen vom Viech: das Lachen.

Was muss die Politik tun um Musikerinnen und Musiker zu unterstützen?

Die Politik muss endlich erkennen, dass Kultur systemrelevant sein muss. Man entmenschlicht die Gesellschaft, wenn sie keine Kultur mehr wahrnehmen kann. In einem Flieger kann man mit 400 Leuten sitzen, aber nicht in einem Konzert? Es wundert mich, warum es in der Kultur so streng gehandhabt wird und in anderen Bereichen nicht. Ich denke, das liegt an der Geringschätzung der Kultur seitens der Politik. Deswegen kommt vor dem Musiker noch der Friseur und der Metzger. Nichts dagegen, jedes Handwerk ist gleich viel wert und wichtig für die Gesellschaft. Aber trotzdem habe ich Kollegen, die haben bis heute nicht ihre erste Überbrückungs-Hilfe bekommen. Da würde ich mir wünschen, dass der Wert der Kultur endlich erkannt wird.  

Wenn Sie am Abend aus Ihrem Fenster spielen, denken Sie dann an all das? Was geht Ihnen in diesen Momenten durch den Kopf?

Wenn ich spiele, denke ich eigentlich relativ wenig. Das Schöne am Musikspielen ist für mich, dass ich genau in der Zeit bin. In dem Moment bin ich genau bei mir. Und so spiele ich dann auch. Absolut eins mit mir selbst. Das ist einfach eine schöne Strukturierung von Zeit und ich kann mich mitteilen. Musik ist wie eine Verbindung, das sind ja Schallwellen. Die kommen ins Ohr und suchen sich dann die Bahn in die obere, vordere oder hintere Hirnrinde und assoziieren dann bei den Zuhörern etwas. Das muss gar nicht der Gedanke sein, den ich dabei hatte. Es entsteht ein Kontakt, das ist das Schöne. Und das ist es auch, was mir abgeht von den Live-Auftritten. Der Kontakt mit dem Publikum. Und das habe ich so, ein bisschen wenigstens.